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Aktuelles

Folgend finden Sie aktuelle Informationen und Kommentare zur Angehörigenthematik der Sucht, z.B. zu neuen Angeboten, gesundheitspolitischen Ereignissen, Buchveröffentlichungen und zu Aktivitäten des Autoren.

Beiträge aus den Vorjahren können Sie hier einsehen: » Archiv.

2022-09 | Detmold | Vortrag

Die Selbsthilfe-Kontaktstelle Detmold feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Selbsthilfe ist wichtig und sie ist zentral. Jede Hilfe, gleichgültig ob Selbsthilfe, Beratung oder Therapie, ist im Kern Hilfe zur Selbsthilfe. Ein gut gemachtes Hilfeangebot basiert auf der Förderung von Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Die Autonomie des Hilfesuchenden ist Ausgang, Methode und Ziel einer effektiven Hilfeleistung. Deswegen ist Selbsthilfe das Eigentliche.

Anders als im Bereich Sucht mangelt es an Selbsthilfeangeboten für erwachsene Kinder aus Suchtfamilien und andere Angehörige. Deswegen freut es mich, dass die Kontaktstelle mich eingeladen hat, im Rahmen ihres Jubiläums einen Vortrag zu halten. Der Titel lautet: "Die langen Schatten der Sucht. Eine unglückliche Kindheit, ein unglückliches Leben?" Näheres über die Inhalte können sie in der verlinkten Ankündigung erfahren. Die Veranstaltung findet in Präsenz am Mittwoch um 19:00 Uhr in der Kontaktstelle in der Bismarckstraße 8 in Detmold statt.

» Ankündigung Vortrag (PDF)

Nachschlag zum Vortrag, 09.09.2022: Es war schön, wieder einen Vortrag in Präsenz zu halten und unmittelbare, zwischenmenschliche Ressonanz zu erfahren. Das gesundheitspolitische Fazit meines Vortrags möchte ich hier festhalten, weil es auf den Punkt bringt, wo es gesellschaftlich in der Sache klemmt: Für betroffene Kinder und andere Angehörige wünsche ich mir, dass sich mehr Präventionskräfte, Pädagogen, Sozialarbeiter, Suchttherapeuten und Psychotherapeuten in der Behandlung des Suchttraumas qualifizieren und engagieren. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die Millionen Betroffenen in der Selbsthilfe zusammentun, sich organsieren und vernetzen, Politik in eigener Sache machen, gesellschaftlich aufbegehren und lauthals Unterstützung einfordern. Denn Selbsthilfe ist das Eigentliche.

2022-08 | Selbsthilfe | Kommentar

eis

Die Apotheken Umschau hat einen Artikel über Co-Abhängigkeit mit einem Interview mit mir gebracht (s.u.). Daraufhin habe ich viele Zuschriften von Angehörigen erhalten, die sich gefreut haben, dass ihre Thematik aufgegriffen wurde. Sie haben sich durch den Artikel von Herrn Andrae und meine Interviewaussagen verstanden gefühlt. Ebenso viele haben mich angeschrieben, weil sie Hilfe suchen und meinen Rat hören wollten.

Ein Detail des Interviews betraf das 12-Schritte-Programm der Al-Anon, welches ich ambivalent bewerte. Einerseits schätze ich Al-Anon, weil sie immerhin eine Angehörigenselbsthilfe vorhalten, und andererseits gefällt mir am 12-Schritte-Program nicht, dass es religiös, autoritär und nicht mehr zeitgemäß ist. Über diese, meine Meinung waren einige unzufrieden und sie haben mir ihre anders lautende Sichtweise dargestellt. Gedanken sind bekanntlich frei und ich habe diese Bekundungen als Bereicherung erfahren. In zwei Fällen wurde ich sogar gefragt, wie ich zu einer solchen Bewertung komme. Daraus hat sich ein für beide Seiten gewinnbringender Austausch ergeben.

Nun habe ich von bekennenden AA, also Suchtbetroffenen, auch einige wenige unfreundliche Zuschriften erhalten. Sie schreiben genau in der Form, die ich als autoritär kritisiere. Der Duktus ist von oben herab und belehrend. Darauf möchte ich hier nicht eingehen. Ich lösche solche Emails und lass mir den Tag nicht verderben. Auch darauf, dass diese AA nicht bemerkt haben, dass es nicht um Sucht, sondern um die Angehörigenproblematik geht, will ich nicht weiter eingehen. Lieber gehe ich ein Eis essen.

