Sucht betrifft viele, alle anderen sind als Angehörige betroffen.

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Willkommen

Sie interessieren sich für die Angehörigenproblematik der Sucht? Vielleicht, weil Sie selbst als Kind, Partner, Eltern, Geschwister oder Freund betroffen sind, weil Sie sich in der Selbsthilfe engagieren oder weil Sie als Suchthelfer, Sozialarbeiter oder Psychotherapeut tätig sind? Vielleicht auch, weil Sie aus der Sucht ausgestiegen sind, und erfahren möchten, wie andere unter Ihrem süchtigen Verhalten gelitten haben? Diese Website solidarisiert sich parteiisch mit den betroffenen Angehörigen.

Der Domänenname dieser Website soll einer vielschichtigen und facettenreichen Problematik eine eigene Überschrift geben. Angehörige sind nicht nur Anhängsel, sie leiden ebenso unter den Folgen und Begleiterscheinungen der Sucht wie die Suchtkranken. Co-abhängige Erlebens- und Verhaltensmuster sind dadurch gekennzeichnet, dass sich die Betroffenen in der Hilfe für eine nahestehende suchtkranke Person verstricken. Durch die Aufopferung im Dienste der Sucht vernachlässigen sie sich selbst, ihre Lebensinteressen und Selbstfürsorge. Darüber entwickeln sie nicht selten eigene psychosoziale und psychosomatische Probleme und Störungen.

Angehörige benötigen Hilfe, doch sie nehmen oftmals die eigene Not kaum wahr und bagatellisieren sie: "Ist nicht schlimm, alles gut!" Ihr stilles Leiden wird durch die Hilfesysteme nur unzureichend erkannt und infolgedessen fallen sie zwischen die Hilfenetze von Prävention, Jugendhilfe, Suchthilfe und Psychotherapie. In der bewussten Hinwendung zu und Beachtung von Angehörigen, davon bin ich überzeugt, liegt eine enorme Chance, die Hilfesysteme gerechter zu gestalten und eine bessere Vernetzung zu entwickeln.

2026-04 | Lesung | Ingelheim

Lesung "Jenseits der Wand" & und die Geschichte hinter der Geschichte

Safe the date! Annabelle Schickentanz und ich werden dieses Jahr nachträglich durch eine Lesung zur Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien beitragen, die vom 22.-28. Februar 2026 bundesweit stattfand (s.o.). Die wertgeschätzten Kolleginnen Sandra Rösel und Lisa Scholles von der Sucht- und Lebensberatung Ingelheim haben uns für Freitagabend, den 15. April, nach Ingelheim eingeladen. Die Lesung findet im Martin-Luther-Gemeindehaus, An der Burgkirche 15 in 55218 Ingelheim von 17:00 bis 19:00 Uhr statt

Die Autorin Annabelle Schickentanz liest aus ihrem autofiktionalen Roman "Jenseits der Wand" vor. Ich werde die Geschichte dahinter mittels eigener Texte aus einem noch unveröffentlichten Manuskript zur Selbsthilfe von erwachsenen Kindern aus Suchtfamilien kommentieren. Es wird möglichst um Anmeldung per E-Mail gebeten (siehe Adresse auf dem Plakat).

2026-03 | Aktionswoche 2026

# W I R W E R D E N S I C H T B A R

Vom 22.-28. Februar fand bundesweit die Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien statt. Das dreitteilge Motto lautete Wir werden sichtbar - In den Medien! In der Politik! In Eurer Region! NACOA Deutschland zieht ein rundum positives Fazit:

Die COA-Aktionswoche 2026 war ein voller Erfolg. 140 Veranstaltungen in ganz Deutschland beleuchteten das Thema "Aufwachsen mit suchtkranken Eltern" auf unterschiedliche Weise: Theaterstücke, Lesungen, Filmabende und zahlreiche Informationsveranstaltungen – der Vielfalt der Veranstaltungen war wieder einmal beeindruckend. Ein Pressespiegel wird gerade erstellt und zeitnah auf unserer Aktionswochenwebsite veröffentlicht. Aber schon jetzt danken wir allen Beteiligten für jede einzelne Aktion!

Falls Sie Zeit und Lust haben, können Sie auf der Website von NACOA oder auf der Website der COA-Aktionswoche mehr dazu lesen oder schauen Sie in die Beiträge auf dem Youtube-Kanal von NACOA hinein!

