Süchtige klagen laut, Angehörige leiden still.

triangle
illustration nein sagen

Aktuelles

Folgend finden Sie aktuelle Informationen und Kommentare zur Angehörigenthematik der Sucht, z.B. zu neuen Angeboten, gesundheitspolitischen Ereignissen, Buchveröffentlichungen und zu Aktivitäten des Autors.

Ältere Beiträge können Sie hier einsehen: » Archiv.

2024-05 | Buch | Rezension

Hecht, J. (2021). In diesen Sommern. München: C.H.Beck.

Die Literaturwissenschaftlerin Janina Hecht hat ihren Debütroman über eine scheinbar normale, kleinbürgerliche Kindheit in einer durchschnittlichen deutschen Familie geschrieben, doch das familiäre Miteinander und die Atmosphäre wird zunehmend durch die Alkohol- und Verhaltensexzesse des Vaters belastet. Das Abstract zum Buch:

Behutsam tastet sich Teresa an ihre Kindheit und Jugend heran, ihr Blick in die Vergangenheit ist vorsichtig geworden. Erst unsichere Versuche auf dem Fahrrad an der Seite des Vaters, lange Urlaubstage im Pool mit dem Bruder, Blumenkästen bepflanzen mit der Mutter in der heißen Sommersonne. Doch die unbeschwerten Momente werden immer wieder eingetrübt von Augenblicken der Zerrüttung, von Gefühlen der Hilflosigkeit und Angst. Da schwellt etwas Unausgesprochenes in dieser Familie - alle scheinen machtlos den Launen des Vaters ausgeliefert zu sein, Situationen beginnen gefährlich zu entgleisen. Ebenso unaufdringlich wie fesselnd erzählt Janina Hecht von schönen und schrecklichen Tagen, von Ausbruch und Befreiung und vom Versuch, sich im Erinnern dem eigenen Leben zu stellen. In diesem Sommer ist die bewegende Geschichte einer Familie auf der unentwegt gefährdeten Such nach einem stillen Glück.

Das gut zu lesende und kurzweilige Werk von Hecht mutet skizzenhaft an. Die Ich-Erzählerin versucht sich, zu erinnern, doch die Erinnerungen sind zunächst vage, anekdotisch und fragmentiert, geordnet allein durch die Chronologie der Ereignisse. Im Verlauf des Buches und mit dem Älterwerden von Teresa gewinnen sie an Zusammenhang und Sinn. Die Schilderungen der Episoden sind zwar aus der Perspektive von Teresa, doch der Leser erfährt nur andeutungsweise über ihr Innenleben. Diese Zurückhaltung bietet viel Spielraum für den Leser, innezuhalten und sich einzufühlen. Statt einer Rezension möchte ich drei Stellen aus dem Buch zitieren, um einen Eindruck zu geben:

Wenn ich an diese Jahre denke, frage ich mich, ob es eine Kontinuität der Ereignisse gibt, eine Entwicklung, auf die ich mich verlassen kann. Ich versuche die Situationen zu ordnen, sie zusammenzuhalten, in ihnen etwas zu finden, was über die konkreten Momente hinausweist. (S. 25)

Diese Momente, in denen mir seine Spur verloren geht. Als wäre er auf einmal nicht mehr dabei gewesen. Dann steht er im Zentrum von allem und nichts kann ohne Bezug zu ihm sein.

Manchmal bin ich wütend darüber, dass ich nie wieder mit ihm sprechen kann. Aber diese Wut hat keine Richtung. Ich kann sie nicht herunterschlucken und sie verschwindet nur sehr langsam.

» Buch auf Website C.H.Beck

Auf der Seite Andere Medien finden Sie unter der Rubrik Romane weitere Besprechungen von Büchern:
» Andere Medien

2024-04 | Freundeskreise NRW | Vortrag

Der Arbeitskreis Angehörige des Landesverbandes NRW der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe hatte mich zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion geladen: "Angehörige sind auch betroffen". Die Veranstaltung fand am 17.04.2024 im IKK Gebäude in Gütersloh statt. Den Titel hatte ich bewusst trotzig gewählt. In der Ankündigung zu einer Fachtagung zum sozialen Umfeld von Sucht hatte ich gelesen, dass Angehörige mit-betroffen seien und mit-beachtet und mit-behandelt werden sollten. Das ist eine gesundheitspolitische Lesart, die bedauerlicherweise in der Suchthilfe weitverbreitet ist und durch welche die Angehörigenproblematik marginalisiert wird.

