Helfen zu müssen, ist der süchtige Zwang der Co-Abhängigkeit.

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Andere Medien

Die hier aufgeführten Romane, Spielfilme, Reportagen, Dokumentationen und Lieder werden unter dem Aspekt empfohlen, dass suchtbetroffene Angehörige und Kinder im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. In Selbsthilfe, Beratung und Therapie dienen Medien dem Zweck, dass sich Klienten im Spiegel des Mediums wiedererkennen, kreative Potenziale angeregt und die Betroffenen ermutigt werden, aus starren Mustern auszubrechen, sich auszuprobieren und das Leben neu zu entdecken.

In der Rubrik Weitere Empfehlungen wird auf kreative Werke hingewiesen, die zwar nicht angehörigenzentriert, dennoch besonders geeignet sind, co-abhängige Sicht- und Verhaltensweisen zu hinterfragen und abzumildern.

Wahl, C. (2023). 22 Bahnen. Köln: DuMont.

Zur Geschichte aus der Zusammenfassung auf der Website des Verlags:

Tildas Tage sind strikt durchgetaktet: studieren, an der Supermarktkasse sitzen, sich um ihre kleine Schwester Ida kümmern – und an schlechten Tagen auch um die Mutter. Zu dritt wohnen sie im traurigsten Haus der Fröhlichstraße in einer Kleinstadt, die Tilda hasst. Ihre Freunde sind längst weg, leben in Amsterdam oder Berlin, nur Tilda ist geblieben. Denn irgendjemand muss für Ida da sein, Geld verdienen, die Verantwortung tragen. Nennenswerte Väter gibt es keine, die Mutter ist alkoholabhängig. Eines Tages aber geraten die Dinge in Bewegung: Tilda bekommt eine Promotion in Berlin in Aussicht gestellt, und es blitzt eine Zukunft auf, die Freiheit verspricht. Und Viktor taucht auf, der große Bruder von Ivan, mit dem Tilda früher befreundet war. Viktor, der – genau wie sie – immer 22 Bahnen schwimmt. Doch als Tilda schon beinahe glaubt, es könnte alles gut werden, gerät die Situation zu Hause vollends außer Kontrolle.

Nach ca. einem Drittel des Buches wollte ich nicht mehr weiter lesen. Es war mir alles zu schön, um wahr zu sein. Schon der Titel passt nicht. Die Betroffenen, die ich kennen gelernt habe und die sich mit Schwimmen emotional betäubt haben, sind 60 oder 80 Bahnen geschwommen. Wenn man jung und sportlich ist, reichen 22 Bahnen dafür nicht. Auch sind die Protagonisten der Geschichte zu intelligent, zu mutig und zu lebenserfahren. Tilda z.B. redet mit der Lebenserfahrung einer 70-Jährigen, Ida wirkt auf mich wie 35. Trotz der widrigen Umstände machen sie stets alles richtig und sagen das Richtige. Das ist mir zu glatt und es fehlt mir der Tiefgang, wie ihn andere Romane zum Thema haben.

Dann hat mich das Buch doch noch gefesselt. Warum? Tilda und Ina repräsentieren Resilienz. Sie sind Modelle dafür, wie man den widrigen Verhältnissen einer Suchtfamilie trotzen kann, was man sagen kann, wenn die suchtkranke Mutter lügt und manipuliert, und wie man sich trotz allem treu bleiben, Unabhängigkeit wahren und den eigenen Weg gehen kann. Und die Liebesgeschichte zwischen Tilda und Viktor ist eine Blaupause dafür, wie zwischenmenschliche Annäherung möglich sind, ohne die eigene Unabhängigkeit aufzugeben.

"22 Bahnen" ist ein eher leichtes, trotziges und heiteres Buch. Auch wenn die Erzählung ein wenig kitschig daherkommt, schafft es Caroline Wahl, eine tröstende Geschichte über die Unbilden des Daseins zu erzählen. Für mich als Psychotherapeut liegt der besondere Wert des Werkes in seinem ermutigenden Appell: "Trau Dich und mach - wie Tilda - dein Ding!" Deswegen habe ich es schon in der Therapie genutzt und es jüngeren Betroffenen empfohlen. Ich möchte mit einem Zitat aus dem Buch von S. 105 und 106 schließen, welches den Sinn narrativer Traumatherapie auf den Punkt bringt:

Die Gewissheit, dass ich vieles verlieren kann, einen Vater, eine Mutter, eine normale Kindheit, dass nichts sicher und beständig ist, dass aber Bücher trotz allem bleiben, dass mir niemand diese Geschichten, diese Welten wegnehmen kann, in die ich zu flüchten vermag, beruhigt mich und macht mich unverwundbar.

» 22 Bahnen auf Website DuMont

Stuart, D. (2021). Shuggie Bain. Berlin: Hanser.
Das englische Original ist 2020 bei Picador/London erschienen.

Shuggie Bain ist ein Roman über das Aufwachsen von drei Kindern mit einer alkoholkranken Mutter. Es ist gleichwohl das Portrait einer Alkoholikerin, eine Coming-of-Age-Geschichte ihres jüngsten Sohns Shuggie als auch eine Klassen- und Arbeiterstudie in den 80ern und Anfang der 90er in Glasgow auf dem gesellschaftlichen Hintergrund des Thatcherismus. Die klassische Industrie stirbt und Depression, Arbeitslosigkeit und Armut macht sich im Arbeitermilieu breit. Die Mutter Agnes verliert sich immer mehr in Tagträumen von einem besseren Leben und im Suff.

Der Vater Shug, Taxifahrer, verspricht ein besseres Leben, geht notorisch fremd und verlässt schließlich die Familie. Die Kinder kümmern sich erfolglos um die Mutter. Eins nach dem anderen sucht das Weite, um das eigene Leben zu retten. Shuggie hält als Jüngster und Lieblingssohn am längsten an der Hoffnung fest, die Mutter retten zu können. Doch er hat eigene Probleme als Heranwachsender, der von allen vermittelt bekommt, nicht normal zu sein, weil er als Junge Fußball nicht mag und lieber mit Puppen spielt.

Der junge Autor Douglas Stuart hat mit seinem Debütroman den renommierten Booker Prize gewonnen. Es ist in einer wunderbaren Mischung aus Gossen-Vokabular sowie bild- und symbolträchtigem Sprachstil formuliert, der die trostlosen sozialen, familiären und persönlichen Zusammenhänge hautnah erfahrbar macht und den Figuren gleichzeitig Stolz und Würde lässt. In der detailreichen Brutalität und Hässlichkeit der Schilderungen versteckt sich etwas respektvoll Sanftes und Menschliches. So realistisch abstoßend die Geschehnisse sind, ist man als Leser von den Schicksalsschlägen und der inneren Not der Protagonisten auch mitfühlend ergriffen. Es ist deswegen kein Buch, welches man in einem Rutsch lesen kann. Nach jedem Kapitel braucht es eine Pause, um Abstand zu nehmen, zu verarbeiten und einen neuen Zugang zum Weiterlesen zu finden.

