Hilfe für Helfer

Inhalt:
1. Familie und Freunde
2. Selbsthilfe
3. Professionelle Hilfe
4. Hilfe für Kinder
5. Persönliche Rechte

Die Angehörigenproblematik der Sucht hat viele Gesichter. Je nach Ausmaß der Belastungen und Traumata, den konkreten Auffälligkeiten und Beschwerden, dem biografischen und aktuellen Lebenshintergrund und zusätzlichen Problemen benötigen Betroffene individualisierte Unterstützung, Beratung oder Therapie, um sich aus den Verstrickungen zu befreien. Folgend werden Ihnen verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

In den allermeisten Fällen werden Sie als Angehörige ausreichende Unterstützung und Hilfe bei Familie und Freunden finden. Vielleicht gibt es auch eine andere Vertrauensperson in ihrem Umfeld, ein Mitschüler, ein Vertrauenslehrer, ein Arbeitskollege, ein Sozialarbeiter oder ein Seelsorger, an die Sie sich wenden können. Und sollte ihre Problematik als Angehörige kompliziert sein, ist es am besten, wenn Sie sich gleich an mehrere Personen richten und ein Hilfenetzwerk Sie auffängt. Entscheidend dabei ist, dass sich die ausgewählte Personen solidarisch um Sie kümmern und Sie Ihre Helfer nicht (co-abhängig) nutzen, um noch besser auf den Suchtkranken Einfluss zu nehmen. Es geht allein darum, dass Sie für sich liebevolle Zuwendung und persönliche Klärung erfahren.

Der Suchtbereich hat wie kein anderes psychosoziales Hilfesystem über viele Jahrzehnte eine vorbildhafte und flächendeckende Selbsthilfe ausentwickelt. Es gibt heute eine Vielfalt an Selbsthilfeorganisationen mit mehr oder weniger unterschiedlichen Konzepten. Oftmals werden die Angehörigen in die Suchtselbsthilfegruppe intergriert, es gibt aber auch Gruppen ausschließlich für Angehörige. Da es allgemein an Konzepten zur Angehörigenarbeit mangelt, ist die Arbeitsweise der Selbsthilfegruppen stark geprägt von den jeweiligen GruppenleiterInnen. Leider geht es nach meinen Erfahrungen in vielen Selbsthilfevereinen und -gruppen allzu häufig vorrangig um die Suchtkranken bzw. das Thema der Sucht. Ein ausgearbeitetes, differenziertes und angehörigenzentriertes Konzept der Angehörigenproblematik und -selbsthilfe habe ich bislang ausschließlich bei den Al-Anon Familiengruppen (Alcoholics Anonymous Family Groups) und deren Kinder- und Jugendgruppen Alateen gefunden. Diese verstehen Abhängigkeit als eine Familienkrankheit und arbeiten traditionell nach dem 12-Schritte-Programm ( » mehr).

Die Erkenntnis, dass Sie mit ihren Problemen nicht allein auf der Welt sind, tröstet und der Austausch mit anderen Betroffenen kann hohe therapeutische Qualitäten haben. Falls Sie eine Selbsthilfegruppe suchen, fragen Sie in der Suchtberatungsstelle vor Ort, schauen Sie in die örtlichen Adressenlisten oder richten Sie sich an die örtlichen Selbsthilfeverbände.

Falls Ihnen Familie und Freunde trotz aller Bemühungen nicht helfen können, Sie sich durch Familie und Freunde unverstanden oder allein gelassen fühlen oder Ihre psychische oder soziale Situation eskaliert ist, kann das Aufsuchen einer professionellen Stelle notwendig und hilfreich sein.

Beratungsstelle:
Sucht- und Drogenberatungsstellen sind Kompetenzzentren in Bezug auf Abhängigkeitsprobleme und daher auch für Angehörige die erste Wahl als Anlaufstelle. Nach meiner Erfahrung gibt es sehr engagierte Beratungsstellen, die Einzelberatung oder Gruppen für Angehörige anbieten. Falls Sie nach fachlicher Hilfe suchen, rufen Sie in der Suchtberatungsstelle vor Ort an oder besuchen Sie die Sprechstunde. Auch in einer Lebens-, Familien- oder Frauenberatungsstelle können Sie ggf. angehörigenzentrierte Hilfe erhalten.
Bedauerlicherweise gibt es immer noch viel zu viele Beratungsstellen, die dem Hilfebedarf der Angehörigen nicht die notwendige Aufmerksamkeit schenken. Sollten Sie das Gefühl haben, dass Ihre persönlichen Verstrickungen und Probleme nicht gesehen und gewürdigt werden, sie nur als Anhängsel des Suchtkranken betrachtet werden oder Sie gar ausschließlich "benutzt" werden, um Zugriff auf den Suchtkranken zu nehmen, in diesem Fall suchen Sie sich bitte ein anderes Hilfeangebot.

