Sucht betrifft viele, alle anderen sind als Angehörige betroffen.

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Willkommen

Sie interessieren sich für die Angehörigenproblematik der Sucht? Vielleicht, weil Sie selbst als Kind, Partner, Eltern, Geschwister oder Freund betroffen sind, weil Sie sich in der Selbsthilfe engagieren oder weil Sie als Suchthelfer, Sozialarbeiter oder Psychotherapeut tätig sind? Vielleicht auch, weil Sie aus der Sucht ausgestiegen sind, und erfahren möchten, wie andere unter Ihrem süchtigen Verhalten gelitten haben? Diese Website solidarisiert sich parteiisch mit betroffenen Angehörigen.

Der Domänenname dieser Website soll einer vielschichtigen und facettenreichen Problematik eine eigene Überschrift geben. Angehörige sind nicht nur Anhängsel, sie leiden ebenso unter den Folgen und Begleiterscheinungen der Sucht wie die Suchtkranken. Co-abhängige Erlebens- und Verhaltensmuster sind dadurch gekennzeichnet, dass sich die Betroffenen in der Hilfe für eine nahestehende suchtkranke Person verstricken. Durch die Aufopferung im Dienste der Sucht vernachlässigen sie sich selbst, ihre Lebensinteressen und Selbstfürsorge. Darüber entwickeln sie nicht selten eigene psychosoziale und psychosomatische Probleme und Störungen.

Angehörige benötigen Hilfe, doch sie nehmen oftmals die eigene Not kaum wahr und bagatellisieren sie: "Ist nicht schlimm, alles gut!" Ihr stilles Leiden wird durch die Hilfesysteme nur unzureichend erkannt und infolgedessen fallen sie zwischen die Hilfenetze von Prävention, Jugendhilfe, Suchthilfe und Psychotherapie. In der bewussten Hinwendung zu und Beachtung von Angehörigen, davon bin ich überzeugt, liegt eine enorme Chance, die Hilfesysteme gerechter zu gestalten und eine bessere Vernetzung zu entwickeln.

Ihr Jens Flassbeck

foto flassbeck

2024-06 | Saarbrücken | Lesung

Die Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle des Caritasverbandes für Saarbrücken und Umgebung e.V. hat mich für eine Lesung nach Saarbrücken geladen. Die Veranstaltung findet am Freitagabend, 14.06.2024, im Lesecafé der Stadtbibliothek,Gustav-Regler-Platz 1, statt. Der Titel lautet: "Die Frau, der Alkoholiker und die anderen". Aus der Ankündigung:

Jens Flassbeck liest aus seinem Buch „Ich will mein Leben zurück! – Selbsthilfe für Angehörige von Suchtkranken“. Nahe Angehörige eines Suchtkranken erleben Tag für Tag eine Achterbahn der Gefühle: Scham, Ohnmacht, Wut und Enttäuschung, aber zugleich auch immer Sorge um den süchtigen Partner oder Elternteil und Hoffnung auf eine Wendung. Doch die Erschöpfung im Dienste des Süchtigen ist oftmals vergebens. Das Buch hilft co-abhängig verstrickten Menschen mit vielen Anregungen und Übungen, zu einer gesunden Distanz und wieder zu sich selbst zu finden.

Die Aktionswoche Alkohol vom 8. bis 16. Juni 2024 stellt unter der zentralen Frage „Wem schadet dein Drink?“ die Auswirkungen des Alkoholkonsums auf Dritte in den Mittelpunkt. Denn: Alkohol schadet nicht nur denen, die ihn trinken. Problematischer Alkoholkonsum und Abhängigkeitserkrankungen haben Auswirkungen auf andere. Sowohl Menschen im sozialen Umfeld als auch die Gesellschaft tragen die Folgen. Betroffene gibt es in fast allen Lebensbereichen.

Ich nutze Poesie- und Bibliotherapie (» Wikipedia) in der psychotherapeutischen Behandlung und werde Texte von Klientinnen und von mir selbst lesen. Die Angehörigenproblematik der Sucht mal anders, kreativ auf die Bühne zu bringen, darauf freue ich mich riesig.

» Ankündigung Lesung
» Suchtberatung Saarbrücken

Alle Beiträge der letzten Monate finden Sie auf der Seite: » Aktuelles.