Die Erfahrungen von Leek, Catherine und Shuggie in Stuarts Werk ähneln, trotz des anderen geschichtlichen Kontextes, verblüffend den Erzählungen meiner Klienten in der Therapie. Dieses intime Detailwissen ist nicht verwunderlich, weil der Autor im Roman autobiografische Erlebnisse mit seiner alkoholkranken Mutter verarbeitet. Das Buch ist nichts für Zartbesaitete. Auch Betroffenen, die ihr Trauma noch nicht bewältigt haben, kann ich es nicht empfehlen. Ansonsten ist das Buch eine kleine Kostbarkeit, weil es Einblicke in menschliche Abgründe bietet, welche kein Ratgeber oder Fachbuch liefern kann und ich bislang nur in dem Film "Ein Teil von uns" finden konnte.

» Buch und Autor

Ohde, D. (2020). Streulicht. Berlin: Suhrkamp.

Eine namenlose Ich-Erzählerin schildert ihre Kindheit und Jugend. Die Eltern sind türkische Einwanderer. Der Vater arbeitet, säuft - wie auch der Großvater - und ist kaufsüchtig, die Mutter opfert sich für andere auf und beide Eltern meiden misstrauisch und ängstlich jeglichen sozialen Kontakt. Lehrer und andere Erwachsene sehen das Kind nicht oder werten es ab. Auch andere Kinder lehnen das Kind als Ausländerin ab und die beiden einzigen Freunde, die es hat, sind zu sehr mit ihrem behüteten und normierten Leben beschäftigt, um es zu verstehen. Niemand wendet sich dem Kind zu oder traut ihm etwas zu. Es bleibt gesichtslos, ist stumm vor Angst und Scham, passt sich an, um nicht aufzufallen, und leidet still.

Als Psychologe könnte ich das Buch von Deniz Ohde analysieren und kategorisieren. Ich könnte etwas Kluges über komplexe Traumatisierung, Dissoziation und Selbstwertstörung schreiben. Doch genau gegen dieses Unrecht, etikettiert und in Schubladen gesteckt zu werden, verwehrt sich die Erzählerin zu Recht. Ihre Schilderungen geben einen ungeschminkten, abgrundtiefen Einblick in das Innenleben eines Menschen, der nicht gesehen und nicht gehört und dem kein Raum gegeben wird, selber herauszufinden, wer er ist, was er denkt und fühlt und wie er sich im Leben verwirklichen will. Die Texte sind ein befreiender Aufschrei und eine sich selbst entfaltende Anklage eines mundtot gemachten Menschen. Das Buch will nicht kommentiert werden, es will gehört werden.

» Zum Buch bei Suhrkamp

Zeh, J. (2018). Neujahr. München: Luchterhand.

Henning ist ein normaler Familienvater, eine Verkörperung von Anpassung und Durchschnitt. Doch innerlich gerät er immer mehr unter Druck, ohne zu verstehen, was mit ihm geschieht. Er leidet unter Panikattacken. Er versucht "das Tier", wie er die Angst nennt, abzuwehren, indem er sich kein Recht auf psychische Probleme zugesteht und die äußere Fassade zwanghaft aufrechterhält. Tatsächlich aber beherrscht ihn das Tier zunehmend. Als Folge beginnt Henning, sich von seiner Umwelt zu entfremden.

Seine Dissoziation spitzt sich immer weiter zu, bis er auf einem Familienurlaub über die Feiertage allein eine sportliche Radtour unternimmt. Früher, vor der Familiengründung, fuhr er Rennrad. Als er auf der Tour einen Berg bezwingt bzw. - angesichts seines untrainierten Zustands - der Berg ihn bezwingt, holen ihn die Erinnerungen an ein schreckliches Kindheitstrauma ein, welches sich in einem Ferienhaus auf diesem Berg zugetragen hat, als er vier Jahre alt war. Er findet das Haus und die verdrängten Geschehnisse von damals holen ihn ein.

Der Roman schildert schonungslos, wie ein erwachsener Mann von seinem kindlichen Suchttrauma eingeholt wird. Der Vater von Henning ist suchtkrank, trennt sich früh und kümmert sich nicht weiter um die Kinder. Die alleinerziehende Mutter agiert co-abhängig: Sie kehrt die Erinnerung an früher unter den Teppich, indem sie Dinge kleinredet, den Kindern Lügengeschichten erzählt und sich über den Vater der Kinder verbittert ausschweigt. Überdies opfert sie sich schuldhaft in der Versorgung und Erziehung der Kinder auf, ohne ein eigenes Leben zu haben. Sie funktioniert depressiv als leere Hülle.

Als typisches "Helferkind" ist Henning ein Abbild seiner Mutter. Er kümmert sich ebenso von Schuld motiviert um seine zwei Jahre jüngere Schwester, die ihr Leben auch jenseits der 30 nicht in den Griff bekommt, und er versucht sein Posttrauma durch Gefühlsunterdrückung in den Griff zu bekommen. Die Autorin Juli Zeh versteht sich meisterlich darin, die hinter perfekter, normierter Fassade versteckte Abgründigkeit der kleinbürgerlichen Spießigkeit zu sezieren, ohne sie zu werten.

Schottner, D. (2017). Dunkelblau: Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor. München: Piper.

Der Wert des Buches ist, dass der Protagonist eine in meinen Augen co-abhängige Erzähl-Perspektive einnimmt. Der Blick ist vor allem auf das Siechtum des Vaters ausgerichtet. Es war der Grund, warum ich das Buch nicht ausgelesen habe. Es war mir unerträglich, die Geschichte bis zum bitteren Ende zu lesen. Ich bin diese Trinker-Biografien nach zwei Jahrzehnten der Suchttherapie überdrüssig, sie ähneln sich alle. Und auch das co-abhängige Zuschauen ist ein erstarrtes Ritual in einer (scheinbar ausweglosen) Sackgasse.

Doch das darf ich wiederholen: Das Leiden des Sohnes findet vor allem in der sprachlosen Vermeidung des eigenen Erlebens, also zwischen den Zeilen statt. Ein Kollege, der Schottner auf einer Lesung erlebt hat und mit dem ich mich über das Buch ausgetauscht habe, äußerte, dass genau dies das Beeindruckende des Werkes sei.

» Verlagsseite

Sheff, D. (2008). Beautiful boy. A father´s journey through his son´s addiction. Boston: Houghton Mifflin.

