illustration blume giessen

Selbsthilfe

Von beinah Anbeginn der Suchtselbsthilfe gab es auch spezielle Selbsthilfegruppen für Angehörige. Im Jahr 1951 soll die erste Al-Anon-Gruppe - so heißt das Angehörigenpendant der Anonymen Alkoholiker - gegründet worden sein (» Al-Anon auf Wikipedia). Allerdings sind Selbsthilfegruppen für Angehörige bis heute eher selten und es mangelt an zeitgemäßen Konzepten (» Methoden). Nachstehend möchte ich Ihnen mein Konzept der Angehörigenselbsthilfe skizzieren, welches dem Ratgeber "Ich will mein Leben zurück!" (Flassbeck, 2014) zugrunde liegt und in das wissenschaftlichen AnNet-Projekt der Universität Hildesheim (2017) eingegangen ist. Im Folgenden werden Ihnen neben einem illustrierenden Fallbeispiel Rahmenbedingungen und drei Leitlinien für die angehörigenzentrierte Selbsthilfe vorgestellt.

Der folgende Artikel über Selbsthilfe für Angehörige entstand durch die Kooperation von Günter Philipps, Vorsitzender der Suchtselbsthilfe in Gütersloh, und mir und erschien 09/2019 in der Selbsthilfezeitschrift der Freundeskreise: » Artikel

Frau H. nutzt die Gruppe für sich

Frau H. ist 30 Jahre alt, Mutter und Hausfrau und verheiratet mit einem Exuser. Sie besucht seit fast zwei Jahren eine Angehörigengruppe. Als sie neu in die Gruppe kam, kurz nach der Geburt des zweiten Kindes, war sie überfordert, erschöpft und sehr depressiv. Darüber, dass sie sich nur noch um den Haushalt, die Kinder und den suchtkranken Mann kümmerte, hatte sie ihre Freunde verloren, jegliche positive Aktivitäten aufgegeben und sich selbst in allen Belangen des täglichen Lebens vernachlässigt. In den zwei Jahren der Gruppenteilnahme bessert sich ihre Befindlichkeit deutlich und sie runderneuerte ihr gesamtes Leben. Der Mann besucht ebenfalls seit zwei Jahren eine Selbsthilfegruppe und lebt seitdem clean.

An diesem Abend erzählt Frau H. in der anfänglichen Blitzlichtrunde, dass der Mann am Wochenende einen Rückfall tränenreich gebeichtet habe. Alle Teilnehmerinnen der Gruppe halten erschrocken die Luft an. Frau H. wird deutlich: "Ich habe ihm gesagt, dass er aufhören soll, zu jammern, und den Rückfall in seiner Gruppe bearbeiten soll. Ich will mich nicht aufregen. Das ist sein Problem. Er soll mich damit in Ruhe lassen. Das habe ich ihm auch so gesagt." Nach einer Atempause lächelt sie ein wenig nervös und äußert, dass sie für heute Abend ein eigenes Thema dabeihabe. Sie wolle wieder zurück in den Beruf und sich auf eine Leitungsstelle bewerben, habe aber Angst davor. Sie bittet die Gruppe um Unterstützung. Alle entspannen sich und wir vereinbaren, Frau H. und ihrem wichtigen Thema viel Raum zu geben.

Anmerkung: In diesem kleinen Fallbeispiel werden alle drei Leitlinien vorbildhaft verwirklicht. Bemerkenswert ist es, wie selbstbewusst Frau H. die eigenen Interessen vertritt.

Zielgruppe: Die Hauptbetroffenengruppen für eine Angehörigenselbsthilfe sind erwachsene Kinder, Partner und Eltern. Auch Geschwister, andere Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen oder Suchthelfer können sich so verstricken, dass sie Hilfe benötigen. Die Betroffenengruppen können gemischt werden, weil zwischen ihnen eine große Schnittmenge besteht und alle dieselben Probleme haben. Ein zusätzlicher Hinweis: Eine Angehörigengruppe abhängig vom Suchtmittel des Suchtkranken, wie es leider immer wieder in der Suchthilfe zu finden ist, z.B. ausschließlich für Angehörigen von Spielern, ist sinnlos. Die Probleme der Angehörigen sind losgelöst vom Suchtmittel des Suchtkranken.

Hauptziel: Das übergeordnete Ziel der Selbsthilfe von Angehörigen lautet Unabhängigkeit. Dies bedeutet, dass die Betroffenen durch die Hilfe zur Selbsthilfe in die Lage gebracht werden, wieder ihr Leben in die Hand zu nehmen und ihre Wünsche, Interessen und Werte zufriedenstellend zu verwirklichen, und zwar möglichst unabhängig davon, ob der Suchtkranke konsumiert oder aufhört, und auch unabhängig davon, inwieweit sich die Angehörigen abgrenzen oder bereit sind, dem Suchtkranken zu helfen.

Rahmen: Selbsthilfegruppen für Angehörige sollten exklusiv sein. Eine gemeinsame Gruppe mit Suchtkranken ist aus zwei Gründen abzulehnen. Erstens kommen Angehörige in solchen Gruppen erfahrungsgemäß zu kurz, weil sich gewöhnlich alles um die Themen von Sucht und Abstinenz dreht. Angehörige brauchen einen Freiraum, um die eigenen Probleme und Themen zu erkunden. Zweitens sind Angehörige allzu häufig Opfer von Übergriffigkeiten der Suchtkranken. Angehörige brauchen einen Schutzraum, um Trost zu erfahren und zu lernen, sich zu schützen.