Nur eins möchte ich vertiefen. Im Programm steht drei Mal das Wort Gott, zwei Mal ist die Sprache von Beten und es wird u.a. aufgefordert, sich der Sorge Gottes anzuvertrauen. Dennoch werde ich in den Zuschriften von AA zurechtgewiesen, dass ich das Programm falsch verstehe und es nicht religiös sei. Das Wort Gott würde für etwas Spirituelles stehen und jeder/jede sei frei, darunter zu verstehen, was er/sie möchte. Merken Sie den Widerspruch? Wenn ich dieser Einladung zur individuellen Auslegung nachkomme und das Wort Gott auf meine Art und Weise wortwörtlich und religiös begreife, dann liege ich in den Augen dieser AA falsch und werde verbal „gesteinigt“. Da passt etwas nicht.

Ich mag an Religion, dass alles Auslegung ist. Dies hat Religion mit Eissorten gemein, einer mag Schokolade, ein anderer Erdbeere und ein weiterer Vanille. Geschmack ist wie Glaube eine sehr subjektive Angelegenheit. Früher zu Zeiten der Kreuzzüge war dies anders, doch heute in demokratischen Zeiten darf jeder/jede glauben und an Eis wählen, was er/sie lieb hat. Das gefällt mir. Und noch eins, liebe AA: Religion ist im Kern durch den Glauben an einen Gott oder mehrere Götter definiert. Das Wort Gott meint Gott. Das ist nicht diskutierbar, sonst wird menschliche Kommunikation beliebig. Wo kommen wir hin, wenn wir religiös Gott sagen, indes spirituell Eis meinen?

Eins habe ich durch die belehrenden Zuschriften der AA verstanden. Dafür bin ich dankbar. Das 12-Schritte-Programm ist zur Behandlung von Sucht entwickelt worden. Es geht um süchtiges Unrecht und Fehlverhalten und darum, die angerichteten Schäden zu erkennen und gut zu machen. Dafür ist das Programm geeignet und hat in den letzten Jahrzehnten einen guten Job gemacht. Doch warum wurde es eins zu eins auf die Angehörigenhilfe übertragen? Kinder und Angehörige sind Opfer der Sucht. Sie helfen selbstlos und leiden unter übermäßigen Scham- und Schuldgefühlen. Ihnen wird Unrecht getan. Sie brauchen ein anderes, komplementäres Programm, welches sie anleitet, das ihnen angetane Unrecht zu erkennen, und zu lernen, sich zu wehren und abzugrenzen, und das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen. Das 12-Schritte-Prgramm zielt am Bedarf der Angehörigen vorbei. In der Kooperation mit Al-Anon-Gruppen habe ich erfahren, dass diese die Fehlausrichtung sehr wohl erkennen und korrigieren. Das ist gut so.

Zurück zum Thema des Artikels in der Apotheken Umschau: Es mangelt an Selbsthilfe für Angehörige. Das 12-Schritte-Programm ist keine Lösung dieses gesellschaftlichen Defizits. Für eine bedarfsgerechte, angehörigenzentrierte Selbsthilfe braucht es zeitgemäße, fachlich fundierte Konzepte, wie beispielsweise das AWOKADO-Konzept von Barnowski-Geiser (2015) oder mein Leben-zurück-Konzept (Flassbeck, 2021). Diesbezüglich sind alle Selbsthilfeverbände gefragt, sich zu engagieren und nachzubessern. Das wissenschaftliche AnNet-Projekt (Angehörigennetzwerk, 2017) hat übrigens vorgemacht, wie eine solche Selbsthilfe gelingen kann.

2022-07 | Interviews

Ende Juni und Anfang Juli haben das Magazin der Süddeutsche Zeitung und die Apotheken Umschau das Thema Co-Abhängigkeit aufgegriffen. Die Beiträge sind mit Interviews mit mir angereichert worden. Ich danke den JournalistInnen Frau Sara Peschke und Herrn Christian Andrae für die gelungene Kooperation. In beiden Artikeln wird das Thema in seiner leidvollen Tragweite und gesellschaftlichen Tabuisierung angemessen behandelt. Seitdem habe ich jede Menge Zuschriften von betroffenen Angehörigen und in der Angehörigensache engagierten Personen erhalten. Das erlebe ich sehr bereichernd. Zwei Dinge fielen mir dabei besonders auf.

