illustration blumen zupfen

Willkommen

Sie interessieren sich für die Angehörigenproblematik der Sucht? Vielleicht, weil Sie selbst als Kind, Partner, Eltern, Geschwister oder Freund betroffen sind, weil Sie sich in der Selbsthilfe engagieren oder weil Sie als Suchthelfer, Sozialarbeiter oder Psychotherapeut tätig sind? Vielleicht auch, weil Sie aus der Sucht ausgestiegen sind, und erfahren möchten, wie andere unter Ihrem süchtigen Verhalten gelitten haben? Diese Website solidarisiert sich parteiisch mit betroffenen Angehörigen.

Der Domänenname dieser Website soll einer vielschichten und facettenreichen psychischen, sozialen und auch gesellschaftlichen Problematik eine prägnante Überschrift geben. Angehörige haben es schwer, sie leiden genauso unter den Folgen und Begleiterscheinungen der Sucht wie die Suchtkranken. Co-abhängige Erlebens- und Verhaltensmuster sind dadurch gekennzeichnet, dass sich Betroffene in der Hilfe für eine nahestehende suchtkranke Person verstricken. Durch die Aufopferung im Dienste der Sucht vernachlässigen sie sich selbst, ihre Lebensinteressen und Selbstfürsorge. Darüber entwickeln sie nicht selten eigene psychosoziale und psychosomatische Probleme und Störungen.

Angehörige benötigen Hilfe in Form von Selbsthilfe, Prävention, Beratung, Schutz und Therapie. Doch sie nehmen oftmals die eigene Not kaum wahr und bagatellisieren ihre Probleme: "Ist nicht schlimm, alles gut!" Als Folge wird ihr stilles Leiden durch die Hilfesysteme von Prävention, Jugendhilfe, Suchthilfe und Psychotherapie nur unzureichend gesehen. In der bewussten Hinwendung und Beachtung von Angehörigen, davon bin ich überzeugt, liegt eine riesen Chance, die Hilfesysteme gerechter zu gestalten und eine bessere Vernetzung zu entwickeln.

Ihr Jens Flassbeck

Alle Beiträge der letzten Monate finden Sie auf der Seite: » Aktuelles. Ältere Meldungen können Sie hier einsehen: » Archiv.

2023-02 | COA Aktionswoche

Vom 12. bis 18.02. findet die bundesweite Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien unter dem Motto: "Vergessenen Kindern eine Stimme geben", statt. Folgendes Zitat stammt von der Website der COA-Aktionswoche und informiert umfassend über Ablauf, Inhalt und Zweck:

Ziele der COA-Aktionswoche: Kinder aus suchtbelasteten Familien sollen gehört und gesehen werden. Mit der COA-Aktionswoche rücken wir Kinder aus suchtbelasteten Familien eine Woche lang in den Fokus der Öffentlichkeit und der Medien, damit deutlich wird: Mehr als 2,6 Millionen Kinder in Deutschland leiden unter Suchtproblemen ihrer Eltern. Wir, das ist zum einen der Verein NACOA Deutschland, der die COA-Aktionswoche bundesweit organisiert – aber natürlich auch alle Mitmachenden, wie Vereine, Initiativen, Organisationen, Anlaufpunkte, COA-Hilfsangebote, Selbsthilfegruppen u. v. m.

Während der COA-Aktionswoche – immer rund um den Valentinstag am 14. Februar:

  • sensibilisieren wir Menschen, die mit Kindern arbeiten (Erzieher*innen, Lehrer*innen, Sporttrainer*innen, Jugendgruppenleiter*innen, Ärzt*innen...), Kinder aus suchtbelasteten Familien zu erkennen.

  • stellen Projekte und Initiativen mit Aktionen und Veranstaltungen ihre Arbeit vor.

  • machen wir Hilfsangebote öffentlich.

  • fordern wir politisch Verantwortliche von Gemeinden bis in den Bund auf, sich für mehr Unterstützungsangebote für COAs einzusetzen und diese Hilfen langfristig zu finanzieren.

Die COA-Aktionswoche gibt es seit 2011 in Deutschland und in den USA. Außerdem findet sie z.B. regelmäßig auch in Großbritannien, der Schweiz, in Korea oder Slowenien statt.

