Sucht betrifft viele, alle anderen sind als Angehörige betroffen.

triangle
illustration nein sagen

Willkommen

Sie interessieren sich für die Angehörigenproblematik der Sucht? Vielleicht, weil Sie selbst als Kind, Partner, Eltern, Geschwister oder Freund betroffen sind, weil Sie sich in der Selbsthilfe engagieren oder weil Sie als Suchthelfer, Sozialarbeiter oder Psychotherapeut tätig sind? Vielleicht auch, weil Sie aus der Sucht ausgestiegen sind, und erfahren möchten, wie andere unter Ihrem süchtigen Verhalten gelitten haben? Diese Website solidarisiert sich parteiisch mit den betroffenen Angehörigen.

Der Domänenname dieser Website soll einer vielschichtigen und facettenreichen Problematik eine eigene Überschrift geben. Angehörige sind nicht nur Anhängsel, sie leiden ebenso unter den Folgen und Begleiterscheinungen der Sucht wie die Suchtkranken. Co-abhängige Erlebens- und Verhaltensmuster sind dadurch gekennzeichnet, dass sich die Betroffenen in der Hilfe für eine nahestehende suchtkranke Person verstricken. Durch die Aufopferung im Dienste der Sucht vernachlässigen sie sich selbst, ihre Lebensinteressen und Selbstfürsorge. Darüber entwickeln sie nicht selten eigene psychosoziale und psychosomatische Probleme und Störungen.

Angehörige benötigen Hilfe, doch sie nehmen oftmals die eigene Not kaum wahr und bagatellisieren sie: "Ist nicht schlimm, alles gut!" Ihr stilles Leiden wird durch die Hilfesysteme nur unzureichend erkannt und infolgedessen fallen sie zwischen die Hilfenetze von Prävention, Jugendhilfe, Suchthilfe und Psychotherapie. In der bewussten Hinwendung zu und Beachtung von Angehörigen, davon bin ich überzeugt, liegt eine Chance, die Hilfesysteme gerechter zu gestalten und eine bessere Vernetzung zu entwickeln.

cover eine art zu leben

2026-05 | Selbsthilfe | Impulsreferat

Co-Abhängigkeit, Haltung und Würde

Das folgende psychologische, philosophische Impulsreferat habe ich zum Themenkomplex Co-Abhängigkeit, Haltung und Würde auf einem Online-Abend der Selbsthilfeinitiative Elternsuchtkrankerkinder e.V. (elsuki) in Kooperation mit ARWED e.V. (Arbeitsgemeinschaft der Rheinisch-Westfälischen Elternkreise drogengefährdeter und abhängiger Menschen e.V. in NRW) eingebracht, um ins Gespräch zu kommen.

1. Definition Co-Abhängigkeit

Der Begriff Co-Abhängigkeit ist in Deutschland durch Vorurteile in Verruf geraten, welche fleißig durch die Suchthilfe, die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen und durch Vertreter der Suchtforschung gepflegt werden. Zu Unrecht, wenn wir uns die ursprünglichen, systemischen Konzepte anschauen.

Zunächst nutze ich, in der Tradition dieser systemischen Sichtweise, den Begriff der Co-Abhängigkeit als Überschrift für die Angehörigenproblematik der Sucht. Angehörige werden in der deutschen Suchthilfe vorwiegend als mit-betroffen bezeichnet. So werden sie als Objekte und Anhängsel der Suchtkranken abgewertet. Der Begriff Co-Abhängigkeit, eingeführt durch Fachmenschen, die überwiegend als Kinder aus Suchtfamilien betroffen waren, drückt aus, dass Angehörige selbst betroffen sind, eigene Probleme und Störungen und einen eigenen Hilfebedarf haben. Der Begriff ermöglicht, Angehörigen als eigenständige Subjekte mit Würde zu begegnen. Dazu später mehr.

Des Weiteren gebrauche ich ausschließlich das Adjektiv co-abhängig. Die Zuschreibung Co-Abhängige gebrauche ich nicht, weil sie etikettiert. Co-abhängiges Erleben und Verhalten kann sich unter gewissen Bedingungen in einer nahen Beziehung zu einer suchtkranken Person entwickeln. Wenn erstens die Sucht chronifiziert ist, entsteht ein sozialer Dauerzustand, in dem die suchtkranke Person Hilfe bedarf und die anderen in der ausweglosen Pflicht sind, sie zu versorgen. Zweitens verhält sich die suchtkranke Person störungsimmanent uneinsichtig und infolgedessen selbstsüchtig, verantwortungslos, beschuldigend, aggressiv und herrschsüchtig.