David Sheff schildert autobiografisch seine Erfahrungen als Vater, der sich in der Hilfe für seinen drogenabhängigen Sohn immer weiter verliert. Zum Buch gibt es auch einen Film mit demselben Titel (2018), der in der Rubrik Spielfilme weiter unter rezensiert ist. Auf Wikipedia werden die Erfahrungen von Sheff als liebender und überversorgender Vater zusammenfassend wie folgt beschrieben (Stand: 01.04.2023):

Throughout the memoir Sheff attends numerous Al-Anon Meetings and therapy sessions. In these different sessions he is continually told of the three Cs: you did not cause it, you cannot control it, and you cannot cure it. Sheff has a difficult time accepting these statements throughout the memoir. At the end, however, he says that he has come to accept two of the Cs, that he cannot control it, and he cannot cure it. He realizes that he has done everything he can do to try to help Nic, and knows that it is up to Nic to figure things out if he is to fully recover.

» Wikipedia

Walls, J. (2005). Schloss aus Glas. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Zum biografischen Hintergrund von Film und Buch auf Wikipedia:

Der Film basiert auf dem autobiografischen Roman Schloss aus Glas (Originaltitel The Glass Castle: A Memoir) von Jeannette Walls aus dem Jahr 2005, ... Walls beschreibt in Schloss aus Glas ihre schwere Kindheit und wie ihre Eltern mit vier Kindern durch die USA vagabundierten. In den ersten fünf Jahren ihrer Ehe hatten ihre Eltern 27 Adressen, da ihr Vater es an keinem Arbeitsplatz länger aushielt und kein Geld für die Miete hatte. Zudem fühlte sich der alkoholkranke und wahrscheinlich bipolare Rex vom FBI verfolgt. Rose Mary, ihre Mutter, war wahrscheinlich auch bipolar und hielt sich für eine Künstlerin.

Die Kinder mussten oft hungern, in zerschlissener Kleidung herumlaufen und wurden daher in den verschiedenen Schulen, die sie besuchten, von ihren Mitschülern gehänselt. Als die Familie in den Heimatort des Vaters Welch in den Appalachen zurückkehrte, lebten sie bei Verwandten in einem Haus mit drei Zimmern ohne Wasser, Strom und Heizung, wo es feucht und schmutzig war und von Ungeziefer, Schlangen und Ratten wimmelte. Da Jeannette dies nicht mehr aushielt, schlug sie sich im Alter von 17 Jahren bis nach New York durch, wo sie in der Bronx bei ihrer älteren Schwester Lori wohnte. Dort machte sie ihren Schulabschluss, lieh sich von allen möglichen Leuten Geld und arbeitete in einer Anwaltskanzlei, um sich das Studium auf dem New Yorker Barnard College zu finanzieren.

Die Geschichte von Schloss aus Glas gewinnt ihre Dramatik aus der vielschichtigen Ambivalenz einer Suchtfamilie. Die amerikanische Journalistin Jeanette Walls erzählt die Ereignisse ihrer Kindheit, ohne normative oder sittliche Maßstäbe anzulegen. Sie beschreibt - typisch Journalistin - aus einer eher äußeren Perspektive, ohne zu verurteilen oder zu idealisieren. Dem Leser hilft diese nüchterne Mehrperspektivität, Abstand zu wahren und sich weder mit der Liebe, den Abenteuern und der Faszination des Vagabunden-Lebens der Walls noch mit den Entbehrungen, Erniedrigungen und Leiden der Kinder allzu sehr zu identifizieren.

Mal schlägt das Pendel in die eine Richtung aus: "Reiche Stadtmenschen hatten schicke Wohnungen, aber ihre Luft war so verschmutzt, dass sie die Sterne nicht einmal sehen konnten, und wir wären ja schön verrückt, wenn wir mit ihnen tauschen wollten", mal in die andere Richtung: "Und mit erhobener Stimme fügte ich hinzu: »Ich hatte Hunger.« Mom starrte mich erschrocken an. Ich hatte gegen eine unserer stillschweigenden Regeln verstoßen: Es wurde von uns erwartet, dass wir stets so taten, als wäre unser Leben ein einziges langes, unglaublich lustiges Abenteuer."

Walls schafft es bis zum Ende, diese Ambivalenz feinfühlig auszubalancieren. Dieser Herangehensweise ist geschuldet, dass sie selten eine Innenperspektive des kindlichen Erlebens einnimmt. Der Hunger, der Ekel und die Schmerzen der Protagonistin Jeanette werden zwar benannt, doch werden sie mit wenigen Ausnahmen nicht näher ausgeführt, anders als z.B. in dem autobiografischen Roman Shuggie Bain. Diese sachliche Erlebensverzerrung ist typisch für traumatisierte Kinder aus Suchtfamilien, es ist eine funktionale Überlebensstrategie. Walls bleibt als Lieblingstochter so gegenüber Vater und Mutter loyal, sie schützt sich und ihre Familie vor moralischer Vereinnahmung durch andere und ihre Geschichte ist dadurch zugänglicher, lesbarer als die von Shuggie Bain.

Bei letzterer Autobiografie zersetzen die Auswirkungen des Suchtmittelkonsums die Familienbande und Shuggie, wie auch die älteren Geschwister zuvor, befreit sich, indem er weggeht. Bei Schloss aus Glass wird der Familienzusammenhalt hingegen durch die suchtbedingten Katastrophen noch gestärkt und die Protagonistin findet zu sich, indem sie in den Schoß der Familie zurückkehrt und zu dieser und der gemeinsamen Geschichte steht.

Obendrein nimmt Walls durch die nüchterne Erzählperspektive den mannigfaltigen Traumata den Schrecken, überfordert die LeserInnen nicht emotional und macht das Thema der Suchtfamilie einem breiterem Publikum zugänglich. Schloss aus Glass konnte so ein Bestseller werden. Zwar haben der Vater und die Mutter auf fast schon sympathische Art und Weise darin versagt, ihre grandiosen beruflichen, künstlerischen und gesellschaftlichen Ansprüche und Versprechungen zu verwirklichen, doch die Tochter macht es besser und gibt der familiären Geschichte eine unverhoffte, erfolgreiche Wendung. Sie versilbert, so kann man es metaphorisch sagen, das Scheitern des Vaters, Gold zu finden.

Im Film wirft die erwachsene Jeanette dem Vater am Ende vor: "Reden ist nicht gleich Handeln." Die Autorin Jeanette Walls scheint diesen tragischen Zwiespalt ihrer Eltern im und durch das Schreiben überwunden zu haben. Es ist eine resiliente Geschichte.

» Wikipedia

arthur schnitzler

Schnitzler, A. (1924). Fräulein Else.

Das 1924 erschienene Buch des österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler ist eine Monolog-Novelle. Das gesamte Drama wird aus der Perspektive von Else als innerer Dialog ausgebreitet. Aus der angehörigenzentrierten Sicht ist es eine typische Geschichte der emotionalen und sexuellen Ausbeutung von Kindern aus Suchtfamilien. Else ist die Tochter eines spielsüchtigen Wiener Rechtsanwalts, der Gelder veruntreut hat und dem deswegen eine Inhaftierung droht. Es ist allerdings die (co-abhängig agierende) Mutter, die die Tochter bittet, bei einem reichen Freund der Familie, dem Kunsthändler Dorsay, um eine größere Summe zu betteln. Dorsay verlangt von Else als Gegenleistung, sich vor ihm zu entblößen. Else gerät in eine ausweglose psychische Krise zwischen der Loyalität zu ihrer Familie einerseits, welche Selbstaufgabe und -aufopferung bedeutet, sowie ihrer persönlichen und sexuellen Entwicklung und Autonomie als junge Frau andererseits.

