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Co-abhängig.de

Wenn Helfer in ihrer Hilfe hilflos werden, hilft nur Hilfe für die hilflosen Helfer.

Hilfe für hilflose Helfer

Inhalt:
1. Familie und Freunde
2. Selbsthilfe
3. Professionelle Hilfe
4. Hilfe für Kinder

Co-Abhängigkeit ist nicht gleich Co-Abhängigkeit. Je nach Ausmaß der Belastungen und Verstrickungen, den konkreten Auffälligkeiten und Beschwerden, dem biografischen und aktuellen Lebenshintergrund und zusätzlichen Stressoren und Problemen benötigen Betroffene individualisierte Unterstützung, Beratung oder Therapie, um sich aus den Verstrickungen zu befreien. Folgend werden Ihnen verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

In den allermeisten Fällen werden Sie ausreichende Unterstützung und Hilfe bei vertrauten Personen finden. Familienangehörige, Freunde, Arbeitskollegen oder aber Ihr Seelsorger sind die besten Helfer. Entscheidend dabei ist es, dass die Personen, an die Sie sich wenden, sich solidarisch um Sie kümmern und nicht um den Suchtkranken. Auch ist es wichtig, dass Sie nicht Ihre Helfer (co-abhängig) nutzen, um noch besser auf den Suchtkranken Einfluss zu nehmen. Es geht darum, dass Sie liebevolle Aufmerksamkeit und Zuwendung erfahren.

Der Suchtbereich hat wie kein anderes psychosoziales Hilfesystem über viele Jahrzehnte eine vorbildhafte und flächendeckende Selbsthilfe ausentwickelt. Es gibt heute eine Vielfalt an Selbsthilfeorganisationen mit mehr oder weniger unterschiedlichen Konzepten. Oftmals werden die Angehörigen in die Suchtselbsthilfegruppe intergriert, es gibt aber auch Gruppen ausschließlich für Angehörige. Da es allgemein an Konzepten zur Angehörigenarbeit mangelt, ist die Arbeitsweise der Selbsthilfegruppen stark geprägt von den jeweiligen Gruppenleitern. Leider geht es nach meinen Erfahrungen in vielen Selbsthilfevereinen und -gruppen allzu häufig vorrangig um die Suchtkranken bzw. das Thema der Sucht. Ein ausgearbeitetes, differenziertes und angehörigenzentriertes Konzept der Angehörigenproblematik und -selbsthilfe habe ich bislang ausschließlich bei den Al-Anon Familiengruppen (Alcoholics Anonymous Family Groups) und deren Kinder- und Jugendgruppen Alateen gefunden. Diese verstehen Abhängigkeit als eine Familienkrankheit und arbeiten traditionell nach dem 12-Schritte-Programm (» mehr...).

Die Erkenntnis, dass Sie mit ihren Problemen nicht allein auf der Welt sind, tröstet und der Austausch mit anderen Betroffenen kann hohe therapeutische Qualitäten haben. Falls Sie eine Selbsthilfegruppe suchen, fragen Sie in der Suchtberatungsstelle vor Ort, schauen Sie in die örtlichen Adressenlisten oder richten Sie sich direkt an die örtlichen Selbsthilfeverbände.

Falls Ihnen Familie und Freunde trotz aller Bemühungen nicht helfen können, Sie sich durch Familie und Freunde unverstanden oder allein gelassen fühlen oder Ihre persönliche Situation eskaliert ist, kann das Aufsuchen einer professionellen Stelle notwendig und hilfreich sein.

Beratungsstelle:
Suchtberatungsstellen sind Kompetenzzentren in Bezug auf Abhängigkeitsprobleme und daher auch bei co-abhängigen Problemen oder Störungen die erste Wahl als Anlaufstelle. Nach meiner Erfahrung gibt es sehr engagierte Beratungsstellen, die Einzelberatung oder Gruppen für Angehörige anbieten. Falls Sie nach fachlicher Hilfe suchen, rufen Sie in Ihrer Beratungsstelle an oder besuchen Sie die Sprechstunde. Auch in einer Lebensberatungsstelle oder Frauenberatungsstelle können Sie ggf. erfolgreich Hilfe erhalten.
Nach meinen Recherchen gibt es bedauerlicherweise viel zu wenige Beratungsstellen, die dem Hilfebedarf der Angehörigen die notwendige Aufmerksamkeit schenken. Sollten Sie das Gefühl haben, dass Ihre persönlichen Verstrickungen und Probleme nicht gesehen und gewürdigt werden, sie nur als Anhängsel des Suchtkranken betrachtet werden oder Sie gar "benutzt" werden, um Zugriff auf den Suchtkranken zu erhalten, in diesem Fall suchen Sie sich bitte ein anderes Hilfeangebot!

