illustration nein sagen

Aktuelles

Folgend finden Sie aktuelle Informationen und Kommentare zur Angehörigenthematik der Sucht, z.B. zu neuen Angeboten, gesundheitspolitischen Ereignissen, Buchveröffentlichungen und zu Aktivitäten des Autoren.

Ältere Beiträge können Sie hier einsehen: » Archiv.

2022-11 | ZEIT | Artikel

die zeit

In der ZEIT vom 10. November 2022 wurde ein Artikel zum Thema der Kinder aus Suchtfamilien publiziert (S. 20). Der Artikel "Mama?" ist meines Erachtens gut recherchiert und er wurde treffenderweise in der Rubrik "Verbrechen" gebracht. Sara und ihr jüngerer Bruder wurden durch die alkoholkranke Mutter jahrelang missbraucht. Die Behörden wussten davon, unternahmen aber nichts. Als junge Frau, obgleich psychisch krank, traut sie sich, die Mutter anzuzeigen. Ich danke dem Journalisten, Alexander Rupflin, für den ungeschminkten, schonungslosen Text und empfehle allen, die nicht zu zartbesaitet sind, die Ausgabe der ZEIT zu erwerben, um ihn zu lesen. Online konnte ich den Artikel bedauerlicherweise nicht finden, sodass er nicht verlinkt ist.

Seit ungefähr zwei Jahrzehnten bin ich treuer ZEIT-Leser. Es ist der erste Beitrag, den ich zum Thema in der ZEIT entdeckt habe. Bitte, bitte, liebe ZEIT-Redaktion, bringt das sowohl individuell tragische als auch gesellschaftlich brisante Thema häufiger. Es benötigt motivierende, kritische Öffentlichkeit, damit die Gesundheitspolitik und die Hilfesysteme endlich ihre diesbezügliche Missachtung und Trägheit überwinden und der Not der Betroffenen angemessen tätig werden. Vernachlässigkeit und Übergriffigkeiten, wie sie Sara und ihr jüngerer Bruder erfahren haben und aktuell drei Mio. Betroffene tagtäglich erfahren, sind oftmals juristisch, doch stets moralisch ein Verbrechen. Unterlassene Hilfe durch Missachtung und Untätigkeit, gleichgültig ob es von einzelnen Personen, Institutionen oder der Gesellschaft ausgeübt wird, ist in meinen Augen ebenso ein ethisches Verbrechen.

2022-10 | Warstein | Fortbildung

nein, einen scheiß muss ich

Im Oktober habe ich eine eintägige Fortbildung zum Thema Co-abhängige Verstrickungen in der Suchthilfe gegeben. Ich bin gleich mehrfach positiv überrascht, dass das Fort- und Weiterbildungszentrum Warstein des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe dieses brisante und tabuisierte Thema angefragt hat, dass ausreichend MitarbeiterInnen der westfälischen Suchthilfe gekommen sind und die Veranstaltung stattgefunden hat sowie dass die TeilnehmerInnen, mehrheitlich aus der Sozialarbeit, ein Bewusstsein für die Problematik mitbrachten. Ich nehme an, dass genau die MitarbeiterInnen der Suchthilfe gekommen sind, die für das Thema offen sind. Den Workshop habe ich als ganz gewinnbringend erlebt und ich bin bereichert und optimistisch nach Hause gefahren.

Die Inhalte des Workshops sind kurz skizziert: 1. Suchtkranke bringen eine starke Zerissenheit oder Widersprüchlichkeit mit, die alle, die einen engen Kontakt haben und helfen wollen, herausfordert. Sucht ist eine Krankheit, aber es ist auch ein manipulatives, unsoziales und übergriffiges Verhalten. 2. Suchthelfer sind Menschen mit psychosozialen Neigungen und Problemen und können sich infolgedessen in den abhängigen Ambivalenzen und Manipulationen verstricken. Ich bezeichne es als co-abhängige Gegenübertragung, wenn Helfer die süchtige Devianz bagatellisieren und verleugnen, Sucht ausschließlich als Krankheit wahrnehmen und übermäßig helfen. 3. Verstrickungen können nicht verhindert werden, sie ergeben sich. Doch sie können genutzt werden. Es geht darum, sie aufzuspüren und geeignete Strategien der Grenzsetzung einzusetzen und die Unabhängigkeit als Helfer wiederherzustellen.