Ambulante Psychotherapie:
Falls Sie in Folge der Probleme und Belastungen im Zusammenleben mit einem Suchtkranken einen hohen Leidensdruck und eigene psychische und psychosomatische Beschwerden entwickeln, die Sie in Ihrem täglichen Leben beeinträchtigen, kann eine ambulante Psychotherapie hilfreich sein. Der Schutzraum einer Einzeltherapie und die dort erfahrene Solidarität ermöglicht Ihnen, durchzuatmen, zu sich zu finden und das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen. Auch kann sich bei Kindern, die in Suchtfamilien aufgewachsen sind, im Erwachsenenalter eine komplexe Posttraumafolgestörung mit Depressionen, Ängsten und anderen psychosomatischen Beschwerden bilden. Auch in diesem Fall, sind Sie beim ambulanten Psychotherapeuten aufgehoben, um Trauma, Entfremdung und Isolation zu überwinden. In den Sprechstunden und Probesitzungen zu Anfang einer Therapie können Sie überprüfen, ob Sie sich bei dem gewählten Behandler wohl und als Person und mit Ihrer Problematik verstanden und angenommen fühlen.

Psychosomatik:
Wenn Sie krankhaft vom Suchtkranken und dem Wunsch, helfen zu wollen, eingenommen sind, Ihnen zu Hause alles über den Kopf wächst, die Bewältigung des Alltags Ihnen schwer fällt und Erschöpfung, Depressionen, Ängste und Leidensdruck ins Unermessliche wachsen, dann hilft nur noch sehr viel Abstand. In einer stationären psychosomatischen Rehabilitationsmaßnahme können Sie, fern vom Suchtkranken und entlastet von Ihrer verfahrenen Lebenssituation, zu Kräften kommen, einen klaren Kopf gewinnen und Ihre Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit wiedererlangen. Lassen Sie sich durch eine Beratungsstelle oder einen Arzt Ihres Vertrauens bei der Vermittlung helfen. Für die Kostenbeantragung benötigen Sie ein ärztliches Gutachten.
Hinweis: Mir sind leider mit einer Ausnahme keine spezialisierten stationären Therapieangebote für Angehörige bekannt. Die Johannesbad Fachklinik Fredeburg bietet ein stationäres Behandlungskonzept für "psychosomatisch erkrankte Angehörige Suchtkranker" (» mehr).

Frauenhaus, Jugendamt, Notruf, Opferhilfe, Polizei, Anwalt:
Falls Sie oder auch Ihre Kinder psychischer und physischer Übergriffigkeiten durch einen Suchtkranken ausgesetzt sind oder der Suchtkranke gegen das BtmG oder wegen Beschaffungskriminalität gegen andere Gesetze verstößt, kann die Inanspruchnahme der aufgezählten öffentlichen Stellen unumgänglich werden, um sich und die Kinder zu schützen und einen noch größeren Schaden abzuwenden. Weil Angehörige diesbezüglich oftmals (moralisch) verunsichert sind, möchte ich hier eindeutig Stellung beziehen: Ja, Sie dürfen ihren z.B. gewalttätigen Partner oder dealenden Sohn anzeigen. Ob Sie juristische Schritte einleiten oder nicht ist allerdings einzig und allein Ihre Verantwortung und Entscheidung.

Dass Eltern Ihre (Co-)Abhängigkeit überwinden, ist die beste Therapie für die Kinder. Kinder aus Suchtfamilien haben ein erhöhtes Risiko, später als Erwachsene selber eine Co-Abhängigkeit oder Sucht zu entwickeln. Was aber Mut macht, ist die Erkenntnis, dass wenn die Eltern ihre (Co-) Abhängigkeit überwinden, kein erhöhtes Risiko mehr besteht. Die Kinder lernen aus der Entwicklung der Eltern. Deswegen machen Sie den ersten Schritt, aktiv etwas zu verändern und Ihre Verstrickungen zu überwinden. Nur dann kann es flankierend sinnvoll und hilfreich sein, auch den Kindern Therapie zukommen zu lassen. Ein Hinweis vorweg: Kinder aus Suchtfamilien haben in Folge der erlebten suchtbelasteten, familiären Unbeständigkeit oftmals tiefgreifende Bindungsstörungen. Kurzfristige Maßnahmen greifen in solchen Fällen nicht, sie sind nur ein Tropfen auf heißen Stein. Diese Kinder benötigen unbedingt langfristig angelegte Maßnahmen, in denen sie Sicherheit und Beständigkeit erfahren, um in ihrer Persönlichkeit nachhaltig reifen zu können.

Spezialisierte Beratungsstelle
Noch sind sie selten, doch es gibt sie schon und sie werden mehr, spezialisierte Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche suchtbelasteter oder psychisch kranker Eltern. Das große Vorbild und Original einer solchen Stelle ist für mich Such(t)- und Wendepunkt e.V. in Hamburg (» mehr). Diese Stellen sind Kompetenzzentren für die Problematik, solidarisieren sich mit den Kindern, bieten jedoch stets auch Beratung und Unterstützung für Eltern an und kooperieren im Sinne des Kindes eng mit anderen Stellen (Suchtberatung, Familienhilfe, Jugendamt).

