2026-04 | Lesung | Ingelheim
Lesung "Jenseits der Wand" & und die Geschichte hinter der Geschichte
Annabelle Schickentanz und ich haben in Kooperation mit den wertgeschätzten Kolleginnen Sandra Rösel und Lisa Scholles von der Jugend- und Suchtberatung Ingelheim dieses Jahr nachträglich durch eine Lesung zur Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien beigetragen, die vom 22.-28. Februar 2026 bundesweit stattfand (s.o.). Die Lesung fand am 17.April im Martin-Luther-Gemeindehaus, An der Burgkirche 15 in 55218 Ingelheim von 17:00 bis 19:00 Uhr statt
Die Autorin Annabelle Schickentanz las aus ihrem autofiktionalen Roman "Jenseits der Wand" vor. Ich habe die Geschichte dahinter mittels eigener Texte aus einem noch unveröffentlichten Manuskript zur Selbsthilfe von erwachsenen Kindern aus Suchtfamilien unterstrichen. Schickentanz erzählte emotionalisierend und ich kommentierte vertiefend.
Weil Frau Schickentanz als Betroffene den Abend im Fokus der Aufmerksamkeit und Zuwendung stand, möchte ich auch hier ihr das Fazit überlassen und sie aus einer E-Mail zitieren:
Besonders berührt hat mich die Aussage einer junger Frau: Dass es offenbar möglich sei, sich nach dem Tod des Alkoholikers befreit zu fühlen und dies ohne Schuldgefühle.
Eine andere Zuhörerin äußerte ihren Respekt vor dem Mut, das Schweigen zu brechen, wenn man von schweigenden Menschen umgeben ist. Dass meine Art zu lesen, als berührend empfunden wurde, hat mich in der Folge ebenso berührt
Und der Absatz aus Jenseits der Wand, der den Abend wundervoll zusammenfasst, mit diesem möchte ich abschließen:
Alles fließt ineinander, die Wand, die Scham, das Anderssein, mein Selbst, die zarten Risse meiner Haut, mein Schmerz, das warme Blut, meine Tränen, in den Raum, der mich umgibt, in das Mittendrin, das alle Ebenen vereint, das Oben und das Unten, Innen und Außen. Mein Zittern ist ein Beben, inmitten von Schuld und Unschuld, Gestern und Heute, gebrochene Erde, die sich mit Wasser füllt, weil der Himmel sich öffnet, tiefrot.
2026-03 | Roman | Rezension
Schmeller, R. (2026). Co. München: Penguin.
Es gibt eine Reihe von autobiografischen Romanen über eine Kindheit aus einer Suchtfamilie. Bücher über das Thema von verstrickten Partnerschaften zu suchtkranken Personen sind eher rar. Doch in den letzten zwei Jahren sind gleich drei Romane dazu erschienen: Säuferkind von Sophia Schneider, Ich stelle mich schlafend von Deniz Ohde und jetzt Co von Rina Schmeller. Anfang März 2026 habe ich überraschend ein Paket mit der autofiktionalen Neuerscheinung von Schmeller erhalten. Sie hatte den Verlag veranlasst, es mir zuzusenden, was mich sehr freut.
Das Abstrakt von der Verlagsseite:
Eine Begegnung auf einer Brücke. Ein Erkennen, eine Liebe. Die Entscheidung für ein gemeinsames Leben – ungeachtet der Droge, die ihn begleitet und somit nun auch ihren Alltag bestimmt. Sie verstrickt sich in seine Abhängigkeit, beginnt, um ihn zu kreisen wie er um die Droge: stilles Zentrum, dritte Instanz. Sie flieht immer wieder vor der Gewalt, doch kehrt stets nach Hause zurück – bis sie es eines Tages nicht mehr tut.
»Co« erzählt von Mitgefühl und von schleichender Selbstsabotage. Von der Dynamik der Sucht, einer Krankheit, vor der niemand sicher ist. Davon, was es heißt, co-abhängig zu leben. Und von Selbstermächtigung. Inbegriff einer Befreiung, erzählt »Co« vom Weg einer Frau, die die Kraft aufbringt, sich nach Jahren als Co zu lösen: ihre Chance zu überleben. Wie sie mit Mühe, aber entschieden nach einem eigenen Leben zu suchen beginnt – und mit jeder Phase unabhängiger wird.