Dem habe ich im Vortrag entgegengehalten und konkret ausgeführt, dass Angehörige leidvoll betroffen sind, eine angehörigenzentrierte Beachtung verdienen und bedarfsgerechte, spezialisierte Angebote durch Selbsthilfe, Prävention, Beratung und Therapie benötigen. Aus der Ankündigung zur Veranstaltung:

Abhängigkeit ist ein soziales System. Kinder, Partner, Eltern oder Geschwister von Suchtkranken sind dauerhaft vielfältigem Stress sowie allzu häufig psychischen und physischen Übergriffigkeiten ausgesetzt. Sie vernachlässigen darüber ihre eigenen Aktivitäten, Interessen und sozialen Bezüge. Hinzu kommt, dass sie oftmals keine oder kaum Unterstützung erfahren, weil sie selbst und andere ihre Hilfebedürftigkeit nicht erkennen. Die Angehörigen bleiben in der schwierigen, ausweglosen Situation allein und können darüber psychosoziale Probleme und Störungen entwickeln. Angehörige fallen zwischen die Netze der Hilfesysteme. Ihre Problematik benötigt daher sehr viel mehr Beachtung, Engagement und Vernetzung durch Selbsthilfe, Suchthilfe, Jugendhilfe und Psychotherapie.

Der Abend war - wie stets bei dem tragischen Thema - sehr lebendig. Indes war es der pure Zufall, dass mich am nächsten Tag in der Sprechstunde eine Suchtberaterin anrief und das Gespräch damit eröffnete, dass sie meiner These zustimme, dass die Suchthilfe im Allgemeinen viel zu wenig für Angehörige tue. Auch in ihrer Einrichtung fehle es völlig an Angeboten für Angehörige, was sie als selbst Betroffene frustriere. So sehr ich zwar mit dem Abend und den Begegnungen und Diskussionen zufrieden war, bin ich doch mit einem ein wenig niedergeschlagenen Gefühl des Gescheitertseins verblieben, dass sich in den zweieinhalb Jahrzehnten, in denen ich mich mit dem Angehörigenthema beschäftige und mich als Fachbuchautor engagiere, gesundheitspolitisch wenig in der Sache verändert hat. Auch in meiner Region Ostwestfalen-Lippe kann ich, abgesehen von der lobenswerten, doch begrenzten Initiative einzelner KollegInnen oder Einrichtungen, keine nachhaltigen, strukturellen Fortschritte erkennen.

Eine Schieflage ist mir schon bei der Vorbereitung des Vortrags klar geworden: Suchtverbände, Selbsthilfevereine und auch Einrichtungen der Suchthilfe sind Lobbyvertretungen der Suchtkranken. Das ist ihr Zweck und dies ist im Prinzip gut so. Wenn sich diese Vertretungen allerdings den Angehörigen zuwenden, geraten sie in einen Interessenkonflikt; das liegt in der "Natur der Sache". Es ist ein wenig so, als wenn sich Männergesangsvereine in Fragen der Emanzipation der Frauen einmischen. Das muss schiefgehen. Wir haben eine starke Lobby für Suchtkranke, doch die Lobby für Angehörige ist deutlich unterrepräsentiert. Das ist nicht gut.