Sucht- und Drogenberatung:
Immer mehr Beratungsstellen haben Fachkräfte, die sich schwerpunktmäßig um die Belange von Kindern aus Suchtfamilien kümmern und spezielle Einzel- und Gruppenmaßnahmen anbieten. Die kindzentrierten Angebote sind oftmals integriert in ein Gesamtbehandlungkonzept, das ebenfalls Maßnahmen für die co-abhängig und suchtkrank betroffenen Eltern beinhaltet. Diese präventiven Entwicklungen stehen noch ganz am Anfang, sind indes sehr zu begrüßen. Es dreht sicht nicht mehr alles nur um den suchtkranken Symptomträger, vielmehr wird das familiäre Abhängigkeitssystem in den Fokus der Aufmerksamkeit und der Bemühungen gestellt. Dies hat den großen Vorteil, dass auf das ganze familiäre System zielgerichtet und flexibel Einfluss genommen werden kann, und zwar unabhängig davon, ob der Suchtkranke eine Behandlung annimmt oder verweigert. Fragen Sie in Ihrer Sucht- oder Drogenberatungsstelle nach.

Patenschaften:
An einigen Orten sind auf Initiative von Selbsthilfe oder Trägern sogenannte Patenschaften für Kinder von sucht- und psychisch kranken Eltern eingerichtet worden. Es werden ehrenamtliche Personen geschult und eingesetzt, die sich engagieren wollen und bereit sind, die Entwicklung von betroffenen Kinder langfristig zu begleiten und zu fördern. Typischerweise haben die Paten zwei übergeordnete Funktionen: erstens regelmäßig mit den Kindern positive Aktivitäten zu unternehmen und zweitens in Krisen für das Kind da zu sein. Die Paten ersetzen selbstverständlich keine notwendigen pädagogischen oder therapeutischen Maßnahmen, doch sind sie Grundlage dafür, dass diese Maßnahmen überhaupt greifen können. Patenschaften sind besonders hilfreich und wertvoll, weil sie den Kindern im Choas des suchtbelasteten Alltags Verlässlichkeit, Halt und Sicherheit über einen langen Zeitrahmen bieten.

Erziehungs- und Familienberatung, Jugendamt:
Verstrickte Angehörige können sich nicht nur gegenüber dem suchtkranken Partner schlecht abgrenzen und durchsetzen, häufig haben sie, so ist meine Erfahrung, als Eltern gegenüber etwaigen Kinder vielfältige Erziehungsschwierigkeiten. In solchen Fällen können Sie eine Erziehungs- oder Familienberatungsstellen, die es ebenso wie die Suchtberatungsstellen flächendeckend in unserem Land gibt, kostenlos in Anspruch nehmen. Auch durch das Jugendamt können Sie sich beraten und in eine geeignete Maßnahme vermitteln lassen.

Kinder- und Jugendpsychotherapeut:
Das Aufwachsen in einer Suchtfamilie ist für ein Kind eine traumatische Belastung. Falls Ihr Kind psychosoziale Auffälligkeiten entwickelt hat, die trotz aller Ihrer Bemühungen nicht besser werden und die Sie überfordern, dann kann es sinnvoll sein, dass Sie gemeinsam mit Ihrem Kind einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten aufzusuchen. Gemeinsam können Sie beraten, was für kindzentrierte Maßnahmen notwendig sind. Der Therapeut wird Sie aber auch in Ihren erzieherischen Bemühungen unterstützen. Auch hier gilt allerdings, dass eine Therapie Ihres Kindes nur greifen kann, wenn Sie selber aktive Schritte zur Überwindung Ihrer Co-Abhängigkeit unternehmen.

Gemeinsame Hilfen:
Aufgrund des modellhaften Charakters möchte ich hier exemplarisch noch auf das Hiram Haus Magnolia hinweisen, welches für suchtkranke Eltern und ihre Kinder einen geschützten Rahmen zum gemeinsamen Wohnen bietet. Eltern und Kinder werden hier begleitet und für ein unabhängiges Leben gestärkt (» mehr).

Ursula Lambrou hat als erste in Deutschland über erwachsene Kinder aus Suchtfamilien publiziert (1990). Ihr Buch "Familienkrankheit Alkoholismus" ist nach wie vor zeitgemäß und lesenswert. Der Höhepunkt des Werkes ist für mich die "Liste persönlicher Rechte" (S. 228). In der Liste fasst Lambrou in 16 Sätzen prägnant zusammen, worauf es in der Selbsthilfe, Prävention und Therapie von Betroffenen ankommt. Die Landeszentrale für Gesundheit von Rheinland-Pfalz hat einen Flyer mit der Liste persönlicher Rechte veröffentlicht, der unter dem folgenden Link als PDF abgerufen werden kann: » Liste. Die Liste ist auch für andere Angehörige hilfreich.

Hinweis: Diese Seite basiert - mit Ausnahme der Liste persönlicher Rechte (Lambrou, 1990)- auf dem Kapitel sieben aus dem Ratgeber Ich will mein Leben zurück!.