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cover stigma goffman

2026-03 | Etymologie & Semantik | Essay

Über das Stigma des Stigmas

Es ist ein Phänomen: In der Suchtpolitik, -forschung und -prävention wird fortwährend darauf hingewiesen, dass suchtkranke Personen und Angehörige nicht stigmatisiert werden dürfen. Beispiele:

  • In einer Filmdokumentation über Angehörige im Schatten der Sucht äußert ein Professor, dass das Konzept der Co-Abhängigkeit Angehörige stigmatisiere. Wie dies geschieht, erklärt er nicht.

  • In der medialen Öffentlichkeit wiederholen der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Suchtverbände oder Vertreter der Suchthilfe gebetsmühlenartig, dass man suchtkranke Personen - manchmal werden auch die Angehörigen einbezogen - nicht stigmatisieren solle. Was damit gemeint ist, wird gewöhnlich nicht näher erläutert.

  • In einer Fortbildung zum Thema FASD beenden die Dozentinnen jeden Themenblock damit, zu betonen, dass die alkoholkranken Mütter nicht stigmatisieren werden dürfen. Sie könnten nichts dafür, dass sie trinken. Es sei die Gesellschaft, die sie verführe.

  • In einem Streitgespräch in der ZEIT zu der gestiegenen Zahl der Drogentoten, erklärt eine Fachfrau, dass der Drogenkonsum entstigmatisiert werden müsse, damit die Konsumenten genauso "sozial verträglich" in unserer Gesellschaft leben können wie auch alkoholkranke Personen. Über die erhöhte Mortalität der Alkoholerkrankung und die alkoholbedingten Übergriffigkeiten verliert sie kein Wort.

  • In einem Memorandum der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen kulminiert die Argumentation wider die angebliche Stigmatisierung in der Behauptung: "Angehörige sollten dabei zwar als unterstützungsbedürftig, doch nicht als erkrankt verstanden werden." Auf den wissenschaftlichen Befund, dass im nahen sozialen Umfeld von suchtkranken Personen eine deutlich erhöhte Rate an psychischen Erkrankungen zu finden ist, geht der Text nicht ein.

Was ist ein Stigma? Folgende prägnante Definition gibt das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache:

1. [gehoben] charakteristisches Merkmal, das eine Person oder Sache von anderen unterscheidet, Kennzeichen
2. [Religion] Wundmal Christi; Wundmal eines Stigmatisierten
3. [historisch] Brandmal, das Sklaven im Altertum bei schweren Vergehen aufgebrannt wurde

Laut dem Wictionary stammt das lateinische Wort Stigma aus dem Altgriechischen und bedeutet „Stich, Brandmal, Malzeichen, Kennzeichen“. In der Soziologie, zurückgehend auf das Buch Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität von Erving Goffman, ist eine Stigmatisierung ein Mechanismus, mit der Gesellschaften Personen markieren, deren Äußeres, Verhalten oder Herkunft als normabweichend gilt. Das Stigma ist keine Eigenschaft, sondern ein soziales Urteil, das Menschen zugeschrieben wird. Diese Etikettierung schafft neue soziale Probleme, z. B. Ausgrenzung und Benachteiligung.

Zwei wichtige Aspekte fallen mir in der Herkunft und Bedeutung des Begriffs Stigma auf: Erstens kann er neutral als Merkmal, Kennzeichen oder Eigenschaft genutzt werden, durch die wir Menschen uns unterscheiden. Ich bin kurzsichtig. Gleichgültig, ob ich ohne Brille orientierungslos umherirre oder mit Brille herumlaufe, ich falle äußerlich durch diese Eigenschaft auf und unterscheide mich von Menschen, die keine visuelle Einschränkung haben. Das neutrale Merkmal kann gesellschaftlich durch ein soziales Urteil oder eine gesellschaftliche Benachteiligung verbunden sein. Anders als die Entzugsbehandlung oder die Behandlung mit Beta-Blockern einer alkoholkranken Person, die vollständig durch die Krankenversicherung bezahlt werden, muss ich meine Sehkorrektur zum Großteil selbst finanzieren. Ich möchte festhalten, dass ein Stigma nicht per se negativ ist. Erst durch das soziale Urteil, z.B. die gesundheitspolitische Entscheidung, Sehhilfen lediglich durch einen eher symbolischen Grundbetrag durch die Krankenversicherung zu unterstützen, kommt es zu einer sozialkritischen Etikettierung gemäß Goffman.