Früher wollte ich die Suchthilfe reformieren, heute bin ich bescheidener geworden und freue mich schon über kleine regionale oder individuelle Entwicklungen. An dem Abend habe ich eine Reihe engagierter Mitglieder der Freundeskreise kennengelernt. Ich habe erfahren, dass in Bielefeld und Minden neue Selbsthilfegruppen gegründet worden sind und eine Gruppe in Gütersloh quicklebendig ist, welche ich vor einigen Jahren initiiert habe. Und ich habe ehemalige und aktuelle Klientinnen aus Gütersloh getroffen, denen es auch als Folge ihrer Therapie gut geht. Vielleicht am meisten hat mich die Rückmeldung eines schon älteren, erwachsenen Sohnes aus einer Suchtfamilie berührt, der sich seit Jahren in der Selbsthilfe engagiert, dass er durch die Inhalte dazu gelernt habe, dass seine Betroffenheit noch viel tiefer gehe, als ihm bisher klar gewesen sei. Der Arbeitskreis Angehörige der Freundeskreise und ich haben schon angedacht, im nächsten Jahr einen weiteren Abend zu gestalten.

» Website Freundeskreise NRW

2024-05 | Buch | Rezension

Doty, J.R. (2019). Das Alphabet des Herzens. Die wahre Geschichte über einen, der sein Herz verlor und sich selbst fand. München: Knaur. (Das Original erschien 2016 unter dem Titel Into the Magic Shop bei Avery, Penguin Publishing Group.)

Das Buch von Doty ist schwer zu kategorisieren. Es ist sowohl ein autobiografischer Roman über eine Kindheit in einer Suchtfamilie als auch ein Betroffenenbuch, ein Mutmachbuch und ein Ratgeber über die Resilienz, Unglück in Glück zu verwandeln. Auf der Seite Literatur habe ich es in der Rubrik Betroffenenliteratur berücksichtigt.

Doty erzählt von seiner Kindheit mit einem suchtkranken Vater und einer depressiv, suizidalen Mutter, welche durch Vernachlässigung, Verwahrlosung, Streit und Gewalt geprägt ist und wie er sein vorbestimmtes Schicksal überwindet und ein weltberühmter Neurochirurg wird. Im Mittelpunkt des ersten Teils steht eine kurze Episode mit 12 Jahren, als er zufällig in einem Laden für Magie auf die geheimnisvolle Großmutter Ruth trifft. Er beschreibt, wie er die Sommerferien mit ihr im Magierladen ihres Sohnes verbringt und sie ihn vier Lehren des Lebens lehrt:

  • Körper entspannen, Stress- und Krisenmodus herunterfahren (Sympathikus) und entspannte Haltung einnehmen (Parasympathikus)

  • Gedankenkontrolle, distanzieren von den Stimmen im Kopf

  • Herz öffnen und Schmerz akzeptieren und verstehen, Mitgefühl und Wertschätzung sich selbst und anderen gegenüber

  • Selbstwirksamkeit und Selbstwertgefühle, Lebensziele setzen und verfolgen

Doty sieht zwar Ruth nie wieder, doch verwirklicht er im Folgenden erfolgreich seine Träume gemäß ihrer Magie. Im zweiten und dritten Teil des Buches schildert er, wie er Arzt und Neurochirurg wird und die dritte Magie, also die Geheimnisse des Herzens entdeckt. - Mehr sei hier nicht verraten, um Sie nicht zu spoilern.

Doty hat eine typische, herzergreifende Geschichte des amerikanischen Traums publiziert, die allerdings nie kitschig wird, weil er ehrlich und unprätentiös die Irrungen und Wirrungen seines Lebensweges beschreibt. Mich hat das Buch auch ergriffen, weil Ruths Magie im Prinzip mit dem Behandlungskonzept von mir und Barth ("Die langen Schatten der Sucht", 2020) übereinstimmt.