2024-04 | Freundeskreise NRW | Vortrag

Der Arbeitskreis Angehörige des Landesverbandes NRW der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe hatte mich zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion geladen: "Angehörige sind auch betroffen". Die Veranstaltung fand am 17.04.2024 im IKK Gebäude in Gütersloh statt. Den Titel hatte ich bewusst trotzig gewählt. In der Ankündigung zu einer Fachtagung zum sozialen Umfeld von Sucht hatte ich gelesen, dass Angehörige mit-betroffen seien und mit-beachtet und mit-behandelt werden sollten. Das ist eine gesundheitspolitische Lesart, die bedauerlicherweise in der Suchthilfe weitverbreitet ist und durch welche die Angehörigenproblematik marginalisiert wird.

Dem habe ich im Vortrag entgegengehalten und konkret ausgeführt, dass Angehörige leidvoll betroffen sind, eine angehörigenzentrierte Beachtung verdienen und bedarfsgerechte, spezialisierte Angebote durch Selbsthilfe, Prävention, Beratung und Therapie benötigen. Aus der Ankündigung zur Veranstaltung:

Abhängigkeit ist ein soziales System. Kinder, Partner, Eltern oder Geschwister von Suchtkranken sind dauerhaft vielfältigem Stress sowie allzu häufig psychischen und physischen Übergriffigkeiten ausgesetzt. Sie vernachlässigen darüber ihre eigenen Aktivitäten, Interessen und sozialen Bezüge. Hinzu kommt, dass sie oftmals keine oder kaum Unterstützung erfahren, weil sie selbst und andere ihre Hilfebedürftigkeit nicht erkennen. Die Angehörigen bleiben in der schwierigen, ausweglosen Situation allein und können darüber psychosoziale Probleme und Störungen entwickeln. Angehörige fallen zwischen die Netze der Hilfesysteme. Ihre Problematik benötigt daher sehr viel mehr Beachtung, Engagement und Vernetzung durch Selbsthilfe, Suchthilfe, Jugendhilfe und Psychotherapie.

Der Abend war wie stets bei dem tragischen Thema sehr lebendig. Indes war es der pure Zufall, dass mich am nächsten Tag in der Sprechstunde eine Suchtberaterin anrief und das Gespräch damit eröffnete, dass sie meiner These zustimme, dass die Suchthilfe im Allgemeinen viel zu wenig für Angehörige tue. Auch in ihrer Einrichtung fehle es völlig an Angeboten für Angehörige, was sie als selbst Betroffene frustriere. So sehr ich zwar mit dem Abend und den Begegnungen und Diskussionen zufrieden war, bin ich doch mit einem ein wenig niedergeschlagenem Gefühl des Gescheitertseins verblieben, dass sich in den zweieinhalb Jahrzehnten, in denen ich mich mit dem Angehörigenthema beschäftige und mich als Fachbuchautor engagiere, gesundheitspolitisch wenig in der Sache verändert hat und ich auch in meiner Region Ostwestfalen-Lippe, abgesehen von der lobenswerten, doch begrenzten Initiative einzelner KollegInnen oder Einrichtungen, keine nachhaltigen, strukturellen Fortschritte erkennen kann.

Eine Schieflage ist mir schon bei der Vorbereitung des Vortrags klar geworden: Suchtverbände, Selbsthilfevereine und auch Einrichtungen der Suchthilfe sind Lobbyvertretungen der Suchtkranken. Das ist ihr Zweck und dies ist im Prinzip gut so. Wenn sich diese Vertretungen allerdings den Angehörigen zuwenden, geraten sie in einen Interessenkonflikt; das liegt in der "Natur der Sache". Es ist ein wenig so, als wenn sich Männergesangsvereine in Fragen der Emanzipation der Frauen einmischen. Das muss schiefgehen. Wir haben eine starke Lobby für Suchtkranke, doch die Lobby für Angehörige ist deutlich unterrepräsentiert. Das ist nicht gut.

Früher wollte ich die Suchthilfe reformieren, heute bin ich bescheidener geworden und freue mich schon über kleine regionale oder individuelle Entwicklungen. An dem Abend habe ich eine Reihe engagierter Mitglieder der Freundeskreise kennengelernt. Ich habe erfahren, dass in Bielefeld und Minden neue Selbsthilfegruppen gegründet worden sind und eine Gruppe in Gütersloh quicklebendig ist, welche ich vor einigen Jahren initiiert habe. Und ich habe ehemalige und aktuelle Klientinnen aus Gütersloh getroffen, denen es auch als Folge ihrer Therapie gut geht. Vielleicht am meisten hat mich die Rückmeldung eines schon älteren, erwachsenen Sohnes aus einer Suchtfamilie berührt, der sich seit Jahren in der Selbsthilfe engagiert, dass er durch die Inhalte dazu gelernt habe, dass seine Betroffenheit noch viel tiefer gehe, als ihm bisher klar gewesen sei. Der Arbeitskreis Angehörige der Freundeskreise und ich haben schon angedacht, 2025 einen weiteren Abend zu gestalten.