Der zweite Aspekt ist indes noch brisanter: Laut der etymologischen Herleitung ist eine Stigmatisierung ein von außen zugefügtes Stich- oder Brandmal bzw. ein gesellschaftlicher Etikettierungsprozess. Was aber ist, wenn das Stigma selbst zugefügt ist? Für meine Kurzsichtigkeit kann ich nichts, sie wurde mir vererbt. Aber was ist, wenn eine suchtkranke Person sich selbst durch Suchtmittelkonsum auffällig verhält und sich kennzeichnend schädigt? Was ist, wenn suchtkranke Personen zudem andere Personen in ihrem sozialen Umfeld etikettieren oder psychisch, sozial oder körperlich schädigen? Können suchtkranke Eltern nichts dafür, wenn die Kinder durch FASD und andere traumabedingte emotionale und Verhaltensauffälligkeiten gekennzeichnet werden, weil die Eltern selbst krank sind? Abhängigkeiterkrankungen sind durch Uneinsichtigkeit gekennzeichnet. Können die suchtkranken Personen nichts dafür, wenn sie ihre Problematik verleugnen, ja andere noch beschimpfen, beschuldigen, beschämen oder schlagen, weil diese sie auf ihre Problematik und ihren Hilfebedarf hinweisen? Könnte es sein, dass die Angehörigen einem doppelten stigmatisierenden Mechanismus unterliegen?

Ein typischer Fall der vielschichtigen Stigmatisierung durch die suchtkranken Eltern, das soziale Umfeld und die Gesellschaft (Hinweis: Die Angaben sind anonymisiert):

Eine 40-jährige erwachsene Frau aus einer Suchtfamilie hat einen auffällig kleinen Kopf, weil die Mutter während der Schwangerschaft geraucht und getrunken hat. In der Kindheit war die Frau mutistisch, weil die Eltern ihr eingetrichtert haben, nichts über das Familienleben nach außen zu tragen. Die blauen Flecke, weil sie geschlagen wurde, hat niemand gesehen. Obgleich sie gerne zur Schule ging, hatte sie keine Freunde, weil sie niemanden mit nach Hause nehmen konnte und wollte. Sie erlernte einen Beruf weit unter ihren intellektuellen Möglichkeiten, weil sie familiär keinen Rückhalt hatte und sich nicht traute, zu studieren, sowie keine Förderung erfuhr.

Heute leidet sie äußerlich sichtbar unter ständiger Hypervigilanz und kann aufgrund ihrer vielschichtigen sozialen Ängste und mangelnden Selbstvertrauens nicht uneingeschränkt am sozialen Leben teilhaben und vermeidet auffällig den Augenkontakt zu anderen. Freunde hat sie immer noch nicht und Partnerschaften kann sie nicht halten, weil sie wie auch die potenziellen Partnerinnen psychisch zu labil ist. Kontakt zu psychisch gesunden Personen traut sie sich nicht zu. Sie hat die typischen schreckgeweiteten, trockenen Augen von Betroffenen, weil sie nicht weinen kann, da sie von den suchtkranken Eltern beschimpft und mit Zimmerarrest bestraft wurde, wenn sie als Kind weinen musste. Weil sie sich nicht entspannen und abgrenzen kann und privat und beruflich die Aufgaben anderer erledigt, ist sie dauerhaft erschöpft und verhärmt, was sich tief in ihre Gesichtszüge eingebrannt hat.

Was ist, wenn die Stigmatisierungen wie in dem geschilderten Fallbeispiel nicht ausschließlich durch einen äußeren, gesellschaftlichen Mechanismus der Etikettierung und Benachteiligung, sondern ebenso durch die suchtkranken Personen aktiv verursacht, verschuldet werden? Macht es sich die Suchtpolitik und -hilfe nicht zu einfach, wenn sie die Stigmatisierung der "bösen" Gesellschaft zuschreibt? Ja, ist es nicht ebenfalls eine Stigmatisierung, wenn Personen, die etwas Kritisches zum verantwortungslosen und übergriffigen Verhalten von suchtkranken Personen äußern, als stigmatisierend gekennzeichnet werden? Könnte es stigmatisierend sein, wenn die vielen Konzepte, die den Begriff Co-Abhängigkeit nutzen und die zum Großteil von erwachsenen Kindern aus Suchtfamilien aufgestellt wurden, pauschal und unbegründet als stigmatisierend verurteilt werden? Und ist es vielleicht stigmatisierend, wenn die wissenschaftlich nachgewiesene, deutlich erhöhte Rate an psychischen Erkrankungen bei Angehörigen negiert wird, vermeintlich um sie vor Stigmatisierung zu schützen, und ihnen derart das durch die soziale Gesetzgebung festgelegte Recht auf eine angemessene Behandlung vorenthalten wird?