Erstens suchen viele Angehörige Hilfe und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen, weil es bei Ihnen vor Ort an speziellen Angeboten mangelt. Zweitens haben mich Selbsthilfestellen und auch Präventionsstellen auf ihre Hilfeangebote für Angehörige und Kinder aus Suchtfamilien hingewiesen. So habe ich erfahren, dass es in Erfurt eine gut aufgestellte Elternhilfe gibt, in München eine Selbsthilfe, die Sucht als Familienstörung versteht und entsprechend auch Angebote für Angehörige realisiert, und in Bochum eine Jugendhilfestelle mit besonderem Augenmerk auf Kinder und Jugendliche aus Suchtfamilien. Ich wünsche mir, dass sich diese Leuchtturmprojekte besser vernetzen würden, um an einem Strang in der Sache zu ziehen, sich gegenseitig zu bereichern und Vorbild für die vielen Regionen zu sein, die angehörigenbezogen unterversorgt sind.

» Apotheken-Umschau 24.06.2022
» Süddeutsche Zeitung Magazin 04.07.2022 (Bezahlinhalte)

2022-06 | Rezension | Neuerscheinung

Barnowski-Geiser, W. (2022). Krankheitsscham - die verborgene Emotion. Erkennen, verstehen, helfen. Stuttgart: Klett-Cotta.

Frau Dr. Barnowski-Geiser, die Autorin des Ratgebers "Vater, Mutter, Sucht" für erwachsene Kinder aus Suchtfamilien, hat ein Buch über Krankheitsscham veröffentlicht. Krankheitsscham ist demnach ein Prozess, der allen somatischen und seelischen Krankheiten zugrunde liegt, den Krankheitsprozess verstärken und den Heilungsprozess hemmen kann. Wie Schamreaktionen in der Behandlung therapeutisch aufgegriffen und für die Genesung sogar genutzt werden können, wird in dem Buch differenziert dargestellt. Ich durfte das Werk für das Socialnet rezensieren.

Warum ist das Thema Krankheitsscham im Zusammenhang der Angehörigenthematik wichtig? Die Neigung, mit Scham auf Erkrankungen zu reagieren, ist stark von der biografischen Vorbelastungen abhängig, in der Kindheit beschämt, beschuldigt oder erniedrigt worden zu sein, was im Buch ausführlich dargestellt wird. Beschämung ist ein Trauma, welches Kinder in Suchtfamilien und auch andere Angehörige von Suchtkranken im Besonderen betrifft. Die Neuerscheinung ist daher auch ein wertvoller Gewinn, psychisch oder psychosomatisch erkrankte Angehörige zu verstehen und ihnen zu helfen.

» Rezension auf Socialnet
» Buch bei Klett-Cotta

2022-06 | CO-ABHAENGIG.de

pictogramm interview

Im letzten Jahr haben JournalistInnen gehäuft wegen Interviews zur co-abhängigen Thematik angefragt. Dies löst ambivalente Reaktionen in mir aus. Auf der einen Seite sind Interviews stressig und ich bin nicht gut darin, verstrickte Sachverhalte spontan, eloquent auf den Punkt zu bringen. Als Psychotherapeut kann ich besser Fragen stellen, als Antworten geben. Die JournalistInnen wünschen - verständlicherweise - prägnante Antworten und unterschätzen dabei die Komplexität der co-abhängigen Problematik und die gesellschaftliche Brisanz des Tabuthemas. Auf der anderen Seite benötigt die Angehörigensache Öffentlichkeit. Genau daran mangelt es. Das Engagement der JournalistInnen finde ich daher begrüßens- und unterstützenswert.

Angeregt durch die Interviews habe ich CO-ABHAENGIG.de mit einer neuen Seite versehen: Kurzgefasst. Hier habe ich die wichtigsten Fragen gesammelt und versucht, Antworten auf den Punkt zu bringen, damit Sie sich einen schnellen Überblick über die Angehörigenthematik verschaffen können.

» Kurzgefasst

2022-05 | NRW | RISKID

suchthilfestatistik

Die Landesregierung von NRW regelt als erstes Bundesland den Informationsaustausch bei Verdacht auf Kindesmisshandlung. Das Problem des "Doctor-Hopping" ist altbekannt: Wenn KinderärztInnen ihren Verdacht auf Misshandlungen ansprechen, verschleiern die Täter ihr Handeln, indem sie die Praxis wechseln. Dieselbe Täterstrategie wird auch bei Kita- und Schulwechseln angewendet.