» Website
» Aufruf

Dieses Jahr nehme ich erstmalig im Rahmen meiner Psychotherapiepraxis an der Aktionswoche teil. Zu einem eintägigen Workshop mit dem Titel: "Reden, fühlen, trauen", sind aktuelle und ehemalige KlientInnen eingeladen. Erwachsenen Kindern aus Suchtfamilien mit Traumafolgestörungen leiden gewöhnlich darunter, dass sie mit ihrer Problematik allein sind und nicht über ihr Erleben sprechen können. Sie sind gefangen im stillen Leiden. Traumabegegnung und -bewältigung benötigt das geschützte Setting der Einzeltherapie. Doch selbst, wenn die Betroffenen eine gute Entwicklung nehmen und in der Einzeltherapie lernen, sich in ihrer Verletztheit zu verbalisieren, bleiben sie nicht selten im Lebensalltag mit dem belastenden Thema allein. Dies zu überwinden, ist das vorrangige Ziel des Workshop und dieses Anliegen benötigt ein Gruppensetting. Aus diesem Grund ist es ferner mein Wunsch, dass sich aus dem Workshop vielleicht eine Selbsthilfegruppe bildet. Doch dies müssen die TeilnehmerInnen selbst in die Hand nehmen.

Hier sind einige Vorabhinweise zum konzeptionellen Hintergrund dieser Website.

Eine Angehörigenproblematik

Verschiedene Gruppen sind als Angehörige von Sucht betroffen: Kinder, erwachsene Kinder, Partner, Eltern, Geschwister, Freunde, Arbeitskollegen, Suchthelfer etc. Die Betroffenheit hat zwar viele Gesichter, doch es gibt meines Erachtens nur eine Angehörigenproblematik. Das möchte ich Ihnen anhand von zwei Argumenten erläutern: Erstens überschneiden sich die Betroffenengruppen stark. Geschätzt die Hälfte der Partnerinnen und Mütter - auch, doch seltener Partner und Väter - die ich in über 20 Jahren Angehörigenarbeit behandelt habe, ist biografisch schon durch eine Kindheit in einer Suchtfamilie vorbelastet gewesen.

Dies liegt an der co-abhängigen Transmission, die überwiegend die Mädchen aus Suchtfamilien betrifft (» Transmission). Die Kinder lernen in den Suchtfamilien die co-abhängigen Erlebens- und Verhaltensmuster der Selbstlosigkeit, Verantwortungsübernahme und Selbstaufopferung. In der Kindheit sind diese Mechanismen ein Schutz, um die Situation möglichst erträglich zu gestalten. Im Erwachsenenalter können sie dahingegen eine tragische Wirkung entfalten, dass sich die Betroffenen nicht von der Herkunftsfamilie ablösen können und eigene Partnerschaften und Familien nach dem abhängigen Vorbild der Herkunftsfamilie gründen.

Zweitens können auch Partner und Eltern, die nicht aus Suchtfamilien stammen, im engen Zusammenleben mit einem chronifizierten Suchtkranken dieselben Muster entwickeln, falls sie sich nicht ausreichend abgrenzen. Auch bei ihnen ist die selbstlose Verantwortungsübernahme ein dysfunktionaler Versuch, Kontrolle zu wahren und die Situation zu bewältigen. Die persönlichen Themen und psychosozialen Probleme der unterschiedlichen Angehörigengruppen sind analog. Aus diesen Gründen wird die Angehörigenproblematik auf dieser Website ganzheitlich betrachtet und behandelt.

Suchthelfer sind Angehörige

Bevor ich mich ambulant als Psychotherapeut niedergelassen habe, habe ich lange als Suchttherapeut gearbeitet. Damals habe ich nach und nach begriffen, dass die Themen und Probleme der Angehörigen ähnlich den beruflichen Herausforderungen der Suchthilfe sind. Auch Suchthelfer können sich in den Mustern von Selbstlosigkeit, Verantwortungsübernahme und Selbstaufopferung verlieren. Wie Dachdecker vom Dach fallen können, können sich Suchthelfer verstricken. Es ist ihr Berufsrisiko.

Die therapeutische Arbeit mit Angehörigen ist Psychohygiene für Suchthelfer. Indem ich Angehörigen geholfen habe, klarer zu werden, sich besser abzugrenzen und mehr Selbstzuwendung und -fürsorge zu entwickeln, habe ich implizit gelernt, mich als Suchttherapeut konsequenter von den süchtigen Forderungen und Übertragungen abzugrenzen. Es hat mir geholfen, sowohl die Sorge für die süchtige Klientel als auch die Selbstfürsorge im Berufsalltag besser auszubalancieren, um nicht auszubrennen und hart und zynisch zu werden, eine häufig zu findende Form der psychischen Beschädigung von Suchthelfern.

Der Begriff Angehörige wird auf dieser Website als eine Kategorie verwendet, unter die gleichfalls Suchthelfer fallen. Alle Inhalte richten sich gleichermaßen an familiär und beruflich Betroffene.