Schritt für Schritt, Schleife für Schleife spürt Rina Schmeller dem Wiederfinden eines Ich nach und erzählt mit Kraft vom Zurückerlangen der eigenen inneren Freiheit. Mit einer Sprache voller Klarheit, Rhythmus und Stille schreibt sie gegen das Tabu an.
Das Buch von Schmeller ist wie auch Säuferkind eine prototypische Erzählung dafür, was co-abhängiges Erleben und Verhalten auszeichnet und wie man sich daraus befreien kann. Es spiegelt in den autofiktionalen Geschehnissen die konzeptionellen Inhalte der Modelle zur Co-Abhängigkeit wider. In den sich selbst bewusst werdenden und sich emanzipierenden Erkenntnissen und Entscheidungen der Protagonistin habe ich die Arbeiten von Sharon Wegscheider-Cruse, Claudia Black, Melody Beattie, Ann Wilson Schaef, Pia Mellody und auch mir wiedergefunden. Das hat mir großes Vergnügen bereitet. Wer einen biografischen, nicht theoretischen, konkret begreifbaren Zugang zur co-abhängigen Thematik sucht, erhält ihn bei Schmeller in einer besonderen Form wie nirgends anders.
Das Buch beginnt sehr zaghaft, fragmentarisch und wird mit dem Prozess der Selbsterkenntnis und -findung der Protagonistin immer dichter. Die Erzählung von Schmeller hat mich hineingezogen, ich habe das Buch an einem Tag gelesen, konnte nicht mehr aufhören und wollte wissen, wie die Protagonistin die Kurve kriegt. Wie immer habe ich mir beim Lesen aussagekräftige Stellen im Buch markiert, um sie in dieser Rezension zu zitieren. Doch es sind viel zu viele Stellen, um sie alle aufzuführen. Folgend lediglich eine kleine Auswahl der Zitatsammlung, die dem Buch zwar nicht gerecht wird, Ihnen indes eine Impression zu den Inhalten, der Sprache und dem Stil von Schmeller gibt:
Was macht es so schwer darüber zu schreiben? Weil man sich schämt. Ist es das? Oder sich selbst nicht wichtig nimmt. Und wie soll ich davon erzählen? Von dem Fehlen eines Ich. In der Ich-Form noch dazu, die ich mir so hart erarbeitet habe.
Er hielt ein halbvolles Bier in der Hand, hob und drehte seinen Arm und leerte den Rest über meinem Kopf aus. Meine Haare waren nass und verklebt. Weder vorher noch nachher habe ich je so empfunden, aber was genau ich empfunden habe, kann ich nach wie vor nicht benennen. Ich weiß es einfach nicht. Jemand anderes war es, einer anderen Frau widerfuhr es, nicht mir. Ich sah dem Geschehen, der Szene nur zu und spürte gleichwohl die Erniedrigung. Als er mir ins Gesicht spuckte, war es ähnlich. Immer schneller wurde ich im Verlassen der Wohnung, immer besser war ich darauf vorbereitet, packte schon vor der Nacht meine Sachen. Sie legt alles griffbereit neben sich. So kann sie leiser und schneller sein.
Ich erinnere alles, die Szenen kommen wieder, und doch habe ich so vieles vergessen, wahrscheinlich weil immer das Gleiche geschah. Immer enger wurde der Raum, immer umfassender das Schweigen, das wir uns teilten, immer routinierter die Flucht mit anschließender Rückkehr. Wir waren beide auf der Flucht, was uns paradoxerweise verband, aber vor was genau wir zu fliehen versuchten, das kann ich nach wie vor kaum greifen. Wonach wir suchten, das weiß ich eher. Nach einem Zuhause. Geborgenheit. Frieden. Was einem Menschen auf der Flucht eben fehlt.
Wenn man sich länger mit mir unterhielt, ich ein Gegenüber hatte, egal ob bekannt, befreundet, vertraut – oder inmitten einer Gruppe, in der ich als Einzige schwieg, weil ich zu dem Thema nichts sagen konnte, nichts aus meinem Leben hinzufügen konnte, wenn ich mich dabei zu sehen begann, bei meinem Dasein, meinem Schweigen – das war ihr Moment, dann zeigte sie sich. Für alle sichtbar, in meinem Gesicht. Scham ist diffus, man begreift sie nicht. Ich schämte mich dafür, dass ich mich schämte.