Misshandlungen und Vernachlässigung ist allzu häufig mit Suchtmittelmissbrauch der Eltern assoziiert. Psychische Gewalt und Vernachlässigung haben alle meine psychotherapeutischen KlientInnen in ihrer Kindheit in einer Suchtfamilie erlebt. Geschätzt die Hälfte von ihnen war auch physischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Eine besondere Schwere ist dadurch gegeben, dass Vernachlässigung und Übergriffigkeit gewöhnlich viele Jahre andauern, die Umwelt wegschaut und die Kinder keinen Schutz erfahren. Das Hilfesystem ist zwar bemüht, doch allzu oft hilflos.

Mit Hilfe des digitalen Informationssystems RISKID soll der interkollegiale Austausch von ÄrztInnen bei Verdachtsfällen erleichtert werden. Auch weitere Facharztgruppen wie z.B. GynäkologInnen, AllgemeinmedizinerInnen und Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen sind aufgefordert, sich zu beteiligen. In dem System können sich ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen wie in einer virtuellen Großpraxis über Befunde und Diagnosen austauschen, wenn unklar ist, ob bei einem Kind ein Missbrauch oder eine Misshandlung vorliegen könnte. Andere Institutionen wie Jugendämter oder Schulen sind vom Informationssystem aus Datenschutzgründen ausgeschlossen. RISKID ist meines Erachtens ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

» Website RISKID

2022-05 | IFT Institut | Suchthilfestatistik

suchthilfestatistik

Die Deutsche Suchthilfestatistik (DSHS) ist das nationale Dokumentations- und Monitoringsystem im Bereich der Suchthilfe in Deutschland und wird jährlich durch das Institut für Therapieforschung (IFT) in München durchgeführt und publiziert. Ich habe mir das 204 Seiten starke Werk von 2020 vorgenommen (» Statistik als PDF) und nach Statistiken zu Angehörigen gesucht. Eine einzige Erwähnung der Angehörigen habe ich entdecken können (S. 17): 8% der Betreuungen fanden "mit Angehörigen oder anderen Bezugspersonen" statt.

Ob die Angehörigen eine eigene Beratung erhielten oder nur in die Betreuung der Suchtkranken einbezogen wurden, wird nicht in der Zahl aufgeschlüsselt. Darüber hinaus gehen in die Statistik sowohl kurze als auch lange Betreuungen gleichberechtigt ein. Es ist anzunehmen, dass Angehörige eher kurze Beratungen erhalten und die zeitintensiven Prozesse für die suchtkranke Klientel reserviert sind. Die Zahl der Angehörigenbetreuungen ist in Folge dessen beträchtlich, im unbekannten Maß nach unten zu korrigieren, um den wahren Aufwand der ambulanten Einrichtungen für Kinder und andere Angehörige einzuschätzen. 22 Jahre nach dem von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen ausgerufenen "Jahr der Angehörigen" darf man mithin von Systemversagen sprechen.

Drei weitere Stellen sind mir in Hinblick auf die Angehörigenproblematik in dem DSHS besonders ins Auge gefallen. In der Statistik zur Verteilung von Hauptdiagnosen in ambulanten Einrichtungen erfährt man (S. 18), dass nahezu die Hälfte der Klienten die Einrichtungen aufgrund alkoholbezogenen Störungen aufsucht (48%). Es folgen Störungen im Zusammenhang von Cannabinoiden (19,7%) und Opioiden (9,5). Allerdings gibt es in der Statistik keine Angaben zu Angehörigen, obgleich die meisten Suchtberatungsstellen heute Angehörigenberatung anbieten. Warum wird diese nicht ebenfalls erfasst?

Auf den Seiten 15 bis 17 werden die verschiedenen Angebote der ambulanten Einrichtungen und deren Kooperationen mit anderen Diensten quantifiziert. Zwar erfährt man, dass 90,8% der Einrichtungen Sucht- und Drogenberatung und 52,8% Prävention und Früherkennung anbieten sowie 72,3% der Einrichtungen mit der Selbsthilfe kooperieren, doch die Angehörigeangebote werden nicht erhoben. Warum nicht?