Die Novelle macht deutlich, dass Traumatisierungen von Kindern aus Suchtfamilien schon in anderen historischen Kontexten, hier das höhere bürgerliche Milieu Wiens des beginnenden 20. Jahrhunderts, stattgefunden haben. Schnitzler entlarvt die moralisch sittliche Verlogenheit einer patriarchalen Gesellschaft, die ihre Analogie in der Verlogenheit der süchtigen Familie von Else findet.

Ende, M. (1973). Momo. Stuttgart: Thienemann.
Twain, M. (1884). Huckleberry Finns Abenteuer. Zürich: Diogenes.

Warum werden die beiden Klassiker von Michael Ende und Mark Twain hier aufgeführt? Huckleberry Finn ist der Sohn eines Alkoholikers und Raufbolds. Huckleberry muss sich nicht nur dem Zugriff seines gewalttätigen Vaters erwehren, auch die (co-abhängig) bevormundende Fürsorge der Gesellschaft bedroht seine Freiheit und Selbstverwirklichung. Bei Momo repräsentieren die grauen Herren die Sucht. Sie rauchen Zigaretten, die sie aus den Blütenblättern der Lebenszeit der Menschen gewinnen und sie manipulieren geschickt die Menschen, sich der Moral und dem Diktat der Beschleunigung zu unterwerfen. Die angstgetriebene Hetze der Menschen, Zeit zu sparen, kann als co-abhängig eingestuft werden.

Momo und Huckleberry repräsentieren beide einen leidenschaftlichen Gegenentwurf zu einer entfremdeten Welt: Sie sind spontan, authentisch, kreativ, mutig und eigensinnig, können gut zuhören und beobachten, lachen und weinen, spielen gerne, lieben den Müßiggang und genießen ihr Dasein in vollen Zügen. In ihrer Resilienz sind sie Vorbilder darin, für die eigene Unabhängigkeit und die anderer Menschen einzustehen.

Weitere Romane zum Thema, die ich (noch) nicht selbst gelesen habe:

Hecht.J. (2021). In diesem Sommer. München: C.H.Beck.

Klaffke-Römer, E. (2021). Mein Herz an stillen Tagen. Berlin: biografie.

Baron, C. (2020). Ein Mann seiner Klasse. Berlin: Claassen.

Halbheer, M. (2015). Platzspitzbaby: Meine Mutter, ihre Drogen und ich. Lachen: Wörterseh.

Koch, C. (2010) Wessen Moral? Eine Autobiografie zum Thema: Erwachsene Kinder suchtkranker Eltern. Hamburg: acabus.

McCourt, F. (1996). Die Asche meiner Mutter. Irische Erinnerungen. München: btb.

Kaurismäki, A. (Reg., 2023). Fallende Blätter [Film]. Finnland.

Es ist ein typischer, eigenwilliger Film des finnischen Regisseurs. Jede Szene ist wie ein Gemälde. Die Dramaturgie der Bilder wird u.a. durch den Kontrast gespeist, dass die Geschichte zwar in die heutige Zeit eingebettet ist, doch mit Requesiten der 60er und 70er Jahre ausgestattet ist. Und es wird wenig gesprochen. Vor vielen Jahren hatte ich eine Finnin in Therapie. Sie saß kaum, als sie mir lakonisch mitteilte, wie sehr es sie nerve, dass Deutsche so viel sprechen und sich für alles rechtfertigen müssen. Wir haben oft geschwiegen, was mir gefallen hat.

In diesem Sinne will ich kein überflüssiges Wort über Fallende Blätter verlieren. Nur so viel: Es geht um eine tragikkomische Liebesgeschichte zwischen zwei proletarischen Verlieren. Die nicht mehr junge Frau ist Kind aus einer Suchtfamilie. Der Vater starb durch Alkohol, die Mutter vor Kummer. Der ebenso nicht mehr junge Mann ist ein Trinker, der nichts mehr vom Leben erwartet.

Der Film ist eine pragmatische, nicht humorlose Blaupause, wie Klarheit und Nüchternheit hilft, Unabhängigkeit zu wahren und Liebe zu ermöglichen. Beide Protagonisten sind zwar wortkarg, doch keinesfalls sprachlos. Der ruhige Erzählstrom von Kaurismäki erlaubt es dem Zuschauer, sich bevormundungsfrei eigene Gedanken über das Gesehene zu machen und den eigenen Stimmungen nachzugehen. - Eine kleine Geschichte und großes europäisches Kino!

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van Groeningen, F. (Reg., 2018). Beautiful Boy [Film]. USA: Amazon Studios.

Der Film beruht auf einer wahren Geschichte eines Vaters und seines drogenabhängigen Sohnes an der Westküste der USA (San Francisco, Los Angeles). Das Besondere ist, dass das Drehbuch auf den Erzählungen beider basiert, welche jeweils in Romanen niedergeschrieben wurden: "Beautiful Boy: A Father´s Journey Through His Son´s Addiction" von David Sheff und "Tweak: Growing Up on Methampetamines" von Nic Sheff.

Der Film wechselt ständig zwischen den Perspektiven von David und Nic. Die Filmszenen sind in Bezug auf den Sohn chronologisch geordnet, springen in Bezug auf den Vater indes in der Zeit hin und her. Die Rückblenden erzeugen einen noch tieferen emotionalen Einblick in das Erleben des Vaters. Der Zuschauer gerät so immer tiefer in den Strudel der eskalierenden, zerstörerischen Drogensucht von Nic und dem ebenso zerstörerischen Unterfangen des Vaters, den Sohn zu retten.

Die atmosphärische Dichte des Films wird durch den eher zurückhaltenden Einsatz von Sprache und durch die Inanspruchnahme von bis ins Detail ausgestalteten Kulissen, Musik, Landschaftsaufnahmen, Bildern und Symbolik verstärkt. Z.B. kommt der gleichnamige Song von John Lennon "Beautiful Boy" im Film vor. Das Lied handelt von einem Vater, der seinen Sohn nach einem Alptraum tröstet: "Close your eyes - Have no fear - The monster′s gone - He's on the run and your daddy′s here".

Zurück zum Filmplot: David wacht schließlich aus der Endlosschleife seines wahr gewordenen Alptraums auf. Als er von seinen verzweifelten Bemühungen loslassen kann und sich vom Sohn abgrenzt, erfährt die Geschichte eine dramatische Wendung.

» Trailer

Goiginger, A. (Reg., 2017). Die beste aller Welten [Film]. Mödling bei Wien: Ritzl-Film.