Übrigens: "Ein Vorurteil (juristisch-philosophisch auch: Vorverständnis) ist ein Urteil, das einer Person, einer Gruppe, einem Sachverhalt oder einer Situation ohne eine gründliche und umfassende Untersuchung, Abklärung und Abwägung zuteil wird" (Wikipedia). Ein Vorurteil wie beispielsweise der Vorwurf, dass das Konzept der Co-Abhängigkeit Angehörige stigmatisiere, wird nicht wahrer, weil es unermüdlich wiederholt wird.

2025-09 | ARD | Film

Ein Mann seiner Klasse

Die SWR-Koproduktion Ein Mann seiner Klasse ist als bester Fernsehfilm mit dem Deutschen Fernsehpreis 2025 ausgezeichnet worden. Das Abstract zum Spielfilm von der Mediathek der ARD:

Kaiserslautern, im Sommer 1994. Für den zehnjährigen Christian ist ein Ausflug in den Freizeitpark die absolute Ausnahme. Realität sind die eingetretene Wohnungstür, Hämatome auf dem Rücken der Mutter Mira und die Erfahrung von ständigem Mangel. Sein Vater Ottes ist unberechenbar, meist siegt der Alkohol über den guten Willen und er macht es seiner Familie nicht leicht, ihn zu lieben. Als der aufgeweckte Christian unerwartet eine Gymnasialempfehlung bekommt, will Mira, dass der begabte Sohn seine Chance nutzt. Ottes ist strikt dagegen. Christian soll wie er die Hauptschule besuchen und arbeiten.

Als Mira lebensgefährlich erkrankt, gibt ihre Schwester Juli ein Versprechen ab: Sie wird Verantwortung für die Kinder übernehmen. Nach Miras Tod setzt sie gegen den Willen von Ottes durch, dass Christian aufs Gymnasium geht. In Bedrängnis zwischen Juli und dem Vater, von dem er sich emotional nicht lösen kann, muss Christian sich entscheiden, welchen Weg er im Leben gehen möchte.

Der Spielfilm „Ein Mann seiner Klasse“ und die gleichnamige Doku sind nach dem Bestseller von Christian Baron entstanden.

Auf der Seite Medien unter der Rubrik Romane finden Sie eine Rezension zum autobiografischen Buch. Der Film ist gut gemacht, doch vieles fehlt oder wird nur szenisch angedeutet. Das Buch führt nach meinem Dafürhalten die familiäre Tragik und das Schicksal von Christian genauer, vielschichtiger und tiefgehender aus. Sowohl das Buch als auch der Film sind von suchtbedingter Gewalt geprägt, was nicht für sensible Gemüter oder traumatisierte Personen geeignet ist.

Beim Schauen des Films habe ich über den Titel nachgesonnen, der das eigentliche Thema verschweigt. Sucht kennt nämlich keine Klasse. Die Auswirkungen der suchtbedingten Übergriffigkeiten auf das soziale Umfeld sind unabhängig vom Milieu: Die Würde der Angehörigen wird nachhaltig verletzt. Ist dies Absicht des Autors, um den Vater nicht nur als gewalttätigen Säufer zu erinnern, vielmehr ihm als "Mann seiner Klasse" ein menschliches Denkmal zu setzen und so ein liebevolles Gedenken zu pflegen? Ist dies wichtig und gut für den Seelenfrieden von Christian, ist es Ausdruck der Zerrissenheit des Protagonisten oder ist es eine Täuschung? Oder ist alles drei zutreffend, je nach Betrachtungsweise?