Ich hatte gespürt, wie beweglich ich war. Ich hatte verstanden, ich konnte mich – jetzt und jederzeit – entschließen. Dass sich alles weitere einfach ergab. Es nur darum ging, loszugehen. Und was sich dann zeigte, zeigte sich mir, eben weil ich aufgebrochen war. Weil ich jetzt hier war – egal, wo ich war. Und so kam es wieder, das Außen kam wieder. Nach und nach. Eine andere Welt.
Falls Sie mehr wissen wollen, wie es der Protagonistin ergangen ist und vor allem wie sie Unabhängigkeit erlangt, lesen Sie das Buch selbst. Für alle, die sich zum Thema informieren wollen, aber vor allem für betroffene Frauen, die noch selbstaufopfernd und leidvoll in der co-abhängigen Misere drinstecken und sich auf den Weg machen wollen, möchte ich eine klare Leseempfehlung aussprechen.
» Das Buch bei Penguin
2026-03 | Aktionswoche 2026
# W I R W E R D E N S I C H T B A R
Vom 22.-28. Februar fand bundesweit die Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien statt. Das dreitteilge Motto lautete Wir werden sichtbar - In den Medien! In der Politik! In Eurer Region! NACOA Deutschland zieht ein rundum positives Fazit:
Die COA-Aktionswoche 2026 war ein voller Erfolg. 140 Veranstaltungen in ganz Deutschland beleuchteten das Thema "Aufwachsen mit suchtkranken Eltern" auf unterschiedliche Weise: Theaterstücke, Lesungen, Filmabende und zahlreiche Informationsveranstaltungen – der Vielfalt der Veranstaltungen war wieder einmal beeindruckend. Ein Pressespiegel wird gerade erstellt und zeitnah auf unserer Aktionswochenwebsite veröffentlicht. Aber schon jetzt danken wir allen Beteiligten für jede einzelne Aktion!
Falls Sie Zeit und Lust haben, können Sie auf der Website von NACOA oder auf der Website der COA-Aktionswoche mehr dazu lesen oder schauen Sie in die Beiträge auf dem Youtube-Kanal von NACOA hinein!
» Fazit von NACOA
» Website COA-Aktionswoche
» Veranstaltung NACOA
» COAktiv - Selbsthilfe
2026-03 | DOC Esser | WDR
Leben im Schatten der Sucht - Wer hilft Angehörigen
Der Gesundheitskompass mit Dr. med. Esser hatte am 05.03.2026 die Angehörigen von suchtkranken Personen im Fokus. Ich hatte mit den Machern der Sendung im Vorfeld Kontakt und mir hat ihre offene und kritische Herangehensweise sehr gefallen. Ob und wie sie es umsetzen, darauf war ich sehr gespannt. Aus der Ankündigung von der Seite des WDR:
Eine Sucht kann nicht nur das Leben vieler Betroffener zerstören - sie zieht oft auch ihr Umfeld in den Abgrund. Eltern, Partner, Kinder, Freunde: Sie alle können in eine Abwärtsspirale aus Angst, Schuld und Überforderung geraten. Auf einen Suchterkrankten kommen in Deutschland im Schnitt mindestens fünf Angehörige - das sind viele Millionen Menschen. Angehörige können selbst psychisch oder sogar an einer Sucht erkranken. Wie kann den Angehörigen rechtzeitig geholfen werden?
Dr. med. Esser trifft Betroffene. Vor zwei Jahren starb Alinas schwer alkoholabhängige Mutter. Heute leitet sie ehrenamtlich eine Selbsthilfegruppe speziell für Angehörige beim Blauen Kreuz. Der gelernte Bankkaufmann Thomas landete wegen seiner Spielsucht im Gefängnis.
Wenig Selbsthilfegruppen, begrenzte Hilfsangebote: Doch Dr. med. Esser zeigt, was man trotzdem tun kann. Er stellt eine Schwarzwald-Klinik mit einem deutschlandweit einzigartigem Konzept vor, das die Familie in den Mittelpunkt der Suchtrehabilitation rückt.