Der Film ist autobiografisch, der Autor und Regisseur erzählt von seiner schwierigen Kindheit, wie er als Siebenjähriger in der Drogenszene Salzburgs aufwächst. Die Mutter Helga ist zerrissen zwischen ihrem Vorsatz, für ihren Sohn gut zu sorgen, und dem Zwang, ihre innere Leere mit Drogenkonsum zu stillen. Im Mittelpunkt steht indes Adrian, wundervoll gespielt von Jeremy Miliker, wie er sowohl Liebe, Freiheit und Lebensfreude erfährt, als auch die mit dem Drogenleben verbundenen Schwierigkeiten erlebt und diese mit Ängsten und Alpträumen bezahlt.

Die Geschichte gewinnt ihre Spannung aus der Ambivalenz zwischen dem bis ins Detail schonungslos dargestellten Drogenleben und der zarten Idealisierung der mütterlichen Liebe. Eben gerade deswegen bleibt der Film stets auf dem festen Boden der Realität, gleitet nie ins Sentimentale ab und hinterlässt eine versöhnliche und hoffnungsvolle Stimmung. Adrian geht trotz und wegen dieser Kindheit mutig und kreativ seinen Weg - in der für ihn besten aller Welten.

cover sanfter mann sucht frau

Curval, J.L. (Reg., 2016). Sanfter Mann sucht Frau [Film]. Frankreich: ARTE.

Ein sehr französischer, stiller und unprätentiöser Film darüber, wie Annette, eine 30-jährige Frau, die mit ihrem Sohn Eric in einer Kleinstadt im Norden Frankreichs wohnt und als Kassiererin arbeitet, eine abhängige Beziehung zu einem gewalttätigen Trinker und ein leeres Leben hinter sich lässt. Der Titel verwirrt indes. Er müsste vice versa lauten: Sanfte Frau sucht Mann, denn Annette ist die Protagonistin, die das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Der Film kommt vollständig ohne große Aktion aus und bleibt sich bis zum Ende darin treu, die Begegnungen und Beziehungen der Hauptfigur und ihren emotionalen Prozess der Befreiung mit viel Zartgefühl zu begleiten.

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Cretton, D.D. (Reg., 2017). Schloss aus Glas [Film]. USA.

Zum biografischen Hintergrund von Film und Buch auf Wikipedia:

Zum Buch können Sie oben eine Rezension lesen, die weitgehend auch auf den Film zutrifft. Er erzählt nüchtern die Geschichte der Familie Walls, ohne zu urteilen, und balanciert feinfühlg die Ambivalenz von Abenteuer, Sternenhimmel und Authentizität einerseits sowie Hunger, Größenwahn, Gewalt und Erniedrigung andererseits. Doch die letzten fünf Minuten des Films, nach dem Tod des Vaters, sind mir persönlich ein wenig aufgestoßen: Nach meinem Dafürhalten wird ein dicker Zuckerguss aus amerikanischer Familienmoral über das bis dahin sensible und facettenreiche Familienportrait ausgegossen. Die im Abspann gezeigte familiäre Feierlaune und Idealisierung des Vaters widerspricht Film und Buch und übertüncht die gleichermaßen wert- und leidvolle Farbigkeit der Geschichte. Dieser Abspann ist im Buch deutlich dezenter gehalten und wirkt dort keinesfalls kitschig. Wenn ich es vorher gewusst hätte, hätte ich nach der berührenden Aussprache von Tochter und Vater auf seinem Todesbett ausgeschaltet. Doch dies ist, dies ist mir bewusst, meine subjektive Interpretation. Bilden Sie sich bitte selbst ein Urteil, es lohnt sich!

» Trailer
» Wikipedia

Weegmann, R. (Reg., 2016). Ein Teil von uns [Film]. Deutschland: Constantin Television.

Der Film handelt vom leidvollen Leben einer erwachsenen Tochter einer alkoholkranken Mutter. Brigitte Hobmeier spielt die Hauptfigur Nadja facettenreich, ungeschminkt und vielschichtig. Der Film bringt dem Zuschauer die emotionalen Abgründe einer Suchtfamilie stets aus dem Blickwinkel von Nadja und in mitleidloser Solidarität mit ihr nahe. Brigitte Hobmeier formulierte in einem Interview zur Rolle folgendes (2016): "Sie will meilenweit wegrennen und kommt keinen Millimeter voran. Ihr Selbstschutz wird zur Mauer, hinter der sie vor Einsamkeit fast krepiert."

Der Film ist realistisch bis zur Schmerzgrenze. Die Bilder gehen unter die Haut und sind nichts für Zartbesaitete oder Betroffene, die von der eigenen Geschichte noch zu sehr verwundet sind. Der Film bietet für Nadja keine Hoffnung oder Erlösung, doch überrascht das Ende in seiner ernüchternden Offenheit und Akzeptanz.

» Eindrücke vom Film
» Interview

Medienprojekt Wuppertal (2015). Zoey - Ein Spielfilm über die Lebenswelt von Kindern einer suchtbelasteten Familie [Film]. Wuppertal.

Der Film leuchtet trotz seiner Kürze und Projekthaftigkeit feinfühlig alle emotionalen Nuancen des Schicksals von Jugendlichen aus Suchtfamilien aus. Das Ende deutet an, wie Betroffene das leidvolle Schicksal überwinden können, ohne dass der Film ins Kitschige abrutscht oder falsche Hoffnungen weckt. Der Film ist besonders für die präventive Arbeit mit Jugendlichen geeignet.

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US-amerikanische Fernsehserie Shameless

Wells, J. & Abbott, P. (2011 - 2021). Shameless [Serie]. USA.

Inhaltsangabe von Wikipedia:

Die Dramedy-Serie Shameless behandelt das Alltagsleben der dysfunktionalen Familie Gallagher aus Chicago. Sie gehört der urbanen Unterschicht an und bewohnt ein bescheidenes Einfamilienhaus in der South Side, einem sozialen Brennpunkt der US-Metropole.

Oberhaupt der Familie ist der arbeits- und verantwortungslose Alkoholiker Frank, der von seiner bipolaren Ehefrau verlassen wurde. Er zeigt sehr wenig Interesse an seinen sechs Kindern, und anstatt sich um den gemeinsamen Lebensunterhalt zu kümmern, verbringt er den Großteil der Zeit in seiner Lieblingsbar (The Alibi Room). Der Familie fehlt es an einem regelmäßigen Einkommen, da Frank die Sozialhilfe lieber in seinen Alkohol- und Drogenkonsum investiert.

Sich selbst überlassen, versucht seine älteste Tochter Fiona das meist chaotische Familienleben zu organisieren und hat notgedrungen die Mutterrolle für ihre Geschwister übernommen. Der hochintelligente, aber kleinkriminelle Lip lebt lieber in den Tag hinein, als sich um gute Schulnoten zu bemühen. Ian verbirgt seine Homosexualität vor seinem Umfeld und leidet unter seinen versteckten Gefühlen. Debbie ist ein umsorgendes Mädchen, doch auch sie stößt regelmäßig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Der zehnjährige Carl wiederum kompensiert fehlende Struktur im Leben mit Gewalt, und schließlich gibt es noch Nesthäkchen Liam.