Angehörige von psychisch kranken Personen

Alle Angehörigen von psychisch kranken Personen sind belastet. Warum beschränkt sich diese Website auf das Angehörigenthema der Sucht?

Eine Abhängigkeiterkankung ist eine psychische Störungen, doch sie unterscheiden sich in einem gewichtigen Aspekt von den meisten anderen psychischen Störungen. Der Suchtmittelmissbrauch ist der Versuch, eine primäre psychische Erkrankung, z.B. eine Depression, Angststörung, ein Posttrauma oder eine Persönlichkeitsstörung, zu bewältigen. Durch den Rausch werden die Probleme ausgeblendet: Out of sight, out of mind. Kurzfristig schafft der Konsum so zwar Entlastung, langfristig allerdings verschlimmert er die primäre Problematik und schafft zudem immense Folgeprobleme. Die primäre Problematik und der Suchtmittelkonsum bilden einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis. In der Verleugnung der Probleme, den süchtigen Manipulationen, Beschämungen und Beschuldigungen und den suchtmittelenthemmten und entzügigen Übergriffigkeiten entwickeln Suchterkrankungen zerstörerische Auswirkungen nicht nur auf die Suchtbetroffenen selber, sondern genauso auf das soziale Umfeld.

Diese schädigenden sozialen Effekte sind bei anderen psychischen Störungen in der Stärke und dem Ausmaß nur selten zu finden. Die meisten psychisch kranken Personen ist bewusst, dass sie krank sind und sie tun alles, damit andere nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Bitte missverstehen Sie mein Argument nicht, es beschreibt nur eine Tendenz. Ihre konkrete, individuelle Situation kann nämlich ganz anders aussehen. Z.B. können Angehörige von Personen mit narzisstischen, dissozialen oder emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen ebenfalls massive Vernachlässigung oder Übergriffigkeiten erfahren. Die aufgezählten Störungsbilder gehen übrigens häufig mit Suchtmittelmissbrauch einher.

Diese Website muss inhaltlich begrenzt werden, damit sie nicht ausufert und beliebig wird. Diese Entscheidung hat Vorteile, sie hat aber auch Nachteile. Die Problematik von Angehörigen psychisch kranker Personen wird auf CO-ABHAENIGIG.de implizit berücksichtigt. Sind Sie als Angehörige in diesem Sinne betroffen, sind Sie eingeladen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkunden.

meditierende prinzessin

Illustrationen

Die Illustrationen von Prinzessin & Frosch, welche diese Website schmücken, sind von Sina Gruber, eine junge Künstlerin und damals Studentin der Psychologie aus Kassel. Die 23 Werke entstanden 2013 auf Grundlage des Manuskriptentwurfs zum Ratgeber "Ich will mein Leben zurück!"

Anliegen

CO-ABHAENGIG.de habe ich 2010 eingerichtet, als mein erstes Fachbuch zum Thema herauskam. Damals hat es im deutschsprachigen Raum kaum informative Internetrepräsentationen zum Thema gegeben. Seitdem sind zwei weitere Fachbücher entstanden, ich habe eine Reihe an Artikeln verfasst, unzählige Vorträge gehalten, Interviews gegeben und Workshops und Fortbildungen zum Thema durchgeführt. Darüber hatte ich viele bereichernde Begegnungen zu Betroffenen wie auch zu anderen, in der Sache engagierten Fachleuten. Es sind kleinere und größere, kurz- und langfristige Kooperationen zustande gekommen. Vor allem aber habe ich von meinen Klienten gelernt. Ihre Erfahrungen sind für mich Geschenke. Ich bin dankbar, dass ich an ihren Entwicklungen, sich zu befreien und ihr Leben zurückzuerobern, teilhaben darf.

So ist aus dem in der Freizeit gepflegten Steckenpferd mein heutiger Arbeitsschwerpunkt geworden. Mit diesem Prozess ist auch die Website peu à peu gewachsen. Motiviert durch die Kooperation mit der Kollegin und Mitautorin Frau Judith Barth, habe ich mit dem Jahreswechsel 2020/21 alle Inhalte gründlich überarbeitet, Design und Navigation erneuert und jede Menge neue Seiten hinzugefügt. Das Motiv für mein Engagement hat sich in all den Jahren nicht verändert: Ich möchte über eine tabuisierte Thematik informieren und zum kritischen Nachsinnen und konkreten Handeln anregen. Darüber hinaus gestalte ich die Website eigenständig und unabhängig und verfolge damit keine wirtschaftlichen, institutionellen oder sonstigen Interessen.