» Film in Mediathek

2025-02 | ARTE | Serie

In my Skin

Derzeit und bis zum 14.01.2026 läuft auf ARTE die englische Serie In my Skin. Die dark comedy der Autorin und Regisseurin Kayleigh Llewellyn wurde von 2018 bis 2021 gedreht und durch die BBC Three herausgebracht. Aus der Ankündigung auf ARTE:

Die aufsässige und stürmische Bethan verheimlicht in der Schule ihre dramatischen Familienverhältnisse. Die tragikomische Coming-of-Age-Serie mit spitzzüngigen Dialogen zeichnet das subtile Porträt einer Jugendlichen, die ihr Leben auf eine ungewöhnliche Art anpackt.

In Wales gibt sich die 16-jährige Bethan Gwyndaf vor ihren Mitschülern Travis und Lydia fröhlich und sorglos, doch hinter dieser Fassade verbirgt sich ein schwieriger Familienalltag. Nicht genug, dass sie sich um ihre bipolare Mutter Trina kümmern muss. Auch ihr Vater Dilwyn, ein verantwortungsloser Alkoholiker, macht ihr das Leben schwer. Als Trina nach einem manischen Anfall in die Psychiatrie eingewiesen wird, tritt Bethans Schreibtalent zutage.

Nach außen hin spielt sie die aufsässige Jugendliche, daheim fungiert sie als letzte Stütze einer dysfunktionalen Familie. Bethan führt ein Doppelleben und verschweigt ihren Freunden die Dämonen, die ihren Alltag erdrücken. Mit ihrer bipolaren Mutter, die sie vor ihrem alkoholkranken, untätigen und aufbrausenden Vater beschützen muss, trägt das Mädchen eine viel zu schwere Last. Davon lässt sie sich nichts anmerken und flüchtet zusammen mit ihren Mitschülern ins Teenagerdasein, doch irgendwann bricht die Fassade zusammen.

Ohne jemals in Pathos zu verfallen, manövriert die Serie geschickt zwischen dem jugendlichen Leichtsinn der Tochter, den manisch-depressiven Schüben der Mutter und dem Verfall des Vaters, um die übergroße Verantwortung der jungen Protagonistin, die in die Rolle einer Erwachsenen schlüpfen muss, in den Fokus zu rücken. Gabrielle Creevy, Jo Hartley und Di Botcher bilden ein wunderbares Trio aus Tochter, Mutter und Großmutter, das wie eine Ode an die Schwesternschaft anmutet.

Dem habe ich wenig hinzuzufügen. Ich habe die Serie gerade zu Ende geschaut und bin begeistert. Very british und trotz der komödiantischen Schauspielkunst schmerzhaft realistisch! Derzeit habe ich vier Klientinnen in Psychotherapie, die genauso intelligent wie Beth sind und verblüffend ähnliche Schicksale erlitten haben. Eine Warnung möchte ich für alle sensiblen Menschen aussprechen. Die erste Staffel ist über weite Teile eher Komödie, die Tragödie deutet sich nur an und nimmt erst in der zweiten Staffel richtig Fahrt auf. In der Episode 3 der zweiten Staffel explodiert die unterschwellige Anspannung in einen Gewaltexzess. Dies zu schauen, war für mich schwer auszuhalten, weil ich morgens noch eine Klientin da hatte, die von ähnlich schlimmen Erlebnissen erzählt hatte. Und genauso wie Beth konnte sie als Heranwachsende nicht reden und hat keine angemessene Unterstützung erfahren.

In der Folge 4 der zweiten Staffel kommt es zu einem kleinen, zärtlichen Dialog zwischen Beth und der Freundin Cam, der die ausweglose Tragik von Beth unerträglich verdichtet:

Cam: Wer weiß noch davon?
Beth: Niemand. Nur Du.
Cam: Warum hast du nichts gesagt?
Beth: Keine Ahnung.
Cam: Nein, komm schon. Warum?
Beth: Weil ich mich schäme.

Falls Sie die schwarzhumorige, nervöse Unterschwelligkeit der ersten Serie und den gewalttätigen Spannungsbogen der zweiten Serie nicht ertragen, schauen Sie ausschließlich die letzte Folge. Sie ist so zartfühlend, so wundervoll, so rührend - nicht alles wendet sich zum Guten und das, was gut wird, ist schmerzhaft -, dass meine Frau und ich die ganze Zeit still geweint haben.