Diese Rigidität der Sucht erzeugt im Gegenüber eine komplementäre Reaktion: Die angehörigen Personen sorgen und kümmern sich und nehmen dabei unbewusst eine selbstlose, verantwortungsbewusste, schuldige, nachsichtige und unterordnende Haltung ein. Es entsteht eine zwischenmenschliche Schieflage, die Jahre oder Jahrzehnte lang bestehen kann. Die angehörigen Personen geben, die suchtkranke Person nimmt. Wie in einer Batterie fließen Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Mühe, Hilfe, Zeit, Geld, Gesundheit und Liebe nur in eine Richtung und werden vom Negativpol der Sucht geschluckt.

Was geschieht, wenn eine angehörigen Person jahrelang in einer Beziehung mehr gibt, als sie zurückerhält? Die Person läuft langsam aus, erschöpft und entleert sich. Sie verliert ihr Gespür und Gefühl dafür, wo oben und unten ist, was stimmig und unstimmig ist und was sie will und nicht will. Dieser Folgezustand ist depressiv. Angehörige Personen, die sich in der Hilfe für den anderen aufopfern, sich nicht schützen und abgrenzen können, um mit ihren Möglichkeiten zu haushalten, und die ihre Wünsche, Ziele und Interessen vernachlässigen, müssen depressiv werden.

Eltern sind aufgrund der ehemals ausgefüllten Verantwortung besonders gefährdet, durch das infantile Verhalten des suchtkranken Nicht-mehr-Kindes angetriggert zu werden, sich infolgedessen die Last der Verantwortung zu schultern und sich darüber depressiv zu erschöpfen. Diesen getriebenen, sinnlosen Zustand muss ich Ihnen nicht näher erläutern, Sie kennen ihn aus der eigenen Erfahrung.

2. Halt und Haltung

Zwei Fragen stellen sich: 1. Was ist eine Haltung? 2. Wie findet man Halt in sich und wie wächst eine Haltung daraus?

Eine Haltung ist eine Zuwendung zu einem Etwas - einer Person, einem Gegenstand, einem Gedanken oder einem kulturellen oder ethischen Wert. Sie besteht aus zwei Phasen. Zum einen ist sie eine zu- oder abwendende Bewegung in Bezug auf das Etwas. Die Bewegung mündet zum anderen darin, dass eine Stellung zu dem Etwas eingenommen wird. Die Stellungnahme hält inne, um Resonanz durch das Etwas zu erfahren, z.B. in Form einer ebenfalls Haltung oder - bei Sucht eher wahrscheinlich - einer „Haltungslosigkeit“.

Die Zuwendung und Stellungnahme der Haltung ist vielschichtig: leiblich, emotional, kognitiv, verbal und handelnd. Eine Haltung integriert alle Ebenen im Hier und Jetzt zu etwas Einzigartigem.

Eine Haltung ist zwar stark, doch sie entsteht nicht aus der Stärke, sondern aus der Schwäche. Sie gründet im Halt in uns selbst, unserer eigenen Leiblichkeit, der Empfindsamkeit, der Bedürftigkeit und den Werten. Wie finden wir Halt in uns für uns? Nicht indem wir uns an etwas Äußerem festklammern, z.B. der co-abhängigen Überzeugung, groß und stark sein zu müssen, vielmehr indem wir loslassen. Wir lassen los und fallen tief in uns, bis wir aufschlagen und Grund finden. Erst wenn wir in uns gefallen sind, Grund gefunden haben und geweint haben, weil es wehtut, aufzuschlagen, können wir uns wieder aufrichten. Eine Haltung fällt und richtet sich auf. Das ist die Grund suchende und findende Bewegung aus der Schwäche in die Stärke.

Dieser begründende Halt in uns ist zwar stabil, doch nicht starr, sondern elastisch. Eine Haltung hält zwar die Stellung, kann dabei auf das Etwas zugehen oder zurücktreten. Sie kann zur Seite ausweichen, sich klein oder groß machen. Sie kann laut oder leise werden. Sie kann still sein oder toben. Sie kann traurig, wütend, widerwillig oder schamhaft sein und zwischen den emotionalen Facetten changieren.

Ein Zwischenfazit in Hinblick auf Co-Abhängigkeit: Eine im Selbstkontakt gründende Haltung, die sich einer suchtkranken Person zu- oder abwendet und im Einklang mit den eigenen Bedürftigkeiten und Wertigkeiten Stellung bezieht, eine solch kongruente Haltung verstört heilsam die starre, externalisierende Haltung der Co-Abhängigkeit. Metaphorisch öffnet es die Tür des co-abhängigen Schuldgefängnisses als Eltern, damit Sie aus der Dunkelheit ins Licht des Erkennens und Handelns treten können. Verantwortung für uns selbst und den anderen, der verantwortungslos konsumiert und manipuliert, benötigt helles Licht und klare Sicht, um gut zu sorgen, primär für uns selbst und sekundär auch für den anderen.