Gemeinsam versuchen die Kinder, trotz ihres unmöglichen Vaters, ihr Leben am Rand der Gesellschaft auf kreative, skandalöse, aber auch warmherzige Weise zu meistern. Dabei erhalten sie Unterstützung durch ihre Nachbarn, Fionas beste Freundin Veronica Fisher und deren Lebensgefährten, den Barkeeper Kevin Ball.

Die Serie wurde mir von einer jüngeren Klientin empfohlen. Shameless ist eine Dramedy, ein Kombination von Drama und Komödie. Mein Eindruck ist zwiespältig. Nach meinem Dafürhalten bietet die Serie zum einen tragische Einblicke in die kaputten Abgründe von Suchtfamilien, die ohne bürgerlich erhobenen Zeigefinger, aber mit selbstbewusstem Stinkefinger daherkommen. Im Mittelpunkt steht Fiona, die älteste Tochter, die die Familie am Laufen hält und als Folge sich selbst vernachlässigt. Sie verkörpert das Enabler-Konzept von Wegsheider-Cruse (1981).

Zum anderen ist Shameless eine typische US-amerikanische Soap Opera, die der Unterhaltung dient. Der Mix aus Sex, Drugs and Crime ist guter Stoff, der sich abends auf dem Sofa gut konsumieren lässt. Mir reichte es, einige Folgen zu sehen, da sich die Geschichte in meinen Augen in einer Endlosschleife verliert (11 Staffeln, 134 Episoden)), was zweifelsohne typisch für eine (co-)abhängige Struktur ist. Dem Thema Suchtfamilie darf man sich auch unterhaltsam nähern, wie ich finde, nehme jedoch an, dass die Serie vor allem die jüngere Generation ansprechen wird, die mit dieser bunten und lauten Schablonenhaftigkeit amerikanischer Unterhaltungsindustrie aufgewachsen sind und sich darin zu Hause fühlen.

» Shameless auf Wikipedia

Parker, A. (Reg., 1999). Die Asche meiner Mutter [Film]. Irland, USA:

Zur Handlung von Wikipedia:

Brooklyn 1935: Margaret, das fünfte Kind der irischen Einwandererfamilie McCourt, stirbt sieben Wochen nach der Geburt. Verwandte schicken Geld für die Schiffspassage, damit Angela, ihr Mann Malachy und die Kinder Frank, Malachy, Eugene und Oliver nach Irland zurückkehren können. In Limerick, der Geburtsstadt Angelas, straft deren Mutter Mrs. Sheehan ihren aus Nordirland stammenden arbeitslosen Schwiegersohn mit Verachtung. Als er nach langer Zeit endlich Arbeit in einem Zementwerk findet, vertrinkt er am ersten Abend den Lohn, versäumt deshalb die zweite Schicht und wird gleich wieder entlassen.

Die Familie haust im oberen Stockwerk in einem abbruchreifen Haus, das sie „Italien“ nennen. Im Erdgeschoss, „Irland“ genannt, steht bei Regen das Wasser zentimeterhoch. Die Toilette steht im Freien und wird von allen Anwohnern der Straße benutzt. Vater Malachy McCourt ist zu stolz, um die von Fuhrwerken auf die Straße gefallenen Kohlenstücke aufzusammeln, aber seine Frau Angela tut es. Sie erbettelt auch Essensreste von der Kirche und Almosen von der Wohlfahrt. In ihrer Verzweiflung leiht sie sich sogar zu Wucherzinsen etwas Geld von Mrs. Finucane.

Die Zwillinge Oliver und Eugene sterben trotzdem an Entkräftung. Angela bekommt noch zwei weitere Kinder. Die beiden jüngsten Söhne werden auf die Namen Michael und Alphie getauft. Frank, der Älteste, wird bei der Firmung ohnmächtig. Im Krankenhaus wird Typhus diagnostiziert, was Frank knapp überlebt. Da er dadurch jedoch zwei Monate der Schule fernbleibt, wird angeordnet, dass er die fünfte Klasse wiederholt. Erst als er einen brillanten Aufsatz vorlegt, darf er in seine bisherige Klasse zurückwechseln. Angesichts seiner literarischen Fähigkeit legt ihm der Schulleiter nahe, nach Amerika auszuwandern, wo er etwas werden könne.

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Kaurismäki, A. (1990). Das Mädchen aus der Streichholzfabrik [Film]. Finnland/Schweden.

Ein typischer Film des Regisseurs Aki Kaurismäkis: lakonisch, hoffnungslos, bildmächtig und sozial kritisch. Iris arbeitet am Fließband und finanziert mit ihrem kargen Lohn Mutter und Stiefvater ein bequemes, konsumorientiertes - Nikotin, Wodka, Essen, Fernsehen - Leben. Sie erledigt den Haushalt, geht einkaufen, kocht und schläft auf dem Sofa. Sie ist genügsam, gleichmütig, ein Mauerblümchen, welches niemand sieht. Die einzigen Zuwendungen, die sie von den Eltern erhält, sind kaltes Schweigen und böse Blicke. Als sie schwanger wird, lehnt der Mann sie und das ungeborene Leben brüsk ab. Jetzt endlich wird Iris wütend, schreitet zur Tat und tötet.

Selbstverständlich ist das fiktive Handeln der Antiheldin Iris in der wirklichen Welt keine Lösung. Doch die Geschichte symbolisiert auf der übertragenen Ebene, dass Menschen manchmal alles aus ihrem Leben rigoros herauswerfen müssen, was sie kaputt macht, um die Schieflage ihres verletzten Selbstwerts geradezurücken und Freiheit und Würde wiederherzustellen.

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Janssen. L.M. (2023). Co-Abhängigkeit. Mitgefangen in der Sucht des anderen [Radio]. Köln: WDR 5.

Die Journalistin Laura Mareen Janssen hat für WDR 5 einen Podcast zum Thema Co-Abhängigkeit erstellt. In dem Feature kommen die beiden selbstbetroffenen Expertinnen Chandika Loh und Jil Rieger und auch ich als Psychotherapeut zu Wort. Frau Janssen hat die Inhalte der drei Interviews dramaturgisch so kunstvoll miteinander verwoben, dass ein informatives, umfassendes und gut zugängliches Bild zum Thema entsteht, welches gleichermaßen Betroffene, Fachleute als auch am Thema Interessierte anspricht. Rundum gelungen und hörenswert, wie ich finde! Aus der Anmoderation des Radiobeitrags:

Co-abhängige Menschen sind in der Regel Kinder, Partner:innen oder Freunde von Suchtkranken. Viele von ihnen leiden sehr unter dem Miterleben der Sucht und nicht selten führt das zu gesundheitlichen Schäden, berichtet Laura Mareen Janssen.
Einen Menschen lieben, der suchtkrank ist. Chandika Loh und Jil Rieger haben das beide erlebt. Bei Jil war es die erste große Liebe mit Anfang 20. Chandika heiratet ihren Partner und bekommt 2 Kinder. Das war 1985. 37 Jahre liegen zwischen den Erfahrungen der beiden. Und doch gibt es da diese dunklen Momente im Zusammenleben mit ihren Partnern, die beide kennen: die emotionalen und auch körperlichen Übergriffe, die mit jedem Konsum normaler werden. Und auch das Hoffen, dass alles besser wird, wenn man das Suchtproblem des anderen in den Griff bekommt.