Darüber geschieht Entwicklung, auf Seiten der Suchthelfer und auch, falls sie sich einlassen, der Klienten. Deswegen ist es wichtig, dass Suchthelfer fortwährend ihr Berufsrisiko reflektieren (Kollegiale Beratung, Selbsterfahrung, Supervision) und flexibel sowohl Strategien des Helfens als auch der Abgrenzung einsetzen können. Eine gute Psychohygiene auf Seiten der Suchthelfer ist gleichbedeutend mit einer unabhängigen Beziehungsgestaltung und dies ist wiederum Voraussetzung für eine effektive und nachhaltige Suchthilfeleistung. Die Qualität der Psychohygiene und die der Hilfeleistung stehen in einer notwendigen Wechselwirkung und verstärken sich gegenseitig.

In der Vorbereitung der Fortbildung habe ich eine Tabelle als Hilfsmittel erstellt. Ich habe dabei entwurfsmäßig ausprobiert, den Zusammenhang der psychosozialen Auffälligkeiten der Sucht, der co-abhängigen Gegenübertragungen und der Alternativen der gesunden Abgrenzung herzustellen. Der Entwurf wurde durch das Erarbeitete im Workshop bestätigt und durch die Anregungen der TeilnehmerInnen konnte ich Dinge noch präzisieren. Für die TeilnehmerInnen und alle anderen Interessierten ist die Tabelle zum Herunterladen verlinkt.

» Tabelle: Süchtige Auffälligkeiten, co-abhängige Gegenübertragungen und gesunde Abgrenzung

2022-09 | Detmold | Vortrag

Die Selbsthilfe-Kontaktstelle Detmold feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Selbsthilfe ist wichtig und sie ist zentral. Jede Hilfe, gleichgültig ob Selbsthilfe, Beratung oder Therapie, ist im Kern Hilfe zur Selbsthilfe. Ein gut gemachtes Hilfeangebot basiert auf der Förderung von Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Die Autonomie des Hilfesuchenden ist Ausgang, Methode und Ziel einer effektiven Hilfeleistung. Deswegen ist Selbsthilfe das Eigentliche.

Anders als im Bereich Sucht mangelt es an Selbsthilfeangeboten für erwachsene Kinder aus Suchtfamilien und andere Angehörige. Deswegen freut es mich, dass die Kontaktstelle mich eingeladen hat, im Rahmen ihres Jubiläums einen Vortrag zu halten. Der Titel lautet: "Die langen Schatten der Sucht. Eine unglückliche Kindheit, ein unglückliches Leben?" Näheres über die Inhalte können sie in der verlinkten Ankündigung erfahren. Die Veranstaltung findet in Präsenz am Mittwoch um 19:00 Uhr in der Kontaktstelle in der Bismarckstraße 8 in Detmold statt.

» Ankündigung Vortrag (PDF)

Nachschlag zum Vortrag, 09.09.2022: Es war schön, wieder einen Vortrag in Präsenz zu halten und unmittelbare, zwischenmenschliche Ressonanz zu erfahren. Das gesundheitspolitische Fazit meines Vortrags möchte ich hier festhalten, weil es auf den Punkt bringt, wo es gesellschaftlich in der Sache klemmt: Für betroffene Kinder und andere Angehörige wünsche ich mir, dass sich mehr Präventionskräfte, Pädagogen, Sozialarbeiter, Suchttherapeuten und Psychotherapeuten in der Behandlung des Suchttraumas qualifizieren und engagieren. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die Millionen Betroffenen in der Selbsthilfe zusammentun, sich organsieren und vernetzen, Politik in eigener Sache machen, gesellschaftlich aufbegehren und lauthals Unterstützung einfordern. Denn Selbsthilfe ist das Eigentliche.

2022-08 | Selbsthilfe | Kommentar

eis

Die Apotheken Umschau hat einen Artikel über Co-Abhängigkeit mit einem Interview mit mir gebracht (s.u.). Daraufhin habe ich viele Zuschriften von Angehörigen erhalten, die sich gefreut haben, dass ihre Thematik aufgegriffen wurde. Sie haben sich durch den Artikel von Herrn Andrae und meine Interviewaussagen verstanden gefühlt. Ebenso viele haben mich angeschrieben, weil sie Hilfe suchen und meinen Rat hören wollten.

Ein Detail des Interviews betraf das 12-Schritte-Programm der Al-Anon, welches ich ambivalent bewerte. Einerseits schätze ich Al-Anon, weil sie immerhin eine Angehörigenselbsthilfe vorhalten, und andererseits gefällt mir am 12-Schritte-Program nicht, dass es religiös, autoritär und nicht mehr zeitgemäß ist. Über diese, meine Meinung waren einige unzufrieden und sie haben mir ihre anders lautende Sichtweise dargestellt. Gedanken sind bekanntlich frei und ich habe diese Bekundungen als Bereicherung erfahren. In zwei Fällen wurde ich sogar gefragt, wie ich zu einer solchen Bewertung komme. Daraus hat sich ein für beide Seiten gewinnbringender Austausch ergeben.