3. Würde als eine Art zu leben

Gewöhnlich wird Würde, z.B. in der deutschen Verfassung, als ein Attribut betrachtet, welches dem Menschsein innewohnt. Demnach ist der Mensch ein Träger von Würde, sozusagen einer „inneren Ehre“. Was dies bedeutet und woher diese Würde kommt, wird indes häufig nicht erläutert. Der Schweizer Philosoph Peter Bieri hat eine andere Herangehensweise, welche für Sie als Eltern suchtkranker Nicht-mehr-Kinder hilfreich sein kann. Nach ihm ist Würde, eine Art zu leben. Sie ist nicht passiv, sie handelt und gestaltet - auf die Welt zugehend und stets aus einer elastischen Haltung heraus. Die Würde ist im Wesentlichen durch dreierleich gekennzeichnet: Subjektivität, Eigenständigkeit und Intimität.

Eine würdevolle Haltung handelt aus der Verantwortlichkeit, durch die die eigenen Bedürfnisse und Wünsche einerseits und die eigenen Werte und die persönliche Ethik andererseits in ein fortwährendes Fließgleichgewicht gebracht und gehalten werden. Würde bedeutet also in erster Linie, die eigenen, subjektiven Lebenswünsche zu vergegenwärtigen und leben zu wollen. Unsere Werte begrenzen uns indes in der Ausgestaltung der Wünsche; sie setzen uns ethische Grenzen im Handeln in Bezug auf uns selbst und die anderen. In ihnen ist enthalten, dass wir unser Gegenüber ebenfalls als ein Subjekt betrachten und respektieren, welches, wie wir, die eigenen Interessen verfolgt und dabei bemüht ist, die eigenen Werte zu berücksichtigen.

Und nun wird die Sache spannend und erhellend hinsichtlich des Kontaktes zu einer suchtkranken Person, die unzureichend fähig ist, Würde zu leben. Die süchtige Person schert sich nicht um die eigenen Bedürfnisse und Werte und die Bedürfnisse und Werte der anderen. Sie befindet sich in einer Parallelwelt, einer Antiwelt, in der die Gesetzmäßigkeiten der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit außer Kraft gesetzt sind. Sie entscheidet sich jeden Tag für die süchtige Betäubung und Verantwortungslosigkeit, weil sie die grundlegende Bedingung des Lebens nicht akzeptieren will, dass wir in unserer Würde verletzbar sind. Subjektivität, Eigenständigkeit und Intimität wurzeln in der allen Lebewesen innewohnenden Qualitäten, empfindsam zu sein und beim Versuch, zu leben, verletzt werden zu können.

Die suchtkranke Person ist auf der Flucht vor der eigenen Verletzbarkeit und betäubt ihre Fähigkeit zur empfindsamen, manchmal schmerzhaften Erkenntnis zwanghaft. Die Folge ist widersinnig: Auf der Flucht vor Subjektivität, Eigenständigkeit und Intimität verletzt sie ihre Würde und die der anderen ununterbrochen. Sucht ist Krieg gegen sich und die anderen, eine verletzte, sich selbst und andere verletzende Form, das Leben zerstörerisch zu negieren. Auf der Flucht vor der Verletzbarkeit verletzt sich der süchtige Mensch selbst. Durch sein süchtiges Tun erzeugt er die Motivlage, süchtig fortzufahren. Eine Circulus vitiosus. Auf der Flucht vor sich selbst, also fern der eigenen Subjektivität, Eigenständigkeit und dem Vermögen zur Aufrichtigkeit, kann er schließlich sein widersinniges Tun nicht reflektieren und erkennen.

Doch wir wollen hier keinen co-abhängigen Fehler machen und ausschließlich die süchtige Seite beleuchten. Alles, was ich zur Lebensflucht und Würdeverletzung der Sucht gesagt habe, gilt komplementär für die Seite der co-abhängigen angehörigen Personen. Co-Abhängigkeit ist eine würdelose Weise, sich nicht zu leben. Die verstrickte Person lässt es zu, dass ihre Würde getreten wird. Sie möchte Gutes tun und liefert sich aus, sich schädigen zu lassen. Im Hamsterrad des Sorgens und Kümmerns hält sie nicht inne, um sich zu besinnen, was sie denkt, fühlt und empfindet und was sie will und nicht will. Getrieben von Schuldgefühlen grübelt sie ununterbrochen darüber nach, was für die suchtkranke Person richtig und gut sein könnte, als ob es eine Antwort gäbe. Durch die Selbstaufopferung negiert sie ihre einzigartige Subjektivität.