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Rebmann, S. (2021). Flucht vor alkoholkranken Eltern. "Und dann öffnete sich die Welt für mich" [Radio]. Köln: Deutschlandfunk.

Utz Dräger vom Deutschlandfunk im Gespräch mit Plus Eins Autorin Sophie Rebmann, die die Geschichte von Emilia erzählt: "Emilia wächst mit einem alkoholkranken, gewalttätigen Vater auf. Als auch die Mutter zu trinken beginnt, ist sie auf sich allein gestellt. Emilia will ihr Elternhaus hinter sich lassen, aber kann sich nur schwer lösen. Doch irgendwann gelingt es... Bei Plus Eins erzählt Sophie Rebmann, wie Emilia es schafft, sich in einem langwierigen Prozess endlich vom Schatten der Eltern zu befreien. Es ist eine Geschichte über die Flucht aus den Fesseln der Kindheit und den starken Überlebenswillen einer Frau." (Plus Eins, 22.10.2021)

Es wird mit viel Sensibilität und liebevollen Verständnis die "normale", schreckliche Geschichte eines Kindes aus einer Suchtfamilie erzählt, wie sie Millionen Kinder aktuell in Deutschland erfahren. Unbedingt hörenswert, doch nichts für schwache Nerven!

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YouTube-Kanal von NACOA

Lunchtime-Interviews mit dem Zeitzeichen-Redakteur Stephan Kosch und der Reporterin und Autorin Christina Rubarth: Jede Woche ein neues Gespräch über das Aufwachsen in suchtbelasteten Familien. Beispiele aus den Interviews: "Hilfe bei Verdacht auf Gewalt gegen Kinder - Interview mit der »Medizinischen Kinderschutzhotline«, "»Mit der Axt hinter uns hergerannt« - Interview mit Christina, Tochter eines alkoholkranken Vaters.", Die Mutter hinter der Tür - Interview mit der Sozialarbeiterin und Buchautorin Mira Galle.

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filmplakat trinkerkinder

Brunner, U. (Reg., 2020). Trinkerkinder. Die langen Schatten alkoholkranker Eltern [Film]. Schweiz.

Eine Dokumentation über das Schicksal von (erwachsenen) Kindern aus Suchtfamilien. Ausgehend von der persönlichen Geschichte der Autorin Ursula Brunner und anhand verschiedener betroffener Personen wird in dem Schweizer Film das Schicksal und die Not der Trinkerkinder und ihre Schwierigkeiten und Möglichkeiten, sich zu befreien, veranschaulicht. Erwachsene und noch jugendliche Betroffene kommen in dem 49-minütigen Beitrag selbst ausgiebig zu Wort, erzählen von ihren tragischen Erfahrungen und den Auswirkungen auf ihr Leben.

Die Kamera bewegt sich im Lebensalltag der Betroffenen und hält doch Abstand. So sind die Ausführungen zwar zugewandt, bleiben aber nüchtern. Diese Sachlichkeit des Films erinnert mich an den dissoziativ gefühlsfernen Selbstschutz der Betroffenen, ihre gleichförmig unaufgeregte Stimme und ihre unbewegte Mimik und Gestik, wenn sie in der Therapie über die Schrecknisse der Kindheit erzählen. Dadurch wird die Dokumentation ihrem unprätentiösen Anspruch, über das Thema zu informieren, durchaus gerecht.

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Ruparth, C. (2020). Das Leiden der Angehörigen. Wie Alkoholsucht Familien zerstört [Radio]. Köln: Deutschlandfunk.

Aus der Ankündigung: "Wenn es um Alkoholismus geht, werden Angehörige selten gehört. Meist steht die Sucht und damit der Süchtige im Mittelpunkt. Hier soll es andersherum sein: Die, deren Leiden oft übersehen wird, bekommen eine Stimme." Die Autorin Christina Rubarth hat mit dem Feature den Deutschen Sozialpreis 2021 in der Sparte Hörfunk gewonnen.

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Es gibt jede Menge Songs, die Suchtmittelkonsum sowohl verherrlichen als auch problematisieren, z.B. "Alkohol" von Herbert Grönemeyer. Musik, in denen die Sorgen, Not und Sehnsucht der Angehörigen im Mittelpunkt stehen, ist rar. Deswegen sind die, die es gibt, besonders wertvoll. Folgend eine subjektive Auswahl von Liedern und Alben, welche ich mit dem Angehörigenthema assoziiere und auch in der Therapie einsetze.

cover album dennoch

Lieder

Duo EigenArts (2020). Albatros. Dennoch [CD].
"Nicht reden, nicht fühlen, niemandem trauen. Es ist doch nichts... Mama und Papa, auf Alkohol formatiert. Es ist doch nichts... Kindergefühle, wie Müll kompostiert. Es ist doch nichts. - Albatros, nimm mich mit auf deinen Schwingen. Flieg mich hinauf aus grauen Mauern in warmen Sonnenschein."
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Jacques Palminger & 440 Hz Trio (2016). Es ist mein Leben. Jzz & Lyrc [CD]. Hamburg.
"Also, lebe dein Leben und lass mich los. Kümmere du dich um deine Angelegenheiten und lass meine in Ruhe... Deshalb hör auf, mich zu belästigen, hör auf, mich zu bedrängen, hör auf, mich anzuschreien, denn es ist, es ist mein Leben."

Voodoo Jürgens (2016). Alimente. Ansa Voar [CD]. Österreich: Lotterlabel.
"... des hod si für mi erledigt hapo, i wü von dem nix mehr hean. du kaunnst mi gern hobn und wem anan anrean. i hob a engels geduld und hob ma deine geschichtln lang gnua augheart. i hobs in guadn probiert... hod ollas nix brocht und sche langsam föd ma die kroft."

Marius Müller-Westernhagen (2002). Was Du... In den Wahnsinn [CD]. Europa: Warner Music.
"Ich hab auch keinen Vater mehr. Er soff sich in sein Grab. Als er noch lebte, liebte ich ihn. Das ist, glaub ich, normal. - Was du fühlst ist nicht immer, was du fühlst. Was immer du auch fühlst."