2024-04 | NACOA | Fotoausstellung

fotoausstellung

Der Fotograf Hauke Dressler und der Journalist Stephan Kosch haben die Fotowanderausstellung "Gesicht zeigen!" erstellt. Das Projekt wurde durch die KKH Kaufmännsche Krankenkasse gefördert. Im Fokus von Fotos und Texten steht die Resilienz von erwachsenen Kinder aus Suchtfamilien. Aus der Beschreibung der Ausstellung von der Website von NACOA Deutschland:

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen zehn unterschiedliche erwachsene Menschen, darunter eine junge Tänzerin, ein Priester, ein stolzer weiblicher Fußballfan, eine FASD-Betroffene, ein prominenter Sänger, ein diverser TV-Moderator. Dazu weitere Männer und Frauen unterschiedlichen Alters. Sie teilen eine gemeinsame Erfahrung: eine Kindheit im Schatten der elterlichen Sucht. Das bedeutet in vielen Fällen Vernachlässigung, Überforderung, Übergriffe, manchmal auch Gewalt. Für Kinder aus suchtbelasteten Familien geht es ständig um Leben und Tod. Doch diese zehn Menschen haben nicht nur überlebt, sondern sind zu beeindruckenden Persönlichkeiten geworden. Was hat sie stark gemacht?

Dieser Frage geht die Ausstellung auf 24 Roll-Ups nach und zeigt die unterschiedlichen Antworten: Tanz, Musik und Malerei als Möglichkeit, Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken; die biographische Arbeit als reflektierender Rückblick in das eigene Leben; Religion und Spiritualität als Kraftquelle; eine tragende Gemeinschaft im Sport oder in einer der wenigen Gruppen für betroffene Kinder und Jugendliche; die Geborgenheit einer Ersatzfamilie; die Liebe zu sich selbst.

Die Ausstellung kann gegen eine Schutzgebühr ausgeliehen werden.

» Ausstellung Gesicht zeigen!

2024-03 | Rezension | Die Asche meiner Mutter

McCourt, F. (1996). Die Asche meiner Mutter. Irische Erinnerungen. München: btb.

Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit.

Frank McCourt ist ein amerikanischer Schriftsteller irischer Abstammung, wurde 1930 in New York geboren und starb dort 2009. In dem autobiografischen Roman Die Asche meiner Mutter, den er nach seiner Pensionierung als Lehrer schrieb, verarbeitete er die schlimmen Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend, die er in bitterer Armut in Limerick in Irland verbrachte. Der Vater war alkoholkrank, war überwiegend arbeitslos, verlor Jobs alkoholbedingt schon wenigen Tagen und vertrank das wenige Geld, welches die Familie hatte.

Frank und die Geschwister wuchsen im Dreck, ohne Heizung und mit ständigem Hunger auf. Sie bettelten, prügelten sich, wurden geprügelt, sammelten Abfälle von der Straße und klauten, um nicht zu erfrieren oder zu verhungern. Drei der sieben Geschwister starben noch als Kleinkinder und auch Frank überlebte nur mit knapper Not eine Typhus-Erkrankung. Als Jugendlicher arbeitete Frank als Telegramm-Junge und sparte heimlich das notwendige Geld, um sich eine Schiffsfahrt zurück nach New York zu leisten.

Frank McCourt erzählt unprätentiös die Geschehnisse seiner Kindheit, ohne zu bewerten, zu moralisieren oder zu analysieren. Auch beschönigt und dramatisiert er nicht. Die Geschichte ist nichts für schwache Nerven, da er die schmutzigen, kaputten und bitteren Lebenszusammenhänge schonungslos bis ins Detail beschreibt. Eine Note am Rande: Zwar findet ein Teil der Geschichte, neunte bis 14. Lebensjah, auf dem Hintergrund des zweiten Weltkriegs statt, doch ist dieser aufgrund des Überlebenskampfes der Familie nur eine Nebensächlichkeit.

Mir hat gut gefallen, dass McCourt in einem restringierten Code schreibt. Die Sprache passt sich authentisch dem Denken und der naiven Sichtweise des Kindes und Jugendlichen an. Das Buch baut seinen Spannungsbogen aus dem Kontrast zwischen äußerer Armut und dem Reichtum des Erlebens des kindlichen Ich-Erzählers auf. Ich bin viel zu behütet aufgewachsen, um dem Buch sprachlich gerecht werden zu können, deswegen lassen wir Frank abschließend zu Wort kommen:

Sie ist mit dem Baby im Bett. Malachy und Michael schlafen oben in Italien. Ich weiß, ich brauche Mam gar nichts zu sagen, denn bald, wenn die Kneipen schießen, wird er singend nach Hause kommen und uns einen Penny anbieten, wenn wir für Irland sterben, und von jetzt an wird es anders sein, denn es ist schon schlimm genug, wenn ein Mann das Stempelgeld oder den Lohn vertrinkt, aber ein Mann, der das Geld für ein neues Baby vertrinkt, der ist tiefer gesunken als tief, wie meine Mutter sagen würde.