Obendrein lässt sie sich fremdbestimmen, unterwirft sich den Gesetzen der Sucht und lässt sich dadurch erniedrigen und erniedrig sich selbst. Der Kompass des eigenständigen Handelns geht ihr in einem schleichenden Prozess verloren und sie bemerkt es kaum. Statt über ihre eigenen Belange selbstbestimmt zu reflektieren und zu entscheiden, ringt sie um Kontrolle über die Sucht, will den anderen retten, als ob er sich retten lassen wollte.

Und das Vermögen der angehörigen Person, mit sich selbst und anderen Menschen intime Begegnungen zu genießen, geht verloren. In der alltäglichen Umklammerung mit der suchtkranken Person vernachlässigt die co-abhängige Person diese intime Kostbarkeit sträflich, sodass sie in ihren Bedürfnissen nach erfüllender, zwischenmenschlicher Nähe nahezu verhungert. Das Schamgefängnis, welches ich auch Scham in der Scham nenne, schnürt der Person den Mund zu: Sie muss schweigen, obgleich ihr zum Schreien zumute ist, weil das Tabu nicht gebrochen werden darf. Die emotionale Kompetenz, sich schämen zu können, ist vielleicht die wichtigste gefühlsmäßige Grundlage von Nähe, Vertrauen und Intimität, also von gelingenden Beziehungen. Die Scham ist Ausdruck des Bedürfnisses nach Annahme und Liebe. Die angehörigen Person hingegen verbannt das ureigene Schamgefühl und in Folge ihre Liebesfähigkeit in die Katakomben ihrer Seele. Sie ist - so gesehen - selber verantwortlich dafür, dass sie allein und abgetrennt von sich selbst und anderen ist.

4. Eine wesentliche Frage>

Die wesentliche Frage, die ich Ihnen als betroffene Eltern stellen und mich darüber mit Ihnen austauschen will, lautet wie folgt:

Wie können Sie gegenüber einer sich süchtig, würdelos und verletzend verhaltenden Person, die einst Ihr Kind war, heute aber längst kein Kind mehr ist, zum einen Ihre eigene Würde wahren und zum anderen das Nicht-mehr-Kind in den kläglichen Resten der selbstbeschädigten Würde ernst nehmen?

2026-06 | Lesung | Bielefeld

Worte tanzen mit den inneren Farben

Aus der Ankündigung:

Annabelle & Sonja lesen aus ihren Büchern Jenseits der Wand und Schreiende Stille. Eine gemeinsame Reise durch die düstere, tiefe Gefühlswelt mit hoffnungsvollen Lichtblicken in Wohnzimmer-Atmosphäre. Anschließend sind alle eingeladen, den Abend bei Gesprächen, Getränken und Mitbring-Buffet ausklingen zu lassen.

Sonja Schindler
Bielefelder Autorin, die aus ihrem Debütroman Schreiende Stille liest. Ein phantastischer Konfrontationskurs mit den unangenehmen Gefühlen in uns.
Tief in mir entsteht ein Schrei. Ohrenbetäubend lautlos, den ich in dieses unendliche Universum unserer gemeinsamen Gefühle schreie, ohne dass ihn je jemand hören wird.

Annabelle Schickentanz
Lebt in einer Kleinstadt im Ruhrgebiet. Ihr philosophischer Roman Jenseits der Wand hinterfragt die Kollusion von Sucht, Scham und Schweigen.
Sie trinken, damit die Scham aus ihren Körpern kriecht, durch die feinsten Poren, damit die Schuld verdunstet, gemeinsam mit dem vergifteten Schweiß, während sie sich glauben machen, ihre eigene Würde sei unantastbar.

Die Lesung hat, so viel sei verraten, eine Menge mit der Problematik der Kinder aus Suchtfamilien zu tun. Für die An- und Abmoderation haben die Autorinnen mich engagiert. Die Veranstaltung findet am Samstag, 13.06.2026, um 19:00 Uhr in der Husumer Straße 163 in Bielefeld statt. Bitte vorab anmelden unter kkreinhold@aol.com, +49 157 33185843. Der Eintritt ist frei – für Getränke ist gesorgt; um Beiträge zum Buffet wird gebeten (bitte bei Anmeldung angeben).