Neben den konsum- und verhaltensbezogenen Suchtproblemen werden weitere Problembereiche untersucht (S. 20). Die Hälfte der ambulanten Klienten gibt demnach psychische Probleme an und etwas zwei Fünftel schätzt die familiäre Situation als problematisch ein. Gewaltausübung wird indes selten berichtet (3,9%). Die AutorInnen gehen aufgrund der tabubesetzten Thematik von einer Untererfassung aus. Die Zahl spiegelt folglich die süchtige Verleugnung wieder. Warum wird nicht in Bezug auf die Opfer, also die Angehörigen, ergänzend nach Problembereichen wie z.B. Gewalt gefragt, um zu Daten zu gelangen, die die Realität eher abbilden?

Dem IFT Institut habe ich eine E-Mail mit meinen Fragen und Anmerkungen geschickt und tatsächlich schon am Folgetag eine freundliche und aufschlussreiche Antwort erhalten. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken! In der Antwort wird erstens der angehörigenbezogene Mangel der Statistik bestätigt, aber auf den Kernzweck der DSHS verwiesen, die Versorgung von Menschen mit Suchterkrankung mit Fokus auf leistungsrelevante Tatbestände darzustellen. Zweitens werden methodische Schwierigkeiten erläutert. Und drittens wird auf das Jahr 2027 verwiesen, in dem gegebenenfalls die Erhebung in Bezug auf die Angehörigen nachgebessert werden soll. Warten wir es ab!

2022-04 | Sucht-Hilfe | Broschüre

broschüre sucht-hilfe

Mir wurde von einer empörten Fachkraft der Jugendhilfe eine Broschüre einer Sucht- und Jugendhilfestelle in L. zugespielt. In dem "Ratgeber zur Aufklärung und Vorbeugung" (IV/22) gibt es auch einen Abschnitt zu "Sucht und Familie". Ich möchte Ihnen aus dem Text zitieren: "Aber wie sollen Angehörige reagieren? ... und sicher geht es Suchtkranken nicht darum, die Familie mit ihrer Sucht zu verletzen. Deshalb sollten Angehörige sich zunächst ausführlich über Suchterkrankungen, deren Ursachen und Auswirkungen informieren... Umso wichtiger ist es, die Beziehung jetzt nicht zusätzlich durch Vorwürfe, persönliche Kritik, Nörgeleien oder Beschimpfungen zu belasten... Ruhe und Verständnis mögen zwar schwierig sein, sind jedoch wesentlich, wenn Angehörige die Suchtprobleme thematisieren wollen... Eine solche belastete Atmosphäre erzeugt Stress und den werden die Suchtkranken wahrscheinlich in einer Flucht in die Sucht zu kompensieren versuchen... Wenn Suchtkranke sich öffnen und über ihre Erkrankung sprechen, sollten Angehörige sie nicht unterbrechen... Wer Suchtkranken helfen möchte, sollte stets konsequent sein, Grenzen ziehen und Vorbild sein."

Meinen die KollegInnen in L. ernsthaft, dass Angehörige, die ständig Abwertungen, Beschimpfungen, Beschuldigungen und Beschämungen ausgesetzt sind, Ruhe und Verständnis aufbringen sollen? Sollen sich Angehörige, wenn der Suchtkranke mal wieder die Haushaltskasse geplündert hat und kein Geld mehr für Essen da ist, zunächst einmal ausführlich über Suchterkrankungen und deren Auswirkungen informieren. Sollen Angehörige, nachdem sie misshandelt wurden, nicht verletzt sein und den Suchtkranken nicht unterbrechen, wenn er sich öffnet und über seine Krankheit spricht? Und sollen Angehörige, die tagtäglich die Folgen der Sucht ausbaden und mit der belasteten Situation überfordert sind, den Stress verbergen, damit der Suchtkranke sich nicht in den Konsum flüchtet?

Die Broschüre löst bei mir ungläubige Sprachlosigkeit aus. Doch mir ist dazu eine Aussage einer Klientin eingefallen. Sie kommt aus einer Suchtfamilie, ist selber Sozialarbeiterin und hat ihre vielfältige Erfahrungen mit Beratungsstellen, Krisendiensten und Seelsorge wie folgt zusammengefasst: "Eigentlich suche ich jemanden, der mir einfach zuhört und Verständnis hat. Und dann geben mir die Kollegen oft dort Ratschläge, die ich nicht brauchen kann. An den Ratschlägen merke ich, dass sie nicht wirklich zuhören und keine Ahnung haben. Es erinnert mich an meine Familie. Die sagen mir auch immer, was ich denken, fühlen und tun soll. Aber keiner hört mir zu, keiner sieht mich."