» Website Freundeskreise NRW

Folgend einige Hinweise zum Gebrauch und zum konzeptionellen Hintergrund dieser Website:

Diese Website ist zum Schmökern gedacht. Sie ist gefüllt mit Informationen, die sich an verschiedene Gruppen: Kinder aus Suchtfamilien, PartnerInnen, Eltern, andere Angehörige, Suchtbetroffene, Fachleute, Journalisten und alle anderen, die sich informieren wollen, richten und die das inhaltliche Spektrum von trockenen Fachkonzepten bis hin zu kreativen Herangehensweisen abbilden. Um Ihnen die Orientierung zu erleichtern, gibt es erstens ein Sidemap, welches Sie auf jeder Seite unten links im Footer aufrufen können. Zweitens finden Sie unten auf den Seiten die Rubrik: "Auch interessant", mit Vorschlägen für inhaltlich ergänzende Seiten, um weiterzulesen.

» Sidemap

Eine Angehörigenproblematik

Verschiedene Gruppen sind als Angehörige von Sucht betroffen: Kinder, erwachsene Kinder, Partner, Eltern, Geschwister, Freunde, Arbeitskollegen, Suchthelfer etc. Die Betroffenheit hat zwar viele individuelle Gesichter, doch es gibt meines Erachtens nur eine Angehörigenproblematik. Das möchte ich Ihnen anhand von zwei Argumenten erläutern.

Erstens überschneiden sich die Betroffenengruppen erheblich. Dies liegt an der co-abhängigen Transmission (» Transmission). Mädchen - seltener Jungen - aus Suchtfamilien, suchen sich als Erwachsene überdurchschnittlich häufig suchtkranke Partner. Aus diesen (co-)abhängigen Partnerschaften gehen wiederum süchtig und co-abhängig gefährdete Kinder hervor. Geschätzt die Hälfte der Partnerinnen und Mütter und auch, doch seltener Partner und Väter, die ich in über 20 Jahren Angehörigenarbeit behandelt habe, ist biografisch schon durch eine Kindheit in einer Suchtfamilie vorbelastet gewesen.

Zweitens sind alle Personen, die in einem engen, langfristigen Kontakt mit Suchtkranken stehen, denselben Belastungen ausgesetzt: Das berauschte und entzügige Verhalten der Suchtkranken ist selbstsüchtig, verantwortungslos und unzuverlässig. Als Reaktion darauf entwickeln die Angehörigen komplementäre Muster der Selbstlosigkeit, Verantwortungsübernahme und Verlässlichkeit, um die Defizite der Suchtkranken auszugleichen. Auch wenn Kinder zweifelsohne aufgrund ihrer ungefestigten Persönlichkeit besonders vulnerabel sind, sind die psychosozialen Leiden und Folgeprobleme der unterschiedlichen Angehörigengruppen im Prinzip dieselben.

Aus den beiden genannten Gründen wird die Angehörigenproblematik auf dieser Website ganzheitlich betrachtet und behandelt.

Suchthelfer sind Angehörige

Bevor ich mich ambulant als Psychotherapeut niedergelassen habe, habe ich lange als Suchttherapeut gearbeitet. Damals habe ich nach und nach begriffen, dass die Themen und Probleme der Angehörigen ähnlich den beruflichen Herausforderungen der Suchthilfe sind. Auch Suchthelfer können sich in selbst aufopfernden und Verantwortung schulternden Mustern verlieren. Wie Dachdecker vom Dach fallen können, können sich Suchthelfer verstricken. Es ist ihr Berufsrisiko.

Die therapeutische Arbeit mit Angehörigen ist Psychohygiene für Suchthelfer. Indem ich Angehörigen geholfen habe, klarer zu werden und sich besser abzugrenzen, habe ich implizit gelernt, mich gegenüber der suchtkranken Klientel konsequenter zu verhalten. Es hat mir geholfen, sowohl die Sorge für die süchtige Klientel als auch die Selbstfürsorge im Berufsalltag besser auszubalancieren, um nicht auszubrennen und hart und negativ zu werden. Zynismus ist eine häufig zu findende Form der psychischen Beschädigung von Suchthelfern und Angehörigen.