» Faltblatt Lesung

2026-04 | Lesung | Ingelheim

Lesung "Jenseits der Wand" & und die Geschichte hinter der Geschichte

Annabelle Schickentanz und ich haben in Kooperation mit den wertgeschätzten Kolleginnen Sandra Rösel und Lisa Scholles von der Jugend- und Suchtberatung Ingelheim dieses Jahr nachträglich durch eine Lesung zur Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien beitragen, die vom 22.-28. Februar 2026 bundesweit stattfand (s.o.). Die Lesung fand im Martin-Luther-Gemeindehaus, An der Burgkirche 15 in 55218 Ingelheim von 17:00 bis 19:00 Uhr statt

Die Autorin Annabelle Schickentanz las aus ihrem autofiktionalen Roman "Jenseits der Wand" vor. Ich habe die Geschichte dahinter mittels eigener Texte aus einem noch unveröffentlichten Manuskript zur Selbsthilfe von erwachsenen Kindern aus Suchtfamilien unterstrichen. Schickentanz erzählte emotionalisierend und ich kommentierte vertiefend.

Weil Frau Schickentanz als Betroffene den Abend im Fokus der Aufmerksamkeit und Zuwendung stand, möchte ich auch hier ihr das Fazit überlassen und sie aus einer E-Mail zitieren:

Besonders berührt hat mich die Aussage einer junger Frau: Dass es offenbar möglich sei, sich nach dem Tod des Alkoholikers befreit zu fühlen und dies ohne Schuldgefühle.

Eine andere Zuhörerin äußerte ihren Respekt vor dem Mut, das Schweigen zu brechen, wenn man von schweigenden Menschen umgeben ist. Dass meine Art zu lesen, als berührend empfunden wurde, hat mich in der Folge ebenso berührt

Und der Absatz aus Jenseits der Wand, der den Abend wundervoll zusammenfasst, mit diesem möchte ich abschließen:

Alles fließt ineinander, die Wand, die Scham, das Anderssein, mein Selbst, die zarten Risse meiner Haut, mein Schmerz, das warme Blut, meine Tränen, in den Raum, der mich umgibt, in das Mittendrin, das alle Ebenen vereint, das Oben und das Unten, Innen und Außen. Mein Zittern ist ein Beben, inmitten von Schuld und Unschuld, Gestern und Heute, gebrochene Erde, die sich mit Wasser füllt, weil der Himmel sich öffnet, tiefrot.

2025-09 | ARD | Film

Ein Mann seiner Klasse

Die SWR-Koproduktion Ein Mann seiner Klasse ist als bester Fernsehfilm mit dem Deutschen Fernsehpreis 2025 ausgezeichnet worden. Das Abstract zum Spielfilm von der Mediathek der ARD:

Kaiserslautern, im Sommer 1994. Für den zehnjährigen Christian ist ein Ausflug in den Freizeitpark die absolute Ausnahme. Realität sind die eingetretene Wohnungstür, Hämatome auf dem Rücken der Mutter Mira und die Erfahrung von ständigem Mangel. Sein Vater Ottes ist unberechenbar, meist siegt der Alkohol über den guten Willen und er macht es seiner Familie nicht leicht, ihn zu lieben. Als der aufgeweckte Christian unerwartet eine Gymnasialempfehlung bekommt, will Mira, dass der begabte Sohn seine Chance nutzt. Ottes ist strikt dagegen. Christian soll wie er die Hauptschule besuchen und arbeiten.

Als Mira lebensgefährlich erkrankt, gibt ihre Schwester Juli ein Versprechen ab: Sie wird Verantwortung für die Kinder übernehmen. Nach Miras Tod setzt sie gegen den Willen von Ottes durch, dass Christian aufs Gymnasium geht. In Bedrängnis zwischen Juli und dem Vater, von dem er sich emotional nicht lösen kann, muss Christian sich entscheiden, welchen Weg er im Leben gehen möchte.

Der Spielfilm „Ein Mann seiner Klasse“ und die gleichnamige Doku sind nach dem Bestseller von Christian Baron entstanden.

Auf der Seite Medien unter der Rubrik Romane finden Sie eine Rezension zum autobiografischen Buch. Der Film ist gut gemacht, doch vieles fehlt oder wird nur szenisch angedeutet. Das Buch führt nach meinem Dafürhalten die familiäre Tragik und das Schicksal von Christian genauer, vielschichtiger und tiefgehender aus. Sowohl das Buch als auch der Film sind von suchtbedingter Gewalt geprägt, was nicht für sensible Gemüter oder traumatisierte Personen geeignet ist.