Nun habe ich von bekennenden AA, also Suchtbetroffenen, auch einige wenige unfreundliche Zuschriften erhalten. Sie schreiben genau in der Form, die ich als autoritär kritisiere. Der Duktus ist von oben herab und belehrend. Darauf möchte ich hier nicht eingehen. Ich lösche solche Emails und lass mir den Tag nicht verderben. Auch darauf, dass diese AA nicht bemerkt haben, dass es nicht um Sucht, sondern um die Angehörigenproblematik geht, will ich nicht weiter eingehen. Lieber gehe ich ein Eis essen.

Nur eins möchte ich vertiefen. Im Programm steht drei Mal das Wort Gott, zwei Mal ist die Sprache von Beten und es wird u.a. aufgefordert, sich der Sorge Gottes anzuvertrauen. Dennoch werde ich in den Zuschriften von AA zurechtgewiesen, dass ich das Programm falsch verstehe und es nicht religiös sei. Das Wort Gott würde für etwas Spirituelles stehen und jeder/jede sei frei, darunter zu verstehen, was er/sie möchte. Merken Sie den Widerspruch? Wenn ich dieser Einladung zur individuellen Auslegung nachkomme und das Wort Gott auf meine Art und Weise wortwörtlich und religiös begreife, dann liege ich in den Augen dieser AA falsch und werde verbal „gesteinigt“. Da passt etwas nicht.

Ich mag an Religion, dass alles Auslegung ist. Dies hat Religion mit Eissorten gemein, einer mag Schokolade, ein anderer Erdbeere und ein weiterer Vanille. Geschmack ist wie Glaube eine sehr subjektive Angelegenheit. Früher zu Zeiten der Kreuzzüge war dies anders, doch heute in demokratischen Zeiten darf jeder/jede glauben und an Eis wählen, was er/sie lieb hat. Das gefällt mir. Und noch eins, liebe AA: Religion ist im Kern durch den Glauben an einen Gott oder mehrere Götter definiert. Das Wort Gott meint Gott. Das ist nicht diskutierbar, sonst wird menschliche Kommunikation beliebig. Wo kommen wir hin, wenn wir religiös Gott sagen, indes spirituell Eis meinen?

Eins habe ich durch die belehrenden Zuschriften der AA verstanden. Dafür bin ich dankbar. Das 12-Schritte-Programm ist zur Behandlung von Sucht entwickelt worden. Es geht um süchtiges Unrecht und Fehlverhalten und darum, die angerichteten Schäden zu erkennen und gut zu machen. Dafür ist das Programm geeignet und hat in den letzten Jahrzehnten einen guten Job gemacht. Doch warum wurde es eins zu eins auf die Angehörigenhilfe übertragen? Kinder und Angehörige sind Opfer der Sucht. Sie helfen selbstlos und leiden unter übermäßigen Scham- und Schuldgefühlen. Ihnen wird Unrecht getan. Sie brauchen ein anderes, komplementäres Programm, welches sie anleitet, das ihnen angetane Unrecht zu erkennen, und zu lernen, sich zu wehren und abzugrenzen, und das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen. Das 12-Schritte-Prgramm zielt am Bedarf der Angehörigen vorbei. In der Kooperation mit Al-Anon-Gruppen habe ich erfahren, dass diese die Fehlausrichtung sehr wohl erkennen und korrigieren. Das ist gut so.

Zurück zum Thema des Artikels in der Apotheken Umschau: Es mangelt an Selbsthilfe für Angehörige. Das 12-Schritte-Programm ist keine Lösung dieses gesellschaftlichen Defizits. Für eine bedarfsgerechte, angehörigenzentrierte Selbsthilfe braucht es zeitgemäße, fachlich fundierte Konzepte, wie beispielsweise das AWOKADO-Konzept von Barnowski-Geiser (2015) oder mein Leben-zurück-Konzept (Flassbeck, 2021). Diesbezüglich sind alle Selbsthilfeverbände gefragt, sich zu engagieren und nachzubessern. Das wissenschaftliche AnNet-Projekt (Angehörigennetzwerk, 2017) hat übrigens vorgemacht, wie eine solche Selbsthilfe gelingen kann.