» Stream auf ARTE
» Wikipedia

Folgend einige Hinweise zum Gebrauch und zum konzeptionellen Hintergrund dieser Website:

Schmökern

Diese Website ist zum Schmökern gedacht. Sie ist gefüllt mit Informationen, die sich an verschiedene Gruppen richten: Kinder aus Suchtfamilien, PartnerInnen, Eltern, andere Angehörige, Freunde, Kollegen, Suchtbetroffene, Fachleute, Journalisten und alle anderen, die sich informieren wollen. Die Inhalte bilden das Spektrum von trockenen Fachkonzepten bis hin zu kreativen Medien ab. Um Ihnen die Orientierung zu erleichtern, gibt es erstens ein Sidemap, welches Sie auf jeder Seite unten links im Footer aufrufen können. Zweitens finden Sie unten auf den Seiten die Rubrik Obendrein mit Vorschlägen für inhaltlich ähnliche, weiterführende Seiten.

» Sidemap

Eine Angehörigenproblematik

Verschiedene Gruppen sind als Angehörige von Sucht betroffen: Kinder, erwachsene Kinder, Partner, Eltern, Geschwister, Freunde, Arbeitskollegen, Suchthelfer etc. Die Betroffenheit hat zwar viele individuelle Gesichter, doch es gibt meines Erachtens nur eine Angehörigenproblematik. Das möchte ich Ihnen anhand von zwei Argumenten erläutern.

Erstens überschneiden sich die Betroffenengruppen erheblich. Dies liegt an der co-abhängigen Transmission (» mehr). Mädchen - seltener Jungen - aus Suchtfamilien, suchen sich als Erwachsene überdurchschnittlich häufig suchtkranke Partner. Aus diesen (co-)abhängigen Partnerschaften gehen wiederum süchtig und co-abhängig gefährdete Kinder hervor. Geschätzt die Hälfte der Partnerinnen und Mütter und auch, doch seltener Partner und Väter, die ich in über 20 Jahren Angehörigenarbeit behandelt habe, ist biografisch schon durch eine Kindheit in einer Suchtfamilie vorbelastet gewesen.

Zweitens sind alle Personen, die in einem engen, langfristigen Kontakt mit Suchtkranken stehen, denselben Belastungen ausgesetzt: Das berauschte und entzügige Verhalten der Suchtkranken ist selbstsüchtig, verantwortungslos und unzuverlässig. Als Reaktion darauf entwickeln die Angehörigen komplementäre Muster der Selbstlosigkeit, Verantwortungsübernahme und Verlässlichkeit, um die Defizite der Suchtkranken auszugleichen. Auch wenn Kinder zweifelsohne aufgrund ihrer ungefestigten Persönlichkeit besonders vulnerabel sind, sind die psychosozialen Leiden und Folgeprobleme der unterschiedlichen Angehörigengruppen im Prinzip dieselben.

Aus den beiden genannten Gründen wird die Angehörigenproblematik auf dieser Website ganzheitlich betrachtet und behandelt.

Suchthelfer sind Angehörige

Bevor ich mich ambulant als Psychotherapeut niedergelassen habe, habe ich lange als Suchttherapeut gearbeitet. Damals habe ich nach und nach begriffen, dass die Themen und Probleme der Angehörigen ähnlich den beruflichen Herausforderungen der Suchthilfe sind. Auch Suchthelfer können sich in selbst aufopfernden und Verantwortung schulternden Mustern verlieren. Wie Dachdecker vom Dach fallen können, können sich Suchthelfer verstricken. Es ist ihr Berufsrisiko.

Die therapeutische Arbeit mit Angehörigen ist Psychohygiene für Suchthelfer. Indem ich Angehörigen geholfen habe, klarer zu werden und sich besser abzugrenzen, habe ich implizit gelernt, mich gegenüber der suchtkranken Klientel konsequenter zu verhalten. Es hat mir geholfen, sowohl die Sorge für die süchtige Klientel als auch die Selbstfürsorge im Berufsalltag besser auszubalancieren, um nicht auszubrennen und hart und negativ zu werden. Zynismus ist eine häufig zu findende Form der psychischen Beschädigung von Suchthelfern und Angehörigen.

Der Begriff Angehörige wird auf dieser Website als eine Kategorie verwendet, unter die auch Suchthelfer fallen. Alle Inhalte richten sich gleichermaßen an familiär und beruflich Betroffene.