Ambulante Psychotherapie:
Falls Sie an einer profunden co-abhängigen Störung leiden bzw. falls Ihr Leidensdruck und Ihre Beschwerden Sie in Ihrem täglichen Leben beeinträchtigen, kann Ihnen eine ambulante Psychotherapie helfen. Der Schutzraum einer Einzeltherapie und die dort erfahrene Solidarität ermöglicht Ihnen, durchzuatmen, zu sich zu finden und das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen. Auch kann sich bei Kindern, die in Suchtfamilien aufgewachsen sind, im Erwachsenenalter eine Posttraumafolgestörung mit Depressionen, Ängsten und anderen psychosomatischen Beschwerden bilden. Auch in diesem Fall, sind Sie beim ambulanten Psychotherapeuten aufgehoben, um Trauma, Entfremdung und Isolation zu überwinden.
Einschränkend ist zu erwähnen, dass viele Psychotherapeuten nur wenig über Co-Abhängigkeit wissen oder das Störungsbild nicht anerkennen. Fragen Sie daher vorher nach, ob der Behandler geeignet ist. In den sogenannten Probesitzungen zu Anfang können Sie überprüfen, ob Sie sich bei dem Behandler wohl und als Person und mit Ihrer Problematik verstanden und angenommen fühlen.

Psychosomatik:
Wenn Sie krankhaft vom Suchtkranken und dem Wunsch, helfen zu wollen, eingenommen sind, Ihnen zu Hause alles über den Kopf wächst, Sie Ihren Alltag nicht mehr bewältigt bekommen und Erschöpfung, Depressionen, Ängste und Leidensdruck ins Unermessliche wachsen, dann hilft nur noch sehr viel Abstand. In einer (teil-) stationären psychosomatischen Rehabilitationsmaßnahme können Sie, fern vom Suchtkranken und entlastet von Ihrer verfahrenen Situation, zu Kräften kommen, einen klaren Kopf gewinnen und Ihre Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit wiedererlangen.
Co-Abhängigkeit ist keine von den Kostenträgern anerkannte Krankheit. Die Behandlung müsste auf Grundlage einer anderen psychischen Erkrankung beantragt werden, z.B. einer Depression, einer Angststörung oder einer psychosomatischen Störung. Lassen Sie sich durch eine Beratungsstelle oder einen Arzt Ihres Vertrauens bei der Vermittlung helfen. Für die Kostenbeantragung benötigen Sie ein ärztliches Attest.

Es gibt nur wenige spezialisierte stationäre Therapieangebote für Angehörige. Drei Angebote möchte ich Ihnen aufgrund ihres Vorbildcharakters vorstellen: Die pychosomatische Fachklinik Hochsauerland bietet ein stationäres Behandlungskonzept für "psychosomatisch erkrankte Angehörige Suchtkranker" (» Zur Homepage der Klinik...). Mein Haus, die Klinik für Suchtmedizin des LWL-Klinikums Gütersloh, hat ein integriertes tagesklinisches Therapiekonzept für Suchtkranke und psychosomatisch erkrankte Angehörige. (» Flyer abrufen...). Das Hiram Haus Magnolia bietet für suchtkranke Eltern und ihre Kinder einen geschützten Rahmen zum gemeinsamen Wohnen. Eltern und Kinder werden hier begleitet und für ein unabhängiges Leben gestärkt (» Zur Homeppage des Hauses...).

Frauenhaus, Jugendamt, Notruf, Opferhilfe, Polizei, Anwalt:
Falls Sie oder auch Ihre Kinder psychischer und physischer Gewalt durch einen Suchtkranken ausgesetzt sind, kann die Inanspruchnahme der aufgezählten öffentlichen Stellen unumgänglich werden, um sich und die Kinder zu schützen und einen noch größeren Schaden abzuwenden.