2022-07 | Interviews

Ende Juni und Anfang Juli haben das Magazin der Süddeutsche Zeitung und die Apotheken Umschau das Thema Co-Abhängigkeit aufgegriffen. Die Beiträge sind mit Interviews mit mir angereichert worden. Ich danke den JournalistInnen Frau Sara Peschke und Herrn Christian Andrae für die gelungene Kooperation. In beiden Artikeln wird das Thema in seiner leidvollen Tragweite und gesellschaftlichen Tabuisierung angemessen behandelt. Seitdem habe ich jede Menge Zuschriften von betroffenen Angehörigen und in der Angehörigensache engagierten Personen erhalten. Das erlebe ich sehr bereichernd. Zwei Dinge fielen mir dabei besonders auf.

Erstens suchen viele Angehörige Hilfe und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen, weil es bei Ihnen vor Ort an speziellen Angeboten mangelt. Zweitens haben mich Selbsthilfestellen und auch Präventionsstellen auf ihre Hilfeangebote für Angehörige und Kinder aus Suchtfamilien hingewiesen. So habe ich erfahren, dass es in Erfurt eine gut aufgestellte Elternhilfe gibt, in München eine Selbsthilfe, die Sucht als Familienstörung versteht und entsprechend auch Angebote für Angehörige realisiert, und in Bochum eine Jugendhilfestelle mit besonderem Augenmerk auf Kinder und Jugendliche aus Suchtfamilien. Ich wünsche mir, dass sich diese Leuchtturmprojekte besser vernetzen würden, um an einem Strang in der Sache zu ziehen, sich gegenseitig zu bereichern und Vorbild für die vielen Regionen zu sein, die angehörigenbezogen unterversorgt sind.

» Apotheken-Umschau 24.06.2022
» Süddeutsche Zeitung Magazin 04.07.2022 (Bezahlinhalte)

2022-06 | Rezension | Neuerscheinung

Barnowski-Geiser, W. (2022). Krankheitsscham - die verborgene Emotion. Erkennen, verstehen, helfen. Stuttgart: Klett-Cotta.

Frau Dr. Barnowski-Geiser, die Autorin des Ratgebers "Vater, Mutter, Sucht" für erwachsene Kinder aus Suchtfamilien, hat ein Buch über Krankheitsscham veröffentlicht. Krankheitsscham ist demnach ein Prozess, der allen somatischen und seelischen Krankheiten zugrunde liegt, den Krankheitsprozess verstärken und den Heilungsprozess hemmen kann. Wie Schamreaktionen in der Behandlung therapeutisch aufgegriffen und für die Genesung sogar genutzt werden können, wird in dem Buch differenziert dargestellt. Ich durfte das Werk für das Socialnet rezensieren.

Warum ist das Thema Krankheitsscham im Zusammenhang der Angehörigenthematik wichtig? Die Neigung, mit Scham auf Erkrankungen zu reagieren, ist stark von der biografischen Vorbelastungen abhängig, in der Kindheit beschämt, beschuldigt oder erniedrigt worden zu sein, was im Buch ausführlich dargestellt wird. Beschämung ist ein Trauma, welches Kinder in Suchtfamilien und auch andere Angehörige von Suchtkranken im Besonderen betrifft. Die Neuerscheinung ist daher auch ein wertvoller Gewinn, psychisch oder psychosomatisch erkrankte Angehörige zu verstehen und ihnen zu helfen.

» Rezension auf Socialnet
» Buch bei Klett-Cotta

2022-06 | CO-ABHAENGIG.de | Kurzgefasst

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Im letzten Jahr haben JournalistInnen gehäuft wegen Interviews zur co-abhängigen Thematik angefragt. Dies löst ambivalente Reaktionen in mir aus. Auf der einen Seite sind Interviews stressig und ich bin nicht gut darin, verstrickte Sachverhalte spontan, eloquent auf den Punkt zu bringen. Als Psychotherapeut kann ich besser Fragen stellen, als Antworten geben. Die JournalistInnen wünschen - verständlicherweise - prägnante Antworten und unterschätzen dabei die Komplexität der co-abhängigen Problematik und die gesellschaftliche Brisanz des Tabuthemas. Auf der anderen Seite benötigt die Angehörigensache Öffentlichkeit. Genau daran mangelt es. Das Engagement der JournalistInnen finde ich daher begrüßens- und unterstützenswert.

Angeregt durch die Interviews habe ich CO-ABHAENGIG.de mit einer neuen Seite versehen: Kurzgefasst. Hier habe ich die wichtigsten Fragen gesammelt und versucht, Antworten auf den Punkt zu bringen, damit Sie sich einen schnellen Überblick über die Angehörigenthematik verschaffen können.

» Kurzgefasst

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