Mein Fazit ist ambivalent: Der Film hat Licht und Schatten. Alina, Monika, die Selbsthilfegruppe, Frau Dr. Hornig und die interessierten und kritischen Fragen von Doc Esser bringen warmes Licht in die Sache der Angehörigen. Diese Teile sind gut, feinfühlig und kompetent umgesetzt. Der Rest, ungefähr die Hälfte des Beitrags, ist suchtzentriert, stellt die Angelegenheit der Angehörigen in den Schatten und wird dem Anspruch, sie in den Fokus zu rücken, nicht gerecht. Aber machen Sie sich selbst ein Bild! Die Dokumenation ist in der Mediathek des WDR abrufbar.
» Dokumentation
2026-02 | Rezension | Autobiografie
Schneider, S. (2025). Wie man stirbt. Berlin: epubli.
Die Tage war ich mit einem Freund abends im Park laufen. Ein Besoffener pöbelte zwei andere Männer an. Er schrie hasserfüllt Unflätiges und fluchte rassistisch. Wir haben versucht, zu deeskalieren, und sind als Folge ebenso von ihm beschimpft worden. Es war widerlich und ich habe mich hilflos gefühlt. Ekel und Ohnmacht sind auch die beherrschenden emotionalen Themen in dem autobiografischen Roman von Sophia Schneider. Sie beschreibt, wie sie ihren Vater als junge Frau bis in den alkoholbedingt vorzeitigen Tod begleitet. Der Ekel bleibt nicht abstrakt: offenen Beine, verfaulendes Fleisch, Inkontinenz, Blut, Erbrochenes, Gestank, Hass, Selbstgerechtigkeit, berauschte Eskapaden, Selbstsucht. Schneider ist schonungslos und zeigt die widerliche Seite der Sucht, die sich in dieser siechenden Form in keiner anderen Autobiografie findet.
Das Abstrakt von der Verlagsseite:
In einem spanischen Ferienort kümmert sich Sophia um ihren Vater, der sich durch Alkohol, Delirium und Selbstzerstörung in den Tod trinkt – und konfrontiert dabei die Abgründe ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Während sie den körperlichen Verfall, die emotionale Grausamkeit und schließlich den Tod begleitet, zeigt ein inneres Märchen von Tao, einem jungen Puma, ihre psychische Realität in poetischen Bildern. Am Ende gewinnt sie nicht das Vergessen, sondern etwas Stärkeres: die Fähigkeit, der Vergangenheit in die Augen zu sehen, ohne in ihr zu verschwinden.
Das Buch erzählt nicht nur von dem dahinsiechenden Korsakow des Vaters, es gibt den emotionalen Reaktionen der Protagonistin, ihren Gegenübertragungen viel Raum. Sie schildert ihre Ambivalenz zwischen liebevollen Wünschen, den Vater nicht auf seinem letzten Lebensweg allein lassen zu wollen, und den angeekelten Bedürfnissen, das Weite zu suchen bzw. sich manchmal zu wünschen, dass er endlich stirbt und es vorbei ist. Durch kleine Aktivitäten, z.B. im Meer zu schwimmen, das Voranbringen der Promotion und Kontakte zu anderen, verschafft sie sich immer wieder Luft und schafft es, den Kontakt zu sich selbst zu erneuern.
Sie beginnt, eine Fabel über den Pumajungen Tao - eine Anspielung auf den Daoismus - zu schreiben, der die Welt retten muss, weil die Farben verschwinden. Diese Allegorie ist geschickt gesetzt, denn im helfenden Kontakt zu suchtkranken Menschen geht es darum, die eigene Farbigkeit zu bewahren. Als Leser habe ich mich über die kleinen Pausen, die durch die kursiv gesetzten Fortsetzungen der Fabel entstanden, gefreut. Sie haben mir geholfen, die Abscheulichkeiten auszuhalten, die aus dem Buch sprichwörtlich quillen und spritzen.
Weil niemand ein Buch besser einordnen kann als die Autorin selbst, lassen wir das Buch ein wenig sprechen (S. 46, 89 - 91, 110 - 111, 151):
Mich bedrückte schon länger die Frage, ob ich zwischen dem Gefühl, von der Zuneigung und Zustimmung anderer abhängig zu sein, und Dankbarkeit und Erleichterung, wenn ich beides bekam, und dem, was man 'Liebe' nannte überhaupt unterscheiden konnte. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, als seien Co-Abhängigkeit und Liebe, von dem Moment an, an dem ich auf die Welt kam, eins gewesen.