» Wikipedia

2024-02 | COA-Aktionswoche | Lesung mit Musik

bild schickentanz & türk

Vom 18. bis 24.02.2024 findet in Deutschland und anderen Ländern die alljährliche Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien statt. Von der Website der COA-Aktionswoche:

Kinder aus suchtbelasteten Familien sollen gehört und gesehen werden. Mit der COA-Aktionswoche rücken wir Kinder aus suchtbelasteten Familien eine Woche lang in den Fokus der Öffentlichkeit und der Medien, damit deutlich wird: Mehr als 2,6 Millionen Kinder in Deutschland leiden unter Suchtproblemen ihrer Eltern. Wir, das ist zum einen der Verein NACOA Deutschland, der die COA-Aktionswoche bundesweit organisiert – aber natürlich auch alle Mitmachenden, wie Vereine, Initiativen, Organisationen, Anlaufpunkte, COA-Hilfsangebote, Selbsthilfegruppen u. v. m.

Während der COA-Aktionswoche – immer im Februar:

  • sensibilisieren wir Menschen, die mit Kindern arbeiten (Erzieher*innen, Lehrer*innen, Sporttrainer*innen, Jugendgruppenleiter*innen, Ärzt*innen...), Kinder aus suchtbelasteten Familien zu erkennen.

  • stellen Projekte und Initiativen mit Aktionen und Veranstaltungen ihre Arbeit vor.

  • machen wir Hilfsangebote öffentlich.

  • fordern wir politisch Verantwortliche von Gemeinden bis in den Bund auf, sich für mehr Unterstützungsangebote für COAs einzusetzen und diese Hilfen langfristig zu finanzieren.

Die COA-Aktionswoche gibt es seit 2011 in Deutschland und in den USA. Außerdem findet sie z.B. regelmäßig auch in Großbritannien, der Schweiz, in Korea oder Slowenien statt.

Wir haben uns als Kooperationbündnis an der Aktionswoche beteiligt: die Fachstelle Sucht des Diakonischen Werkes Herford, die Psychotherapiepraxis J. Flassbeck und die 2023 neu gegründete Selbsthilfegruppe, "LEBEN! lernen", für eKS in Bielefeld. Am Freitagabend, 23.02., haben wir im "Lutherhaus" in Herford eine Lesung mit Musik veranstaltet. Der große Saal wurde federführend von Anja Schoop von der Fachstelle Sucht festlich geschmückt und war von gewiss 40 Altarkerzen in mildes Licht getaucht. Das Event wurde von drei Betroffenen aus der Selbsthilfegruppe anmoderiert.

Annabelle Schickentanz las fünf Kapitel aus ihrem philosophischen, autofiktionalen Roman "Jenseits der Wand" über eine Kindheit in einer Suchtfamilie vor. Die Texte erzählten vom vielschichtigen Erleben einer Betroffenen hinter der dissoziativen Wand von Beschämung, Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Die Schilderungen waren angereichert durch metaphysische Überlegungen zu den destruktiven Mechanismen der familiären Verstrickungen und trösteten mit hintergründigem Verständnis und auch Humor. Die Musikerin Lisa Türk improvisierte in den Kapitelpausen zu den Texten am Schlagzeug. Ihre rhythmische Umsetzung z.B. der allgegenwärtigen, alles betäubenden Schamgefühle der Protagonistin des Romans gingen unter die Haut. Dazu eine Kostprobe aus dem Manuskript:

Die empfundene Scham des Alkoholikers ist eine der Ursachen für die Sucht, ganz sicher ist sie eine Folge. Das Schweigen meiner Mutter, es war gleichgültig, beschämt und in der Folge beschämend. Meine Scham ist die Scham über eine Mutter, die getrunken hat. Die so viel und über einen so langen Zeitraum getrunken hat, dass sie daran gestorben ist. Meine Mutter hat mich mit meiner eigenen Scham zurückgelassen, sodass ich nun wählen kann, ob ich schweige oder spreche.

