Helfen zu müssen, ist der süchtige Zwang der Co-Abhängigkeit.

illustration frosch werfen

Andere Medien

Die hier aufgeführten Romane, Filme und Lieder werden unter dem Aspekt empfohlen, dass suchtbetroffene Angehörige und Kinder im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Die Medien sind nach dem Veröffentlichungsdatum gelistet.

Stuart, D. (2020). Shuggie Bain. London: Picador.

Zeh, J. (2018). Neujahr. München: Luchterhand.

Twain, M. (1884). Huckleberry Finns Abenteuer. Zürich: Diogenes.

Brunner, U. (Reg., 2020). Trinkerkinder. Die langen Schatten alkoholkranker Eltern [Film]. Schweiz.

Eine Dokumentation über das Schicksal von (erwachsenen) Kindern aus Suchtfamilien. Ausgehend von der persönlichen Geschichte der Autorin Ursula Brunner und anhand verschiedener betroffener Personen wird in dem Schweizer Film das Schicksal und die Not der Trinkerkinder und ihre Schwierigkeiten und Möglichkeiten, sich zu befreien, veranschaulicht. Erwachsene und noch jugendliche Betroffene kommen in dem 49-minütigen Beitrag selbst ausgiebig zu Wort, erzählen von ihren tragischen Erfahrungen und den Auswirkungen auf ihr Leben. Die Kamera bewegt sich im Lebensalltag der Betroffenen und hält doch Abstand. So sind die Ausführungen zwar zugewandt, bleiben aber nüchtern. Diese Sachlichkeit des Films erinnert mich an den dissoziativ gefühlsfernen Selbstschutz der Betroffenen, ihre geichförmig unaufgeregte Stimme und ihre unbewegte Mimik und Gestik, wenn sie in der Therapie über die Schrecknisse der Kindheit erzählen. Dadurch wird die Dokumentation ihrem unprätentiösen Anspruch, über das Thema zu informieren, durchaus gerecht, wie ich finde.

Goiginger, A. (Reg., 2017). Die beste aller Welten [Film]. Mödling bei Wien: RitzlFilm.

Der Film ist autobiografisch, der Autor und Regisseur erzählt von seiner schwierigen Kindheit, wie er als Siebenjähriger in der Drogenszene Salzburgs aufwächst. Die Mutter Helga ist zerrissen zwischen ihrem Vorsatz, für ihren Sohn gut zu sorgen, und dem Zwang, ihre innere Leere mit Drogenkonsum zu stillen. Im Mittelpunkt steht indes Adrian, wundervoll gespielt von Jeremy Miliker, wie er sowohl Liebe, Freiheit und Lebensfreude erfährt, als auch die mit dem Drogenleben verbundenen Schwierigkeiten erlebt und diese mit Ängsten und Alpträumen bezahlt.
Die Geschichte gewinnt ihre Spannung aus der Ambivalenz zwischen dem bis ins Detail schonungslos dargestellten Drogenleben und der zarten Idealisierung der mütterlichen Liebe. Eben gerade deswegen bleibt der Film stets auf dem festen Boden der Realität, gleitet nie ins Sentimentale ab und hinterlässt eine versöhnliche und hoffnungsvolle Stimmung. Adrian geht trotz und wegen dieser Kindheit mutig und kreativ seinen Weg - in der für ihn besten aller Welten.

Curval, J.L. (Reg., 2016). Sanfter Mann sucht Frau [Film]. Frankreich: ARTE.

Ein sehr französischer, stiller und unprätentiöser Film darüber, wie Annette, eine 30-jährige Frau, die mit ihrem Sohn Eric in einer Kleinstadt im Norden Frankreichs wohnt und als Kassiererin arbeitet, eine abhängige Beziehung zu einem gewalttäigen Trinker und ein leeres Leben hinter sich lässt. Der Titel verwirrt indes. Er müsste vice versa lauten: Sanfte Frau sucht Mann. Der Film kommt vollständig ohne große Aktion aus und bleibt sich bis zum Ende darin treu, die Begegnungen und Beziehungen der Hauptfigur und ihren emotionalen Prozess der Befreiung mit viel Zartgefühl zu begleiten.