Am liebsten hätte ich ihn auf Abstand gehalten. Auch andere. Warum? Um nicht verletzt zu werden, klar. Aber auch, damit niemand sah, wie es in mir war. Meine Wunden, meine Schäden, meine Scham. Zu viel Nähe mochte ich nicht. [...] Mein Instinkt sagte nur eins: Schütz dich. Schütze dich, egal womit. Wenn die Mauer fiel - was stand dann noch zwischen mit und der Welt? Zwischen mir und ihm? Und das Absurde: Es brachte nichts, mich zu verstecken, zu schützen; denn was ich bekämpfte, war bereits in mir. [...] Ich wollte mich einfach ins Bett legen. Mein Rücken tat weh. Mein Herz tat weh. Alles tat weh. [...] Ich blieb sitzen. Denn wovor ich wirklich Angst hatte, war nicht sein Urteil. Es war meins.
So anstrengend es war, mich dieser ganzen Situation ausgeliefert zu fühlen - wirklich ausgeliefert war ich nicht. Ich war erwachsen. Ich konnte wegfahren, Türen hinter mir schließen, Pausen machen. Wie musste es erst Kindern gehen, die einem Alkoholiker wirklich ausgeliefert waren? Meine eigene Kindheit würde ich nicht einmal richtig dazuzählen. Nach außen war alles behütet, ordentlich, funktionierend. Die Fassade stand. [...] War eine heile Fassade ein Schutz - oder nur ein anderes Gefängnis? Um überhaupt so tun zu können, als sei alles normal, brauchte es ja mindestens einen Rahmen. Einen, der nicht völlig zerfallen war. Ich hatte diesen Rahmen. Viele hatten ihn nicht. Wie viele Kinder und Jugendliche lebten in Verhältnissen, in denen nicht einmal der Schein hielt? Dauerhaft. Unsichtbar. Wer half ihnen? Wer sah sie, wenn ihre Eltern mit ihrer Sucht gerade noch so unter dem Radar der Behörden durchglitten?
Wenn wir in unserem ängstlichen Leben noch schön konsumeren konnten, fühlten wir uns frei. Denn was war das, was wir für Freiheit hielten, ja, was wir mit Freiheit verwechselten: Konsumfähigkeit. Es war so absurd: Die einzige "Individualität", die unsere Gesellschaft duldete, war die, die man kaufen konnte. Und wer sich über den Konsum definierte, war am Ende wie alle - nur mit dem Gefühl, besonders zu sein. Armselig, wie gut das funktionierte.
Schneider nutzt den Begriff der Co-Abhängigkeit, um das Erleben und Handeln der Protagonistin intelligent zu hinterfragen. Die Ich-Erzählerin stellt Fragen und reflektiert. Sie probiert Antworten aus, ohne abschließende Antworten zu geben, was wohltuend ist. Als Fachbuchautor, der ein Konzept zur Co-Abhängigkeit erstellt hat, möchte ich der Protagonistin wie auch der Autorin indes eine Antwort geben: Meines Erachtens verhält sie sich im Großen und Ganzen nicht co-abhängig. Ihr Wunsch, den Vater in den Tod zu begleiten, ist nicht co-abhängig zu werten. Sie wird zwar oft durch ihre widerstreitenden Gefühle geflutet, doch sie wehrt sie nicht ab; sie verleugnet sich - abgesehen von Momenten der Überforderung - nicht wirklich selbst. Sie verhält sich riskant, aber sie achtet auf sich, sich nicht in der Hilfe zu verlieren, und ergreift immer wieder notwendige Maßnahmen der Selbstfürsorge.
Dieser Entwicklungsprozess ist beeindruckend, ein wenig sogar vorbildhaft. Wie man stirbt ist ein Beispiel dafür, wie man einem suchtkranken Menschen auf dem letzten Weg helfen kann, ohne die eigene Würde beschädigen zu lassen, auch wenn sich die Person würdelos und verletzend verhält. Es ist ebenfalls ein Beispiel dafür, wie viel Kraft dies erfordert; aus dem Epilog (S. 270): "Die wahre Kunst beim Schreiben dieses Buches bestand darin, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren." Davor verneige ich mich.
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