Beim Schauen des Films habe ich über den Titel nachgesonnen, der das eigentliche Thema verschweigt. Sucht kennt nämlich keine Klasse. Die Auswirkungen der suchtbedingten Übergriffigkeiten auf das soziale Umfeld sind unabhängig vom Milieu: Die Würde der Angehörigen wird nachhaltig verletzt. Ist dies Absicht des Autors, um den Vater nicht nur als gewalttätigen Säufer zu erinnern, vielmehr ihm als "Mann seiner Klasse" ein menschliches Denkmal zu setzen und so ein liebevolles Gedenken zu pflegen? Ist dies wichtig und gut für den Seelenfrieden von Christian, ist es Ausdruck der Zerrissenheit des Protagonisten oder ist es eine Täuschung? Oder ist alles drei zutreffend, je nach Betrachtungsweise?

» Film in Mediathek

2025-02 | ARTE | Serie

In my Skin

Derzeit und bis zum 14.01.2026 läuft auf ARTE die englische Serie In my Skin. Die dark comedy der Autorin und Regisseurin Kayleigh Llewellyn wurde von 2018 bis 2021 gedreht und durch die BBC Three herausgebracht. Aus der Ankündigung auf ARTE:

Die aufsässige und stürmische Bethan verheimlicht in der Schule ihre dramatischen Familienverhältnisse. Die tragikomische Coming-of-Age-Serie mit spitzzüngigen Dialogen zeichnet das subtile Porträt einer Jugendlichen, die ihr Leben auf eine ungewöhnliche Art anpackt.

In Wales gibt sich die 16-jährige Bethan Gwyndaf vor ihren Mitschülern Travis und Lydia fröhlich und sorglos, doch hinter dieser Fassade verbirgt sich ein schwieriger Familienalltag. Nicht genug, dass sie sich um ihre bipolare Mutter Trina kümmern muss. Auch ihr Vater Dilwyn, ein verantwortungsloser Alkoholiker, macht ihr das Leben schwer. Als Trina nach einem manischen Anfall in die Psychiatrie eingewiesen wird, tritt Bethans Schreibtalent zutage.

Nach außen hin spielt sie die aufsässige Jugendliche, daheim fungiert sie als letzte Stütze einer dysfunktionalen Familie. Bethan führt ein Doppelleben und verschweigt ihren Freunden die Dämonen, die ihren Alltag erdrücken. Mit ihrer bipolaren Mutter, die sie vor ihrem alkoholkranken, untätigen und aufbrausenden Vater beschützen muss, trägt das Mädchen eine viel zu schwere Last. Davon lässt sie sich nichts anmerken und flüchtet zusammen mit ihren Mitschülern ins Teenagerdasein, doch irgendwann bricht die Fassade zusammen.

Ohne jemals in Pathos zu verfallen, manövriert die Serie geschickt zwischen dem jugendlichen Leichtsinn der Tochter, den manisch-depressiven Schüben der Mutter und dem Verfall des Vaters, um die übergroße Verantwortung der jungen Protagonistin, die in die Rolle einer Erwachsenen schlüpfen muss, in den Fokus zu rücken. Gabrielle Creevy, Jo Hartley und Di Botcher bilden ein wunderbares Trio aus Tochter, Mutter und Großmutter, das wie eine Ode an die Schwesternschaft anmutet.

Dem habe ich wenig hinzuzufügen. Ich habe die Serie gerade zu Ende geschaut und bin begeistert. Very british und trotz der komödiantischen Schauspielkunst schmerzhaft realistisch! Derzeit habe ich vier Klientinnen in Psychotherapie, die genauso intelligent wie Beth sind und verblüffend ähnliche Schicksale erlitten haben. Eine Warnung möchte ich für alle sensiblen Menschen aussprechen. Die erste Staffel ist über weite Teile eher Komödie, die Tragödie deutet sich nur an und nimmt erst in der zweiten Staffel richtig Fahrt auf. In der Episode 3 der zweiten Staffel explodiert die unterschwellige Anspannung in einen Gewaltexzess. Dies zu schauen, war für mich schwer auszuhalten, weil ich morgens noch eine Klientin da hatte, die von ähnlich schlimmen Erlebnissen erzählt hatte. Und genauso wie Beth konnte sie als Heranwachsende nicht reden und hat keine angemessene Unterstützung erfahren.

In der Folge 4 der zweiten Staffel kommt es zu einem kleinen, zärtlichen Dialog zwischen Beth und der Freundin Cam, der die ausweglose Tragik von Beth unerträglich verdichtet:

Cam: Wer weiß noch davon?
Beth: Niemand. Nur Du.
Cam: Warum hast du nichts gesagt?
Beth: Keine Ahnung.
Cam: Nein, komm schon. Warum?
Beth: Weil ich mich schäme.

