Transmission

Die süchtige Transmission ist in Fachkreisen bekannt: Ungefähr ein Drittel der Kinder aus Suchtfamilien nehmen im Jugend- und Erwachsenenalter selbst eine deviant süchtige Entwicklung (Zobel, 2006, S. 109-227). Vornehmlich sind Jungen betroffen. Doch es existiert eine zweite Transmission, die kaum bekannt ist, sich eher unauffällig verhält, nur unzureichend erforscht ist und ich als co-abhängig bezeichne: Ein weiteres Drittel der Kinder aus Suchtfamilien entwickelt als Folge der traumatischen Kindheit eine psychische Störung (Klein, 2001). Vermutlich sind hiervon eher Mädchen betroffen. Des Weiteren wissen wir, dass eher Mädchen aus Suchtfamilien eine Neigung haben, im späteren Leben suchtkranke Partner zu wählen, ohne selbst suchtkrank zu werden (Schukitt et al., 1997; Olmstedt et al., 2003). Es darf angenommen werden, dass diese selektive Partnerwahl Ausdruck der zugrunde liegenden psychischen Problematik ist. Diesen Zusammenhang hat schon die amerikanische Therapeutin Claudia Black beobachtet und 1981 in ihrem Buch "It will never happen to me!" beschrieben. (Die hier zitierte Literatur finden Sie auf der Seite » Literatur.)

Was möchte ich Ihnen nahe bringen? Es gibt eine beträchtliche Schnittmenge zwischen den drei Betroffenengruppen: Kindern, Partnern und Eltern. Vornehmlich Mädchen aus Suchtfamilien werden Partnerinnen von Suchtkranken und diese werden Mütter mit wiederum sucht- und co-abhängig gefährdeten Kindern. Der transgenerative, familiäre Kreislauf schließt sich. Worauf möchte ich hinaus? Es gibt im Grunde nur eine Angehörigenproblematik, die sich im Verlauf des Lebens der Betroffenen in zwar unterschiedlichen Beziehungen, aber immer in derselben Form äußert. Kinder, Partnerinnen und Eltern übernehmen die Verantwortung, die der Suchtkranke störungsbedingt nicht mehr ausfüllen kann, und sie leiden unter den Belastungen, die die Auswirkungen der Sucht mit sich bringen ( » Betroffenheit).

Was läuft nicht gut in der Hilfe von Suchtkranken und Angehörigen? In Deutschland gibt es Interessenvertretungen und Beratungsstellen speziell für Kinder aus Suchtfamilien und es gibt Vereine und Selbsthilfegruppen nur für Eltern suchtkranker Kinder. Diese selektive Fokussierung wird der Angehörigensache nicht gerecht. Gänzlich absurd wird es, wenn auch noch zwischen den Suchtformen unterschieden wird und z.B. Therapiegruppen ausschließlich für Partner von spielsüchtig Betroffenen angeboten werden. Darüber hinaus haben wir eine Suchthilfe etabliert, die sich allein auf die suchtkranke Zielgruppe beschränkt, die Angehörigenproblematik marginalisiert und sich in dieser Sache als nicht zuständig erklärt. Suchtkranke stammen nach meinen klinischen Erfarungen in nahezu der Hälfte der Fälle aus Suchtfamilien. Ihre Sucht ist auf der Betroffenheit als Angehörige gewachsen. Diese Zersplitterung wird der (co-)abhängigen Problematik nicht gerecht. Es führt dazu, dass folgenlos an Symptomen "herumgedoktert" wird.

Was sind die Implikationen daraus? Es geht allgemein darum, das abhängige soziale System und auch die Dynamik über die Lebenszeit der Betroffenen und die Generationen der betroffenen Familien hinweg als komplexes Ganzes wahrzunehmen. Nur dann kann angemessene, differenzierte Hilfe geleistet werden. Konkret bedeut dies:
1. Die Suchthilfe, Suchtprävention und Suchtselbsthilfe sollten die Angehörigenproblematik mehr einbeziehen, das psychotherapeutische Hilfesystem hingegen sollte sich mehr der abhängigen Problematik zuwenden und beide Hilfesysteme sollten besser im Sinne des komplex belasteten, (co-)abhängigen Systems kooperieren.
2. Falls Sie sich für Angehörige engagieren, berücksichtigen Sie die lebenslangen Auswirkungen und deren transgenerationale Weitergabe und beziehen Sie alle Betroffenengruppen ein. Die Therapie von Suchtkranken und psychisch kranken Angehörigen ist stets auch eine präventive Maßnahme und Prävention in Bezug auf die Kinder aus Suchtfamilien macht nur Sinn, wenn die (co-)abhängigen Bezugspersonen einbezogen und einer Therapie zugeführt werden.
3. Sollten Sie selbst süchtig oder co-abhängig betroffen sein, treten Sie einen Schritt zurück und erkennen Sie Ihre überdauernden Erlebens- und Verhaltensmuster bzw. Ihre abhängigen, familiären Verstrickungen. Die nüchterne, gründliche Problemanalyse ist Voraussetzung dafür, dauerhaft persönliche Unabhängigkeit zu entwickeln.

Hinweis: Die Inhalte basieren auf dem Abschnitt 3.1 des Fachbuchs "Die langen Schatten der Sucht" (Flassbeck & Barth, 2020).