Der Begriff Angehörige wird auf dieser Website als eine Kategorie verwendet, unter die auch Suchthelfer fallen. Alle Inhalte richten sich gleichermaßen an familiär und beruflich Betroffene.

Angehörige von psychisch kranken Personen

Alle Angehörigen von psychisch kranken Personen sind belastet. Warum beschränkt sich diese Website auf das Angehörigenthema der Sucht?

Abhängigkeitserkankungen sind auch psychische Störungen, doch sie unterscheiden sich in einem Aspekt von den meisten anderen psychischen Störungen. Der Suchtmittelmissbrauch ist der Versuch, eine primäre psychische Erkrankung zu bewältigen. Durch den Rausch werden die psychischen Leiden betäubt. Kurzfristig sorgt dies zwar für Erleichterung, doch langfristig verschlimmert sich derart die primäre Problematik und schafft zudem zerstörerische Folgeprobleme. In der Problemverleugnung, den süchtigen Manipulationen, Beschämungen und Beschuldigungen und den rausch- und entzugsbedingten Übergriffigkeiten entwickeln Suchterkrankungen zerstörerische Auswirkungen auf das soziale Umfeld.

Diese schädigenden sozialen Effekte sind bei anderen psychischen Störungen in der Stärke und dem Ausmaß nur selten zu finden. Bitte missverstehen Sie mein Argument nicht, es beschreibt nur eine Tendenz. Ihre konkrete, individuelle Situation kann nämlich ganz anders aussehen, z.B. können Angehörige von Personen mit Impulskontrollstörungen ebenfalls Übergriffigkeiten erfahren. Übrigens gehen solche aggressiven Störungen häufig mit Suchtmittelmissbrauch einher. Nichtsdestotrotz ist - im Gegensatz zur süchtigen Uueinsichtigkeit - den meisten psychisch erkrankten Personen sehr wohl bewusst, dass sie krank sind, und sie tun alles, damit andere nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Diese Website muss inhaltlich begrenzt werden, damit sie nicht ausufert und beliebig wird. Diese Entscheidung hat Vorteile, sie hat aber auch Nachteile. Die Problematik von Angehörigen psychisch kranker Personen wird auf CO-ABHAENIGIG.de implizit berücksichtigt. Sind Sie als Angehörige in diesem Sinne betroffen, sind Sie eingeladen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkunden.

meditierende prinzessin

Illustrationen

Die Illustrationen von Prinzessin & Frosch, welche diese Website schmücken, sind von Sina Gruber, eine junge Künstlerin und damals Studentin der Psychologie aus Kassel. Die 23 Werke entstanden 2013 auf Grundlage des Manuskriptentwurfs zum Ratgeber "Ich will mein Leben zurück!"

Anliegen

Co-ABHAENGIG.de habe ich 2010 eingerichtet, als mein erstes Fachbuch zum Thema herauskam. Damals hat es im deutschsprachigen Raum kaum informative Internetrepräsentationen zum Thema gegeben. Seitdem sind zwei weitere Fachbücher entstanden, ich habe eine Reihe an Artikeln verfasst, unzählige Vorträge gehalten, Interviews gegeben und Workshops und Fortbildungen zum Thema durchgeführt. Darüber hatte ich viele bereichernde Begegnungen zu Betroffenen wie auch zu anderen, in der Sache engagierten Fachleuten. Es sind kleinere und größere, kurz- und langfristige Kooperationen zustande gekommen. Vor allem aber habe ich von meinen Klienten gelernt. Ihre Erfahrungen sind für mich Geschenke. Ich bin dankbar, dass ich an ihren Entwicklungen, sich zu befreien und ihr Leben zurückzuerobern, teilhaben darf.

So ist aus dem in der Freizeit gepflegten Steckenpferd mein heutiger Arbeitsschwerpunkt geworden. Mit diesem Prozess ist auch die Website peu à peu gewachsen. Motiviert durch die Kooperation mit der Kollegin und Mitautorin Frau Judith Barth, habe ich mit dem Jahreswechsel 2020/21 alle Inhalte gründlich überarbeitet, Design und Navigation erneuert und jede Menge neue Seiten hinzugefügt. Das Motiv für mein Engagement hat sich in all den Jahren nicht verändert: Ich möchte über eine tabuisierte Thematik informieren und zum kritischen Nachsinnen und konkreten Handeln anregen. Darüber hinaus gestalte ich die Website eigenständig und unabhängig und verfolge damit keine wirtschaftlichen, institutionellen oder sonstigen Interessen.