Da das Manuskript noch im Werden befindlich und unveröffentlicht ist, wohnte das Publikum einer echten Premiere bei. In Anbetracht der experimentellen Situation - Frau Schickentanz hatte noch nie zuvor öffentlich vorgelesen, Frau Türk kannte die Texte nicht -, war ich als Veranstalter über die Qualität, den Tiefgang und die Souveränität des künstlerischen Zusammenspiels beeindruckt. In der Pause und nach der Veranstaltung habe ich Meinungen aus dem Publikum gesammelt, in denen mein positiver Eindruck voll und ganz bestätigt wurde. Ich wünsche, dass die beiden weitere gemeinsame Auftritte haben, und freue mich auf den Tag, wenn ich das gedruckte Buch von Schickentanz in der Hand halte, es in Gänze lesen und für Sie hier auf Co-ABHAENGIG.de rezensieren darf.

Zu den Veranstaltern: Die Fachstelle Sucht des Diakonischen Werkes Herford bietet Beratung für betroffene Kinder und erwachsene Angehörige an und ist nach FitKids zertifiziert. Als Psychotherapeut biete ich schwerpunktmäßig Psychotherapie für erwachsene Kinder aus Suchtfamilien und andere betroffene Angehörige nach Flassbeck & Barth (2020) an. Zwischen der Herforder Angehörigenberatung und mir besteht seit langem eine erfolgreiche Zusammenarbeit in der Sache. In der Selbsthilfegruppe "LEBEN! lernen" treffen sich erwachsene Kinder aus Suchtfamilien, welche in unserer Praxis in Therapie sind oder waren, um ihr traumatisches Alleinsein zu überwinden und sich gegenseitig zu unterstützen, das eigene Leben unabhängig zu gestalten.

» Flyer zur Lesung
» Website COA-Aktionswoche

2024-02 | Rezension | Schloss aus Glass

Walls, J. (2005). Schloss aus Glas. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Schon länger wollte ich den Roman Schloss aus Glass von Jeanette Walls lesen und den auf dem Buch basierenden Film schauen. Das vorweg: Buch und Film hielten, was sie versprachen. In der folgenden Rezension konzentriere ich mich auf das Buch. Eine zusätzliche Einschätzung zum Film finden Sie auf der Seite Medien in der Rubrik Spielfilme. Zum biografischen Hintergrund von Film und Buch auf Wikipedia:

Der Film basiert auf dem autobiografischen Roman Schloss aus Glas (Originaltitel The Glass Castle: A Memoir) von Jeannette Walls aus dem Jahr 2005, ... Walls beschreibt in Schloss aus Glas ihre schwere Kindheit und wie ihre Eltern mit vier Kindern durch die USA vagabundierten. In den ersten fünf Jahren ihrer Ehe hatten ihre Eltern 27 Adressen, da ihr Vater es an keinem Arbeitsplatz länger aushielt und kein Geld für die Miete hatte. Zudem fühlte sich der alkoholkranke und wahrscheinlich bipolare Rex vom FBI verfolgt. Rose Mary, ihre Mutter, war wahrscheinlich auch bipolar und hielt sich für eine Künstlerin.

Die Kinder mussten oft hungern, in zerschlissener Kleidung herumlaufen und wurden daher in den verschiedenen Schulen, die sie besuchten, von ihren Mitschülern gehänselt. Als die Familie in den Heimatort des Vaters Welch in den Appalachen zurückkehrte, lebten sie bei Verwandten in einem Haus mit drei Zimmern ohne Wasser, Strom und Heizung, wo es feucht und schmutzig war und von Ungeziefer, Schlangen und Ratten wimmelte. Da Jeannette dies nicht mehr aushielt, schlug sie sich im Alter von 17 Jahren bis nach New York durch, wo sie in der Bronx bei ihrer älteren Schwester Lori wohnte. Dort machte sie ihren Schulabschluss, lieh sich von allen möglichen Leuten Geld und arbeitete in einer Anwaltskanzlei, um sich das Studium auf dem New Yorker Barnard College zu finanzieren.