Angehörige von Suchtkranken können sich in der Hilfe für den Kranken problematisch verstricken. Angetrieben von Angst- und Schuldgefühlen müssen sie helfen. Sie erleben es als alternativlose Notwendigkeit und ihr Verhalten ist mehr oder weniger zwanghaft. Die Hilfe für Angehörige zielt darauf ab, dass die zwanghafte Fokussierung auf den Suchtkranken aufgelöst wird und die Betroffenen sich selbst wieder in das Zentrum ihres Lebens rücken: "ICH statt ER". Die Angehörigen sollen eine Wahl entwickeln, Hilfe geben oder ablehnen zu können. Dies bedeutet, Kontrollzwänge und Heilillusionen über Bord zu werfen, die eigene Erschöpfung wahrzunehmen und zu lernen, die Grenzen der Belastbarkeit zu achten.

Um ihre Wahl zu leben, müssen sie darüber hinaus lernen, sich abgrenzen und Nein sagen zu können. Dies bedeutet, die übermäßige Fremdverantwortung abzugeben: "Die Sucht ist sein Problem und es ist seine Verantwortung, sich auf den Weg zu machen und sich dafür die notwendige Unterstützung zu holen." Die Abgrenzung ist Mittel zum Zweck, nämlich Raum für sich zu gewinnen, um sich wahrzunehmen, über sich und das eigene Leben zu reflektieren und wieder ausreichend für sich selbst zu sorgen, was zur nächsten Leitlinie überleitet. Frau H. aus dem Fallbeispiel hat schon verinnerlicht, sich von den süchtigen Manipulationen des Mannes abzugrenzen und sich selbst und ihre Interessen ins Zentrum ihres Lebens zu stellen.

Tabuspiel

Wenn in Angehörigengruppen die TeilnehmerInnen sehr von dem Suchtkranken, seinem Verhalten und den zerstörerischen Auswirkungen der Sucht eingenommen sind, setze ich gerne das Tabuspiel ein. Ich schlage eine Blitzlichtrunde vor: "Wie geht es Ihnen? Was beschäftigt Sie?", in der die Benennung des Suchtkranken Tabu ist. Zusätzliche Instruktion ist es, jeden Satz mit dem Personalpronomen Ich zu beginnen und ausschließlich das eigene Erleben zu beschreiben. Sobald Angehörige den Suchtkranken direkt oder indirekt benennen, werden sie unterbrochen: "Bitte versuchen Sie, die Ereignisse ausschließlich aus Ihrer Sicht zu schildern, und konzentrieren Sie sich allein auf das eigene Erleben."

Die Effekte dieser Übung sind für die TeilnehmerInnen unmittelbar erfahrbar.

Verstrickte Angehörige handeln selbstlos. Sie haben für den Suchtkranken und andere stets überbordendes Mitleid, sind bis zur Selbstaufgabe verständnisvoll und nachsichtig und sind allzeit bereit, für anderen grenzenlos da zu sein. Nur gegenüber sich selbst sind sie kritisch, fordernd und hart. Der Austausch mit anderen Angehörigen, die in derselben Situation stecken oder gesteckt haben, dient dazu, umzulernen, also mit sich mitfühlender und anderen konsequenter zu werden. Im Mittelpunkt steht das Erleben und die Bedürftigkeit der Angehörigen:

  • Was fühle ich?

  • Was denke ich?

  • Was spüre ich?

  • Was brauche ich?

  • Was will ich? Was will ich nicht?

Indem das Erleben der Angehörigen durch die Gruppe validiert wird und sie parteiisch Mitgefühl, Solidarität und Trost erhalten, können sie lernen, einen annehmenden, fürsorglichen Kontakt zu sich zu pflegen und ihre Wünsche und Erwartungen gegenüber anderen klarer zu kommunizieren.

Das Mitgefühl mit sich selbst ist Voraussetzung dafür, die eigenen Wünsche, Interessen und Werte wahrzunehmen und sie in geeigneter und zufriedenstellender Form zu realisieren. Die Fähigkeit zum Selbstrost ist der Rückhalt dafür, übermäßige Ängste zu überwinden und sich in das Abenteuer Leben hinauszuwagen. Es geht darum, die Eigenverantwortung dafür anzunehmen, was man aus dem eigenen Leben macht, und mutig, kreativ und selbstbestimmt auszuprobieren und zu gestalten. Drei Aspekte, das Leben zurückzuerobern, halte ich für wichtig:

  • Werden Sie im Kleinen wieder für sich tätig: Es geht darum, im Lebensalltag Pausen einzulegen, sich zuzugestehen, durchzuatmen, und jeden Tag mit kleinen positiven Aktivitäten, wie z.B. Spazierengehen, Eisessen oder einem warmen Bad, anzureichern.

  • Entwickeln Sie eine gesunde Aggressivität: Verstrickte Angehörige haben eine ungesunde Moralvorstellung, nicht egoistisch oder aggressiv sein zu dürfen: "Ich will niemanden verletzen." Diese Vermeidung bedingt, dass sie ständig zu kurz kommen und verletzt werden. Es gilt, diese Moral abzumildern und durch eine gesunde Aggressivität zu bereichern: "Ich darf etwas vom Leben wollen und ich darf meine Wünsche aktiv in die Tat umsetzen."

  • Leben Sie Ihre Träume: Wenn Angehörige eine gesunde Aggressivität entwickelt und ihren Lebensalltag positiv umgestaltet haben, dann geht es in einem weiteren Schritt darum, die großen Lebensthemen anzugehen. Im Fallbeispiel von Frau H. ist es die berufliche Karriere. Die Selbsthilfegruppe berät, motiviert: "Trau dich!" und gibt Rückhalt: "Es darf schief gehen. Aus Fehlern lernt man."