Falls Sie die schwarzhumorige, nervöse Unterschwelligkeit der ersten Serie und den gewalttätigen Spannungsbogen der zweiten Serie nicht ertragen, schauen Sie ausschließlich die letzte Folge. Sie ist so zartfühlend, so wundervoll, so rührend - nicht alles wendet sich zum Guten und das, was gut wird, ist schmerzhaft -, dass meine Frau und ich die ganze Zeit still geweint haben.

» Stream auf ARTE
» Wikipedia

Folgend einige Hinweise zum Gebrauch und zum konzeptionellen Hintergrund dieser Website:

Schmökern

Diese Website ist zum Schmökern gedacht. Sie ist gefüllt mit Informationen, die sich an verschiedene Gruppen richten: Kinder aus Suchtfamilien, PartnerInnen, Eltern, andere Angehörige, Freunde, Kollegen, Suchtbetroffene, Fachleute, Journalisten und alle anderen, die sich informieren wollen. Die Inhalte bilden das Spektrum von trockenen Fachkonzepten bis hin zu kreativen Medien ab. Um Ihnen die Orientierung zu erleichtern, gibt es erstens ein Sidemap, welches Sie auf jeder Seite unten links im Footer aufrufen können. Zweitens finden Sie unten auf den Seiten die Rubrik Obendrein mit Vorschlägen für inhaltlich ähnliche, weiterführende Seiten.

» Sidemap

Eine Angehörigenproblematik

Verschiedene Gruppen sind als Angehörige von Sucht betroffen: Kinder, erwachsene Kinder, Partner, Eltern, Geschwister, Freunde, Arbeitskollegen, Suchthelfer etc. Die Betroffenheit hat zwar viele individuelle Gesichter, doch es gibt meines Erachtens nur eine Angehörigenproblematik. Das möchte ich Ihnen anhand von zwei Argumenten erläutern.

Erstens überschneiden sich die Betroffenengruppen erheblich. Dies liegt an der co-abhängigen Transmission (» mehr). Mädchen - seltener Jungen - aus Suchtfamilien, suchen sich als Erwachsene überdurchschnittlich häufig suchtkranke Partner. Aus diesen (co-)abhängigen Partnerschaften gehen wiederum süchtig und co-abhängig gefährdete Kinder hervor. Geschätzt die Hälfte der Partnerinnen und Mütter und auch, doch seltener Partner und Väter, die ich in über 20 Jahren Angehörigenarbeit behandelt habe, ist biografisch schon durch eine Kindheit in einer Suchtfamilie vorbelastet gewesen.

Zweitens sind alle Personen, die in einem engen, langfristigen Kontakt mit Suchtkranken stehen, denselben Belastungen ausgesetzt: Das berauschte und entzügige Verhalten der Suchtkranken ist selbstsüchtig, verantwortungslos und unzuverlässig. Als Reaktion darauf entwickeln die Angehörigen komplementäre Muster der Selbstlosigkeit, Verantwortungsübernahme und Verlässlichkeit, um die Defizite der Suchtkranken auszugleichen. Auch wenn Kinder zweifelsohne aufgrund ihrer ungefestigten Persönlichkeit besonders vulnerabel sind, sind die psychosozialen Leiden und Folgeprobleme der unterschiedlichen Angehörigengruppen im Prinzip dieselben.

Aus den beiden genannten Gründen wird die Angehörigenproblematik auf dieser Website ganzheitlich betrachtet und behandelt.

Suchthelfer sind Angehörige

Bevor ich mich ambulant als Psychotherapeut niedergelassen habe, habe ich lange als Suchttherapeut gearbeitet. Damals habe ich nach und nach begriffen, dass die Themen und Probleme der Angehörigen ähnlich den beruflichen Herausforderungen der Suchthilfe sind. Auch Suchthelfer können sich in selbst aufopfernden und Verantwortung schulternden Mustern verlieren. Wie Dachdecker vom Dach fallen können, können sich Suchthelfer verstricken. Es ist ihr Berufsrisiko.

Die therapeutische Arbeit mit Angehörigen ist Psychohygiene für Suchthelfer. Indem ich Angehörigen geholfen habe, klarer zu werden und sich besser abzugrenzen, habe ich implizit gelernt, mich gegenüber der suchtkranken Klientel konsequenter zu verhalten. Es hat mir geholfen, sowohl die Sorge für die süchtige Klientel als auch die Selbstfürsorge im Berufsalltag besser auszubalancieren, um nicht auszubrennen und hart und negativ zu werden. Zynismus ist eine häufig zu findende Form der psychischen Beschädigung von Suchthelfern und Angehörigen.