Reinhard Mey (1996). Kati und Sandy. Leuchtfeuer [CD]. Berlin: Hansa-Tonstudio.
"Sandys Vater hängt im Sofa, schon am Mittag breit. Und dann kommen seine fiesen, ekeligen Sprüche. Und Mutter hört die lustigen Musikanten in der Küche. Manchmal ist alles so sinnlos, hat alles keinen Zweck. Manchmal sehnen sich die beiden weit, weit weg."

cover album outside child

Alben

Allison Russell (2021). Outside Child. Chicago: Fantasy Records.

Mirel Wagner (2014). When the Cellar Children See the Light of Day. Finnland: Kioski.

Nachstehen eine kleine Auswahl meiner Favoriten aus Belletristik, Poesie, Philosophie, Musik und Film, die zwar nicht angehörigenzentriert sind, die ich dennoch gerne für co-abhängig Betroffene einsetze, um ihre starren Erlebens- und Verhaltensmuster herauszufordern und mehr Selbstmitgefühl, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung anzuregen.

Glaubensbekenntnis, Bodo Rulf
Dieses Gedicht setze ich gerne ein, um das negative Selbstbild, die Selbstzweifel, Selbstablehnung und Schuldgefühle von Angehörigen zu verstören und eine annehmende Alternative anzubieten. Meine Lieblingsstelle lautet: "Ich glaube daß es wichtig ist zu mir zu halten und mich anzunehmen auch und gerade dann, wenn ich mich absolut nicht leiden kann." Herr Rulf hat mir erlaubt, Ihnen das Gedicht zur Verfügung zur stellen. Herzlichen Dank dafür!
» Glaubensbekenntnis

Bieri, P. (2013). Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde. München: Carl Hanser.
Der Autor definiert Würde als eine Lebensform und er kommt immer wieder auf Sucht zu sprechen, um zu verdeutlichen, wie Suchtkranke ihre Würde und die Würde anderer Menschen mit Füßen treten. Beri bietet nicht weniger als eine philosophisch-psychologische Anleitung, wie gedemütigte Menschen ihre Selbstständigkeit und Selbstachtung wiedergewinnen können.

Ernaux, A. (2020). Die Scham. Berlin: Suhrkamp. (Die französische Orginalausgabe erschien 1997 unter dem Titel La honte bei Editions Gallimard, Paris.)
Vom Klappentext: "Scham ist das beharrliche Gefühl der eigenen Unwürdigkeit. Annie Ernaux seziert es an sich selbst, indem sie weit zurückschwingt in eine eigentlich unfassbare Episode ihrer Kindheit und in eine Vergangenheit, die nicht vergehen will." Ernaux analysiert wie die Scham über die Scham zu einem Gefängnis in uns selbst wird.

Die Lösung, Annett Louisan
Ein leichter, provokativ humorvoller Schlager über den sekundären Krankheitsgewinn, also darüber, warum Menschen an Problemen festhalten und nicht an Lösungen interessiert sind.

Aufhebung, Erich Fried
Ein wunderbares Gedicht darüber, dass Trost im Unglück Glück bedeutet.

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit, Ingrid Wuthe
Eine kleine Erzählung über die Angst und Flucht der Menschen vor der Trauer und die eigentliche Funktion dieses zarten Gefühls.
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Pavane pour une infante défunte, Maurice Ravel
Ravel soll das Stück auch "Pavane für eine verstorbene Prinzessin" genannt haben. Das Stück regt Trauer an, z.B. um Trost über eine unglückliche Kindheit zu finden oder auch Abschied von prinzessinnenhaften Idealen zu nehmen.

Eine Geschichte von Gott, Herman van Veen
Eine wunderbare Anektode darüber, wo wir "Gott" finden: Auf einer Bank in der Sonne in uns selbst, und eine Parabel auf das, worauf es im Leben eigentlich ankommt: Atmen, Licht, Blumen, Wasser, Sonne, Gelassenheit, den Augenblick genießen...

Momo, Michael Ende (1973)
Ein sprachlich wunderschönes und philosophisches (Kinder-)Buch darüber, dass Hetze, Produktivität, Ordnung und Konsum uns unglücklich machen und wir Erfüllung in Beziehung, Lachen, Spielen, Kreativität und Menschsein finden. Die "grauen Herren" verkörpern die unmenschlichen Prinzipien der Sucht. Die Protagonistin, das Mädchen Momo, ist durch und durch "unprinzessinnenhaft" und Vorbild für alle, die sich in Anpassung, Arbeitseifer und Pflichterfüllung verloren haben und ihr Leben zurückgewinnen wollen.

Camus, A. (2023). Der Mensch in der Revolte (35. Aufl.). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. (Die Originalausgabe erschien 1951 unter dem Titel "L´Homme révolté" bei Librairie Gallimard, Paris.)
Sucht und Co-Abhängigkeit können auch gemäß Camus als "Terror" oder "Tyrannei" verstanden werden. Das Buch des Nobelpreisträgers bietet eine Metaphysik der Verweigerung und Befreiung (S. 27): "Gleichzeitig mit dem Widerwillen gegen den Eindringling enthält jede Revolte eine völlige und unmittelbare Zustimmung des Menschen zu einem Teil seiner selbst."

Filme

Und täglich grüßt das Murmeltier mit Bill Murray (1993)
Was kann man tun, wenn man feststellt, dass das Leben eine endlose Wiederholung desselben Musters ist? Die Filmkomödie gibt vielschichtige Antworten.

Grüne Tomaten, Jon Avnet (1991)
Es gibt viele Filme darüber, wie sich Frauen aus gesellschaftlichen Korsetts befreien. Dieser Spielfilm ist besonders ansprechend, weil die Protagonistin, Evelyn Couch (gespielt von Kathy Bates), eine normale, spießige, beleibte Hausfrau in den Wechseljahren ist, die es allen versucht recht zu machen, aber selbst immer zu kurz kommt. Eine feinfühlig erzählte und modellhafte Geschichte darüber, wie unterdrückte Frauen mithilfe von Mut, Humor, Hammer und Pfanne ihre Freiheit (gegenüber einem normierenden, bevormundenden, gewalttätigen und selbstsüchtigen Patriachat) erkämpfen und verteidigen.

Fremder Feind (Alternativtitel: Krieg), Rick Ostermann (2017)
Das Filmdrama empfehle ich manchmal, wenn bei Angehörigen die Situation sehr zugespitzt ist und es darum geht, den Selbsterhalt und das eigene Leben vor dem zerstörerischen Sog der Sucht zu retten. Der Protagonist Arnold, facettenreich von Ulrich Matthes gespielt, verliert fast alles, was in seinem Leben wertvoll ist, auch weil er es aus pazifistischen Idealen ablehnt, sich zu wehren. Schicksalsergeben bis über jede Schmerzgrenze hinweg nimmt er alles hin. Erst als es um seine nackte Existenz gegen einen unsichtbaren Feind geht, beendet er sein gewohnheitsmäßiges Zaudern und beginnt, zu kämpfen.