Die Geschichte von Schloss aus Glas gewinnt ihre Dramatik aus der vielschichtigen Ambivalenz einer Suchtfamilie. Die amerikanische Journalistin Jeanette Walls erzählt die Ereignisse ihrer Kindheit, ohne sittliche Maßstäbe anzulegen. Sie beschreibt - typisch Journalistin - aus einer eher äußeren Perspektive, ohne zu verurteilen oder zu idealisieren. Dem Leser hilft diese nüchterne Erzählweise, Abstand zu wahren und sich weder mit der Liebe, den Abenteuern und der Faszination des Vagabunden-Lebens der Walls noch mit den Entbehrungen, Erniedrigungen und Leiden der Kinder allzu sehr zu identifizieren.

Mal schlägt das Pendel in die eine Richtung aus: "Reiche Stadtmenschen hatten schicke Wohnungen, aber ihre Luft war so verschmutzt, dass sie die Sterne nicht einmal sehen konnten, und wir wären ja schön verrückt, wenn wir mit ihnen tauschen wollten", mal in die andere Richtung: "Und mit erhobener Stimme fügte ich hinzu: »Ich hatte Hunger.« Mom starrte mich erschrocken an. Ich hatte gegen eine unserer stillschweigenden Regeln verstoßen: Es wurde von uns erwartet, dass wir stets so taten, als wäre unser Leben ein einziges langes, unglaublich lustiges Abenteuer."

Walls schafft es bis zum Ende, diese Ambivalenz feinfühlig auszubalancieren. Dieser Herangehensweise ist geschuldet, dass sie selten eine Innenperspektive des kindlichen Erlebens einnimmt. Der Hunger, der Ekel und die Schmerzen der Protagonistin Jeanette werden zwar benannt, doch werden sie mit wenigen Ausnahmen nicht näher ausgeführt, anders als z.B. in dem autobiografischen Roman Shuggie Bain. Diese sachliche Erlebensverzerrung ist typisch für traumatisierte Kinder aus Suchtfamilien, es ist eine funktionale Überlebensstrategie. Walls bleibt als Lieblingstochter so gegenüber Vater und Mutter loyal, sie schützt sich und ihre Familie vor moralischer Vereinnahmung durch andere und ihre Geschichte ist dadurch zugänglicher, lesbarer als die von Shuggie Bain.

Bei letzterer Autobiografie zersetzen die Auswirkungen des Suchtmittelkonsums die Familienbande und Shuggie, wie auch die älteren Geschwister zuvor, befreit sich, indem er weggeht. Bei Schloss aus Glass wird der Familienzusammenhalt hingegen durch die suchtbedingten Katastrophen noch gestärkt und die Protagonistin findet zu sich, indem sie in den Schoß der Familie zurückkehrt und zu dieser und der gemeinsamen Geschichte steht.

Obendrein nimmt Walls durch ihre Nüchternheit den mannigfaltigen Traumata den Schrecken, überfordert die LeserInnen nicht emotional und macht das Thema der Suchtfamilie einem breiterem Publikum zugänglich. Schloss aus Glass konnte so ein Bestseller werden. Zwar haben der Vater und die Mutter auf fast schon sympathische Art und Weise darin versagt, ihre grandiosen beruflichen, künstlerischen und gesellschaftlichen Ansprüche und Versprechungen zu verwirklichen, doch die Tochter macht es besser und gibt der familiären Geschichte eine unverhoffte, erfolgreiche Wendung. Sie versilbert, so kann man es metaphorisch sagen, das Scheitern des Vaters, Gold zu finden.