Angehörige von psychisch kranken Personen

Alle Angehörigen von psychisch kranken Personen sind belastet. Warum beschränkt sich diese Website auf das Angehörigenthema der Sucht?

Abhängigkeitserkankungen sind auch psychische Störungen, doch sie unterscheiden sich in einem Aspekt von den meisten anderen psychischen Störungen. Der Suchtmittelmissbrauch ist der Versuch, eine primäre psychische Erkrankung zu bewältigen. Durch den Rausch werden die psychischen Leiden betäubt. Kurzfristig sorgt dies zwar für Erleichterung, doch langfristig verschlimmert sich derart die primäre Problematik und schafft zudem zerstörerische Folgeprobleme. In der Problemverleugnung, den süchtigen Manipulationen, Beschämungen und Beschuldigungen und den rausch- und entzugsbedingten Übergriffigkeiten entwickeln Suchterkrankungen zerstörerische Auswirkungen auf das soziale Umfeld.

Diese schädigenden sozialen Effekte sind bei anderen psychischen Störungen in der Stärke und dem Ausmaß nur selten zu finden. Bitte missverstehen Sie mein Argument nicht, es beschreibt nur eine Tendenz. Ihre konkrete, individuelle Situation kann nämlich ganz anders aussehen, z.B. können Angehörige von Personen mit Impulskontrollstörungen ebenfalls Übergriffigkeiten erfahren. Übrigens gehen solche aggressiven Störungen häufig mit Suchtmittelmissbrauch einher. Nichtsdestotrotz ist - im Gegensatz zur süchtigen Uueinsichtigkeit - den meisten psychisch erkrankten Personen sehr wohl bewusst, dass sie krank sind, und sie tun alles, damit andere nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Diese Website muss inhaltlich begrenzt werden, damit sie nicht ausufert und beliebig wird. Diese Entscheidung hat Vorteile, sie hat aber auch Nachteile. Die Problematik von Angehörigen psychisch kranker Personen wird auf CO-ABHAENIGIG.de implizit berücksichtigt. Sind Sie als Angehörige in diesem Sinne betroffen, sind Sie eingeladen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkunden.

Illustrationen

Die Illustrationen von Prinzessin & Frosch, welche diese Website schmücken, sind von Sina Gruber, eine junge Künstlerin und damals Studentin der Psychologie aus Kassel. Die 23 Werke entstanden 2013 auf Grundlage des Manuskriptentwurfs zum Ratgeber "Ich will mein Leben zurück!"

Anliegen

Co-ABHAENGIG.de habe ich 2010 eingerichtet, als mein erstes Fachbuch zum Thema herauskam. Damals hat es im deutschsprachigen Raum kaum informative Internetrepräsentationen zum Thema gegeben. Seitdem sind zwei weitere Fachbücher entstanden, ich habe eine Reihe an Artikeln verfasst, unzählige Vorträge gehalten, Interviews gegeben und Workshops und Fortbildungen zum Thema durchgeführt. Darüber hatte ich viele bereichernde Begegnungen zu Betroffenen wie auch zu anderen, in der Sache engagierten Fachleuten. Es sind kleinere und größere, kurz- und langfristige Kooperationen zustande gekommen. Vor allem aber habe ich von meinen Klienten gelernt. Ihre Erfahrungen sind für mich Geschenke. Ich bin dankbar, dass ich an ihren Entwicklungen, sich zu befreien und ihr Leben zurückzuerobern, teilhaben darf.

So ist aus dem in der Freizeit gepflegten Steckenpferd mein heutiger Arbeitsschwerpunkt geworden. Mit diesem Prozess ist auch die Website peu à peu gewachsen. Motiviert durch die Kooperation mit der Kollegin und Mitautorin, Judith Barth, habe ich mit dem Jahreswechsel 2020/21 alle Inhalte gründlich überarbeitet, Design und Navigation erneuert und jede Menge neue Seiten hinzugefügt. Das Motiv für mein Engagement hat sich in all den Jahren nicht verändert: Ich möchte über eine tabuisierte Thematik aufklären und zum kritischen Nachsinnen und konkreten Handeln anregen. Darüber hinaus gestalte ich die Website eigenständig und unabhängig und verfolge damit keine wirtschaftlichen, institutionellen oder sonstigen Interessen.

meditierende prinzessin