Impuls: Es wäre eine Möglichkeit, gemeinsam mit geeigneten Kooperationspartnern eine angehörigenzentrierte Broschüre herauszugeben.

2022-02 | Drogenpolitik

logo drogenbeauftragter

Am 11.02.2022, zwei Tage vor Beginn der Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien, hat sich der neue Drogenbeauftrage der Bundesregierung, Burkhard Blienert, in einem Interview mit der WELT zu Wort gemeldet. Wohlgemerkt äußert er sich nicht zur Aktionswoche, vielmehr fordert er eine Neuausrichtung der Drogenpolitik. In seinen Antworten kommt die Angehörigenproblematik nicht vor. Nachstehend zwei Zitate zu den zentralen Aussagen des Interviews: "Was wir brauchen, ist einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit Drogenkonsum insgesamt. Wir müssen die Menschen unterstützen und ihnen helfen. Das steht für mich an allererster Stelle." und "Im Mittelpunkt sollte die Gesundheit stehen, nicht das Strafrecht. Drogenkonsumierende sollten nicht stigmatisiert werden, sondern Gehör und Akzeptanz finden." (» Interview)

Ich verstehe schon, dass Blienert seine Worte ermutigend und entstigmatisierend meint. Eine Neuausrichtung der Drogenpolitik kann ich nicht erkennen. Er setzt nur fort, was die Vorgängerinnen schon verfolgt haben. Allerdings ist die Wortwahl aus Angehörigenperspektive mehr als unglücklich zu bewerten. Aus Sicht der Angehörigen wird Folgendes nahegelegt: Drogenabhängige, die gewohnheitsmäßig täuschen, manipulieren, abwerten, beschuldigen und beschämen sowie nicht selten auch betrügen, klauen, misshandeln und missbrauchen, sollen gesellschaftlich "Gehör und Akzeptanz finden". Meint Blienert, dass wir das unsoziale und deviante Tun von Suchtkranken akzeptieren sollen? Selbstverständlich meint er dies nicht, aber er sagt es. Ein klassischer Freudscher Versprecher? Mitnichten! Das Gesagte spiegelt die längst überholte gesellschaftliche Schieflage wieder, dass die - allzu häufig suchtkranken - Täter alle Aufmerksamkeit und Hilfe erhalten und die Opfer - im Fall von Sucht v.a. Kinder, Partnerinnen und Eltern - vergessen werden.

Die offizielle Website des Drogenbeauftragten, wie ich recherchiert habe, spiegelt diese Missachtung der Angehörigen ebenfalls wieder. Auch diesbezüglich setzt Blienert die Tradition des Hauses fort. Aus Angehörigensicht und vor dem Hintergrund der aktuell stattfindenden COA-Aktionswoche hat der Drogenbeauftragte einen bedauerlichen Fehlstart ins neue Amt hingelegt. Schade auch, die Chance auf einen echten Neuanfang ist verpasst!

2022-02 | COA-Aktionswoche

Unter dem Motto: "Wir brauchen Verlässlichkeit!" findet vom 13. bis 19. Februar 2022 die 13. bundesweite Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien statt. Organisiert wird die Aktionswoche von den beiden Vereinen NACOA Deutschland und Such(t)- und Wendepunkt e.V. In zahlreichen Veranstaltungen in ganz Deutschland werden wieder Einrichtungen, die mit betroffenen Kindern und Jugendlichen arbeiten, auf die leidvolle Situation der Betroffenen und die mangelhafte Versorgung durch die Hilfesysteme in Deutschland hinweisen - gerade auch in Zeiten der Pandemie.

NACOA lädt unter anderem zum Auftakt der Aktionswoche für den 11. Februar von 10:00 bis 11:30 Uhr zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit gesundheits- und drogenpolitischen ExpertInnen von SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen ein. Die Veranstaltung findet kostenfrei online per ZOOM statt (» Veranstaltung). Die Interessenvertretung für Kinder aus suchtbelasteten Familien hebt gesundheitspolitisch hervor: "Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien kennen leider in ihrem Alltag die mangelhafte Verlässlichkeit von Verantwortlichen. Die Einhaltung von Verlässlichkeit ist ein hohes Gebot und deshalb sind sicher finanzierte Hilfs- und Beratungsangebote für diese hochverletzliche Gruppe so wichtig."

» Pressemitteilung
» Website Aktionswoche

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