Im Film wirft die erwachsene Jeanette dem Vater am Ende vor: "Reden ist nicht gleich Handeln." Die Autorin Jeanette Walls scheint diesen tragischen Zwiespalt ihrer Eltern im und durch das Schreiben überwunden zu haben. Es ist eine resiliente Geschichte.

» Wikipedia

2024-01 | Sonntagszeitung FAZ | Artikel

Vor einigen Wochen hatte ich ein Interview mit der Journalistin Alexandra Dehe von der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zur Angehörigenproblematik der Sucht. Schon im Interview war ich positiv überrascht, dass Frau Dehe die in meinen Augen richtigen Fragen stellt. Ihr Artikel unter dem Titel "Hör auf!" ist am 14.01. veröffentlicht worden. Die appellhafte Überschrift ist doppeldeutig, weil er sich gleichermaßen auf das dysfunktionale, abhängige Handeln von Suchtkranken und Angehörigen bezieht.

Von der Qualität des Artikels bin ich sehr angetan. Anhand von zwei typischen Fällen durchdringt Frau Dehe die partnerschaftlichen Auswirkungen der Sucht, die Probleme und Not der Angehörigen sowie das tragische Aufeinanderbezogensein von Sucht und Co-Abhängigkeit. In der Kürze des Textes bringt sie die Betroffenheit und den Unterstützungsbedarf der Angehörigen auf den Punkt. Eine Kostprobe aus dem lesenswerten Text:

Er glaubte, als Ehemann versagt zu haben. Obwohl seine Frau keine Rückfälle hatte, ging es ihm noch schlechter als in den Jahren zuvor. Hinzu kamen Symptome wie Schlaflosigkeit, ständige Schweißausbrüche und Panikattacken. „Da wusste ich, dass es so nicht weiterging, und habe eine Therapie angefangen“, sagt Thomas. Bis dahin dachte er, sich Hilfe zu suchen sei Ausdruck von Schwäche – heute ist er davon überzeugt, dass es ein Zeichen von Stärke ist.

Bedauerlicherweise benötigen Sie ein ABO der FAZ, um den Artikel zu lesen. Falls Sie dennoch hineinschauen wollen: Ein dreiwöchiges Probe-ABO ist kostenfrei. Doch vergessen Sie nicht, es zu kündigen!

» Artikel

2024-01 | Memorandum DHS | Stellungnahme

Mein Anspruch für Co-ABHAENGIG.de ist, möglichst positive, angehörigenzentrierte Inhalte zu liefern. Doch das Anliegen ist auch, kritisch aufzuklären. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat im letzten Newsletter (5.2023) informiert, ihr Memorandum "Angehörige in der Suchtselbsthilfe" nach zehn Jahren erneuert zu haben. Der selbsterklärte Anspruch ist, die Diskussion anzuregen.

Der Text ist meines Erachtens weder erneuert noch liefert er diskussionswürdige, angehörigenzentrierte Erkenntnisse. In dem Memorandum schafft es die DHS, nahezu die gesamte Literatur, fast alle fundierten Modelle und Konzepte und die vollständige empirische Datenlage auszublenden. Dies überrascht vor allem vor dem Hintergrund, weil die Materialien der DHS in Bezug auf Suchtmittel, Suchtkonsum und Abhängigkeitserkrankungen stets auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand sind.

Eigentlich wollte ich mich zu dieser defizitären "Leistung" nicht äußern, weil kein Ansatzpunkt da ist, konstruktiv Kritik zu üben. Doch dann hat es mir trotzdem in den Fingern gejuckt und ich habe eine Stellungnahme geschrieben. Mein Motiv dabei war weniger, Kritik zu üben, als vielmehr einen Kontrapunkt zu setzen und genau das tun, was die DHS nicht tut, nämlich die Literatur, die Konzepte, die Empirie und vor allem die AutorInnen, die sich in der Angehörigensache verdient gemacht haben, zu benennen und so zu würdigen. Aber bitte lesen und urteilen Sie selbst!

Die Stellungnahme habe ich der DHS zugesendet.

» Stellungnahme Flassbeck
» Memorandum DHS

triangle