Dass Sie Ihre Co-Abhängigkeit überwinden (und der Suchtkranke seine Sucht), ist die beste Therapie für die Kinder. Kinder aus Suchtfamilien haben ein erhöhtes Risiko, später als Erwachsene selber eine Co-Abhängigkeit oder Sucht zu entwickeln. Was aber Mut macht, ist die Erkenntnis, dass wenn die Eltern ihre (Co-) Abhängigkeit überwinden, kein erhöhtes Risiko mehr besteht. Die Kinder lernen aus der Entwicklung der Eltern. Deswegen machen Sie den ersten Schritt, aktiv etwas zu verändern und Ihre Verstrickungen zu überwinden. Nur dann kann es flankierend sinnvoll und hilfreich sein, auch den Kindern Therapie zukommen zu lassen. Ein Hinweis vorweg: Kinder aus Suchtfamilien haben in Folge der erlebten suchtbelasteten, familiären Unbeständigkeit oftmals tiefgreifende Bindungsstörungen. Kurzfristige Maßnahmen greifen in solchen Fällen nicht, sie sind nur ein Tropfen auf heißen Stein. Diese Kinder benötigen unbedingt langfristig angelegte Maßnahmen, in denen sie Sicherheit und Beständigkeit erfahren, um in ihrer Persönlichkeit nachhaltig reifen zu können.

Beratungsstelle:
In der letzten Zeit ist das Schicksal von Kindern aus Suchtfamilien immer mehr in den Mittelpunkt der fachlichen und öffentlichen Aufmerksamkeit getreten. Immer mehr Suchtberatungsstellen bieten Gruppen für betroffene Kinder an, z.B. nach dem Präventionsprogramm Trampolin (» mehr...). Die kindzentrierten Angebote sind zumeist integriert in ein Gesamtbehandlungkonzept, das ebenfalls Maßnahmen für die co-abhängig und suchtkrank betroffenen Eltern beinhaltet. Diese präventiven Entwicklungen stehen noch ganz am Anfang, sind aber unbedingt zu begrüßen. Es dreht sicht nicht mehr alles nur um den suchtkranken Symptomträger, vielmehr wird das familiäre Abhängigkeitssystem in den Fokus der therapeutischen Aufmerksamkeit gestellt. Dies hat den großen Vorteil, dass auf das ganze familiäre System zielgerichtet Einfluss genommen werden kann, und zwar unabhängig davon, ob der Suchtkranke eine Behandlung annimmt oder verweigert. Fragen Sie in Ihrer Suchtberatungsstelle nach.

Patenschaften:
An einigen Orten sind auf Initiative von Selbsthilfe oder Trägern sogenannte Patenschaften für Kinder von sucht- und psychisch kranken Eltern eingerichtet worden. Es werden ehrenamtliche Personen geschult und eingesetzt, die sich engagieren wollen und bereit sind, die Entwicklung von betroffenen Kinder langfristig zu begleiten und zu fördern. Typischerweise haben die Paten zwei übergeordnete Funktionen: erstens regelmäßig mit den Kindern positive Aktivitäten zu unternehmen und zweitens in Krisen für das Kind da zu sein. Die Paten ersetzen selbstverständlich keine notwendigen pädagogischen oder therapeutischen Maßnahmen, doch sind sie Grundlage dafür, dass diese Maßnahmen überhaupt greifen können. Patenschaften sind besonders hilfreich und wertvoll, weil sie den Kindern im Choas des suchtbelasteten Alltags Verlässlichkeit, Halt und Sicherheit über einen langen Zeitrahmen bieten.

Erziehungs- und Familienberatungsstellen:
Co-abhängige können sich nicht nur gegenüber dem suchtkranken Partner schlecht abgrenzen und durchsetzen, häufig haben sie, so ist meine Erfahrung, als Eltern gegenüber etwaigen Kinder vielfältige Erziehungsschwierigkeiten. In solchen Fällen können Sie eine Erziehungs- oder Familienberatungsstellen, die es ebenso wie die Suchtberatungsstellen flächendeckend in unserem Land gibt, kostenlos in Anspruch nehmen.

Kinder- und Jugendpsychotherapeut:
Das Aufwachsen in einer Suchtfamilie ist für ein Kind eine traumatische Belastung. Falls Ihr Kind psychosoziale Auffälligkeiten entwickelt hat, die trotz aller Ihrer Bemühungen nicht besser werden und die Sie überfordern, dann kann es sinnvoll sein, dass Sie gemeinsam mit Ihrem Kind einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten aufzusuchen. Gemeinsam können Sie beraten, was für kindzentrierte Maßnahmen notwendig sind. Der Therapeut wird Sie aber auch in Ihren erzieherischen Bemühungen unterstützen. Auch hier gilt allerdings, dass eine Therapie Ihres Kindes nur greifen kann, wenn Sie selber aktive Schritte zur Überwindung Ihrer Co-Abhängigkeit unternehmen.

Hinweis: Diese Seite basiert auf dem Kapitel sieben aus dem Ratgeber Ich will mein Leben zurück!.