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Weegmann, R. (Reg., 2016). Ein Teil von uns [Film]. Deutschland: Constantin Television.

Der Film handelt vom leidvollen Leben einer erwachsenen Tochter einer alkoholkranken Mutter. Brigitte Hobmeier spielt die Hauptfigur Nadja facettenreich, ungeschminkt und vielschichtig. Der Film bringt dem Zuschauer die emotionalen Abgründe einer Suchtfamilie stets aus dem Blickwinkel von Nadja und in mitleidloser Solidarität mit ihr nahe. Brigitte Hobmeier formulierte in einem Interview zur Rolle folgendes (2016): "Sie will meilenweit wegrennen und kommt keinen Millimeter voran. Ihr Selbstschutz wird zur Mauer, hinter der sie vor Einsamkeit fast krepiert." Der Film ist realistisch bis zur Schmerzgrenze. Die Bilder gehen unter die Haut und sind nichts für Zartbesaitete oder Betroffene, die von der eigenen Geschichte noch zu sehr verwundet sind. Der Film bietet für Nadja keine Hoffnung oder Erlösung, doch überrascht das Ende in seiner ernüchternden Offenheit und Akzeptanz.

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poster zoey

Medienprojekt Wuppertal (2015). Zoey - Ein Spielfilm über die Lebenswelt von Kindern einer suchtbelasteten Familie [Film]. Wuppertal.

Der Film leuchtet trotz seiner Kürze und Projekthaftigkeit feinfühlig alle emotionalen Nuancen des Schicksals von Jugendlichen aus Suchtfamilien aus. Das Ende deutet an, wie Betroffene das leidvolle Schicksal überwinden können, ohne dass der Film ins Kitschige abrutscht oder falsche Hoffnungen weckt. Der Film ist besonders für die präventive Arbeit mit Jugendlichen geeignet.

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Es gibt jede Menge Songs, die Suchtmittelkonsum sowohl verherrlichen als auch problematisieren, z.B. "Alkohol" von Herbert Grönemeyer. Lieder, in denen die Sorgen, Not und Sehnsucht der Angehörigen im Mittelpunkt stehen, sind rar. Deswegen sind die, die es gibt, besonders wertvoller.

Duo EigenArts (2020). Albatros. Dennoch [CD].
„Nicht reden, nicht fühlen, niemandem traun. Es ist doch nichts... Mama und Papa, auf Alkohol formatiert. Es ist doch nichts... Kindergefühle, wie Müll kompostiert. Es ist doch nichts. - Albatros, nimm mich mit auf deinen Schwingen. Flieg mich hinauf aus grauen Mauern in warmen Sonnenschein.“
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Voodoo Jürgens (2016). Alimente. Ansa Voar [CD]. Österreich: Lotterlabel.
„... des hod si für mi erledigt hapo, i wü von dem nix mehr hean. du kaunnst mi gern hobn und wem anan anrean. i hob a engels geduld und hob ma deine geschichtln lang gnua augheart. i hobs in guadn probiert... hod ollas nix brocht und sche langsam föd ma die kroft.“

Marius Müller-Westerhagen (2002). Was Du... In den Wahnsinn [CD]. Europa: Warner Music.
„Ich hab auch keinen Vater mehr. Er soff sich in sein Grab. Als er noch lebte, liebte ich ihn. Das ist, glaub ich, normal. - Was du fühlst ist nicht immer, was du fühlst. Was immer du auch fühlst.“

Reinhard Mey (1996). Kati und Sandy. Leuchtfeuer [CD]. Berlin: Hansa-Tonstudio.
„Sandys Vater hängt im Sofa, schon am Mittag breit. Und dann kommen seine fiesen, eckeligen Sprüche. Und Mutter hört die lustigen Musikanten in der Küche. Manchmal ist alles so sinnlos, hat alles keinen Zweck. Manchmal sehnen sich die beiden weit, weit weg."