Der Begriff Angehörige wird auf dieser Website als eine Kategorie verwendet, unter die auch Suchthelfer fallen. Alle Inhalte richten sich gleichermaßen an familiär und beruflich Betroffene.

Angehörige von psychisch kranken Personen

Alle Angehörigen von psychisch kranken Personen sind belastet. Warum beschränkt sich diese Website auf das Angehörigenthema der Sucht?

Abhängigkeitserkankungen sind auch psychische Störungen, doch sie unterscheiden sich in einem Aspekt von den meisten anderen psychischen Störungen. Der Suchtmittelmissbrauch ist der Versuch, eine primäre psychische Erkrankung zu bewältigen. Durch den Rausch werden die psychischen Leiden betäubt. Kurzfristig sorgt dies zwar für Erleichterung, doch langfristig verschlimmert sich derart die primäre Problematik und schafft zudem zerstörerische Folgeprobleme. In der Problemverleugnung, den süchtigen Manipulationen, Beschämungen und Beschuldigungen und den rausch- und entzugsbedingten Übergriffigkeiten entwickeln Suchterkrankungen zerstörerische Auswirkungen auf das soziale Umfeld.

Diese schädigenden sozialen Effekte sind bei anderen psychischen Störungen in der Stärke und dem Ausmaß nur selten zu finden. Bitte missverstehen Sie mein Argument nicht, es beschreibt nur eine Tendenz. Ihre konkrete, individuelle Situation kann nämlich ganz anders aussehen, z.B. können Angehörige von Personen mit Impulskontrollstörungen ebenfalls Übergriffigkeiten erfahren. Übrigens gehen solche aggressiven Störungen häufig mit Suchtmittelmissbrauch einher. Nichtsdestotrotz ist - im Gegensatz zur süchtigen Uueinsichtigkeit - den meisten psychisch erkrankten Personen sehr wohl bewusst, dass sie krank sind, und sie tun alles, damit andere nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Diese Website muss inhaltlich begrenzt werden, damit sie nicht ausufert und beliebig wird. Diese Entscheidung hat Vorteile, sie hat aber auch Nachteile. Die Problematik von Angehörigen psychisch kranker Personen wird auf CO-ABHAENIGIG.de implizit berücksichtigt. Sind Sie als Angehörige in diesem Sinne betroffen, sind Sie eingeladen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkunden.

Illustrationen

Die Illustrationen von Prinzessin & Frosch, welche diese Website schmücken, sind von Sina Gruber, eine junge Künstlerin und damals Studentin der Psychologie aus Kassel. Die 23 Werke entstanden 2013 auf Grundlage des Manuskriptentwurfs zum Ratgeber "Ich will mein Leben zurück!"

Anliegen

Co-ABHAENGIG.de habe ich 2010 eingerichtet, als mein erstes Fachbuch zum Thema herauskam. Damals hat es im deutschsprachigen Raum kaum informative Internetrepräsentationen zum Thema gegeben. Seitdem sind zwei weitere Fachbücher entstanden, ich habe eine Reihe an Artikeln verfasst, unzählige Vorträge gehalten, Interviews gegeben und Workshops und Fortbildungen zum Thema durchgeführt. Darüber hatte ich viele bereichernde Begegnungen zu Betroffenen wie auch zu anderen, in der Sache engagierten Fachleuten. Es sind kleinere und größere, kurz- und langfristige Kooperationen zustande gekommen. Vor allem aber habe ich von meinen Klienten gelernt. Ihre Erfahrungen sind für mich Geschenke. Ich bin dankbar, dass ich an ihren Entwicklungen, sich zu befreien und ihr Leben zurückzuerobern, teilhaben darf.

So ist aus dem in der Freizeit gepflegten Steckenpferd mein heutiger Arbeitsschwerpunkt geworden. Mit diesem Prozess ist auch die Website peu à peu gewachsen. Motiviert durch die Kooperation mit der Kollegin und Mitautorin, Judith Barth, habe ich mit dem Jahreswechsel 2020/21 alle Inhalte gründlich überarbeitet, Design und Navigation erneuert und jede Menge neue Seiten hinzugefügt. Das Motiv für mein Engagement hat sich in all den Jahren nicht verändert: Ich möchte über eine tabuisierte Thematik aufklären und zum kritischen Nachsinnen und konkreten Handeln anregen. Darüber hinaus gestalte ich die Website eigenständig und unabhängig und verfolge damit keine wirtschaftlichen, institutionellen oder sonstigen Interessen.

meditierende prinzessin